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Christkind, der Knecht Ruprecht und hier und da Nikolaus gelten heute noch etwas zu Weihnachten.
N kolauS ist der 6. Dezember. Von diesem Tage bis zum 6. Januar währte die Gesamtfeier der Wintersonnenwende. Jedenfalls war er einst dem Wodan geweiht. Denn Nikolaus wird für diesen Tag in Wodans Wesen eingekleidet. Er geht um di« se Zeit, erzählt die Sage, mit seinen Knechten durch Dörfer, Flecken und Städte und wirft heimlich durch die Fenster seine Geschenke herein. Weil Nikolaus nach der Legende ein gütiger, wohlthätiger Bischof (zu Myra in Lycien) gewesen sein soll, der um 327 starb, so hielt ihn die alte Kirche bei ihrem Vordringen in die germanischen Länder für den geeignetsten Heiligen, am 6. Dezember Wodan's Rolle im christlichen Gewände zu spielen. Nur selten noch, am meisten noch am Rhein, in Süddeutschland, doch auch im Vogtlande, ist es Brauch, den Kindern am Niklastage Zopfstollen oder Nickelzöpfe und Nüsse früh verstohlen in einem Säckchen ans Bett zu hängen oder darunter zu legen, als habe das St. Nikolaus während der Nacht gethan.
Weniger geheimnisvoll spukt der Knecht Ruprecht vor Weihnachten, cm liebsten in der letzten Woche. Er poltert schreckhaft an die Thür, hinter der die Kinder versteckt sind, nachdem sie ibn mit furchtverhaltener Freude schon durch die Gassen haben laufen sehen. Zur halbgeöffneten Thür wiist er Nüsse und Aepfel in die Stube. Und an einem Abende tritt er auch herein und fragt die Kleinen nach ihrem Verhalten aus. Darauf theilt er ihnen von seinen Gaben aus oder schilt und bestraft sie. Endlich müssen sie ihm Folgsamkeit und alles Gute versprechen, worauf er sich entfernt.
Wo man durch seine Erscheinung die Kinder zu erschrecken fürchtet, läßt man den freundlichen Weihnachtsmann oder das sanfte Christkind, auch beide zugleich, dafür austreten. Diese beiden Gestalten erfreuen sich, den weniger derben Sitten des modernen Lebens entsprechend, noch jetzt fast allgemeiner Sympathie. Und wo man sie nicht in Person vorsührt, erzählt man den entzückten Kleinen wenigstens von ihnen.
Im Glauben an die nahenden Götter lag die nun fast erstorbene Sitte begründet, vor Weihnachten vier Wochen lang des Abends fromme Lieder im Familienkreise zu singen. Das erinnert an das uralte Ostersingen. Wie dieses, fristet das auch aus germanischer Ze't stammende Weihnachtssingen nur in weltabgeschiedenen Orten noch ein schüchternes Dasein. Hier und da bestcht dies nur darin, daß der Nachtwächter am Weihnachtsabend vor den Häusern ein Lied singt und dafür etwas geschenkt bekommt.
Im alten Germanien zog an diesem Abend gewiß wie beim Ostersingen Groß und Klein, wenn auch nicht über Berg und Thal, so doch von einem Hof zum andern unter gemeinsamem Gesänge. Ohne Fackelbeleuchtung ging das kaum an. So ist vielleicht auch die Weihnachtsmette nur ein christliches Zugeständnis an das Germanentum, wie auch das in dunkler Mitternachtsstunde feierlich und ernst die Seele bewegende Glockengeläut, die Choralmusik und der Gesang von Türmen, und das klingt einsam und heilig herab in die tiefe Winternacht wie „vom Himmel hoch".
Und wer einmal in einem halb im Schnee begrabenen Kirchlein in den Bergen einer WeihnachtSmette beigewohnt hat, — denn dort lebt der alte Brauch noch am treuesten — der wird im Leben nicht das ergreifende Bild vergessen, das die Hunderte von Lichtern bieten, die in dem hohen Raum vor den vielen andächtigen Gesichtern flimmern und in stiller Nachtstunde ihren freundlichen Schein hinausschicken auf die schlafende Erde, auf überschneite Gräber, auf weiße, regungslos träumende Bäume.
Es ist doch ein schöner, alter Glaube gewesen, den unsere Ahnen hatten, der Glaube von dem Umherwandeln
der Götter zur Weihnachtszeit in den Zwölfnächten. Das Volk weiß nichts mehr von diesem Glauben. Nur seinem Aberglauben ist die dumpfe Erinnerung daran nicht entschwunden.
Weil die Götter nahe sind, will man von ihnen etwas erfahren, einen Blick in die Zukunft thun, hören oder hlosdn, wie die alten Germanen sagten. Darum heißen die Zwölfnächte auch die Losnächte. Unternächte nennt man sie wohl, weil die Götter in diesen Nächten „unten" auf Erden waren. Rauhnächte soll vielleicht eher Raunnächte heißen. Es hinge dann mit der alten Form für raunen, mit rünen, flüstern, zusammen.
Wie enthüllen die Götter in diesen geheimnisvollen Zwölfnächten dem Menschen das dunkle Kommende? In Traumgestchten am liebsten. Für das ganze Jahr offenbaren sie nach dem Volksglauben dem Menschen sein Schicksal. Die zwölf Nächte gehen mit ihren Träumen den zwölf Monaten parallel. Die meisten merken sich ihre Träume zu dieser Zeit deshalb möglichst genau.
Die Zwölfnächte hält man auch im allgemeinen für bedeutungsvoll in betreff des neuen Jahres. Sie sollen gleichsam sein Miniaturbild spiegeln. Die „Kundigen" achten deshalb auf alle Zeichen und wissen von Menschenaltern her ihre Deutung. Wüthen z. B. während der Zwölfnächte wilde Stürme, so entsteht Krieg im neuen Jahre. Den alten Germanen galt Sturm und Krieg überhaupt als gleichbedeutend.
Die in den Zwölfnächten beobachteten Gebräuche haben viel mit denen anderer Festtage gemein, die auch altgermanischem Glaubeusboden entsprossen sind. Besonders das, was der vermeintlichen Nähe der Götter wegen gethan wird. Scharf ausgeprägt ist im Volksbrauch der Zwölfnächte aber das Lauschen in die Zukunft. Dabei erwartet man von den unsichtbar nahen Göttern in den zwölf ersten Jahresnächten sicheren, wenn auch mystischen Aufschluß.
Das „Horchen" vor allem findet in den Zwölfnächten seine besonderen Ausdrucksformen. Am Abend oder in der Nacht lauscht manches Mädchen auch völlig entkleidet am Ofentopf auf die summenden Töne, die darin hörbar werden. Diese „Stimmen", die man im alten Germanien aus dem Opfer-Feuer und -Kessel erlauschte, dessen Stelle bann vielleicht der Osentopf etnnahm, wurden von den Lauschenden für die Zukunft gedeutet. Zur Mitternachtsstunde in der Christnacht hört man, wenn man im Stalle horcht, die Rinder miteinander sprechen. Niemals aber erzählen sie von kommendem Glück, immer von Unglück.
Zwischen 11 und 12 Uhr nachts geht man auch ins Freie, um zu horchen. Die alten Germanen thaten dies mit dem Schwert umgürtet oder auf dem Fell eines geopferten Tieres knieend. In christlicher Zeit' stellte man sich nach geschehener Bekreuzung und Anrufung der Dreieinigkeit auf einem Kreuzweg auf und lauschte auf Laute in der Ferne. Auch Erscheinungen soll man dann haben können- ein geisterhafter Leichenzug kommt aus einem Hause, Flämmchen huschen aus einer Thür nsw. Dieses hellseherische Horchen soll zu derselben Stunde unbeabsichtigt eintreten, wenn man zufällig unter einem Balken steht, von dem ein Ende nach Morgen gerichtet ist und dabei ein Vaterunser betet. Sobald man aber vor Ablauf der Stunde aus der Linie des Balkens weicht, soll es einem den Hals umdrehen. Dogmen des Aberglaubens, um den altgermanischen Götterglauben geschmiedet! Aber doch ist die Erinnerung an die wandernden Weihnachtsgötter unverkennbar.
Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Pilz.
NedMon- ®. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Ynipersitiits-Buch- und Steindruckrrei (Pietsch Erben) in Ließen.


