sah ihm fest inS Gesicht, als er jetzt ein paar höfliche Worte zu ihr sprach. Plötzlich schrak sie zusammen, sie hatte es — eine Aehnlichkeit mit Albert war es, welche sie frappierte — aber es war eine sehr entfernte Aehnlichkeit. An Albert war alles weich und zierlich und elegant, während diese verwitterte Erscheinung auf Eleganz gar keinen Anspruch machen konnte. Indes er erinnerte sie an den Geliebten.
Mr. White empfahl sich und dankce Herrn Weiland artig für den Genuß, den er ihm bereitet habe. Seine Augen hafteten aber mehr an der Tochter, als an dem Vater.
Mathilde setzte sich dann an den Flügel, um die Rhapsodie von Liszt noch einmal durchzuspielen, wie es der Vater forderte. Aber sie spielte mechanisch, mit abwesendem Geist und hörte kaum des Vaters Rügen und Mahnungen.
Als sie geendet, fragte sie ihn kurz, wo er denn diesen Amerikaner getroffen habe.
„Im Theater," war die Antwort. „Oh, er ist ein sehr umgänglicher H.rr, der die Nase nicht so hoch trägt und doch hundertmal mchr v.rsteht, als die Gelbschnäbel hier zu Lande. Er kannte Dich schon, das heißt, er hatte Dich auf der Straße gesehen, Du warst ihm aufgefallen, natürlich, ha! ha! ha! und er meinte, ob Du schon verlobt seiest."
Der Vater sprach schmunzelnd, selbstgefällig und schien keine Ahnung davon zu haben, wie unpassend seine Rede war. In Mathildens Antlitz flammte dunkle Glut empor.
„Wie kommt er zu der Annahme?" fragte sie zornig. „Ueberhaupt, Vater, was hat der Fremde mit mir zu schaffen, und was braucht er sich um mich zu kümmern? Ich bitte Dich dringend, laß mich aus dem Spiel in Deinen Reden mit neuen und alten Bekannten."
Sie verließ unter heftigem Herzklopfen das Zimmer. Etwas Beängstigendes war über sie gekommen, wie verfiel der Fremde darauf, sie verlobt zu glauben — hatte er sie mit Albert gesehen? Stand er zu Albert in Beziehungen? Um des Vaters und seiner Komposition willen war der nicht gekommen.
Ach! wie schwer war ihr Leben, sie fühlte sich weit über den Ihren stehend, über dem derben, taktlosen Vater und der schwachen, demütigen, geplagten Mutter. Die Geschwister waren eine Last, und ihr Herz voll brennender Wünsche, voll heißer Sehnsucht nach einer andern, freieren Existenz.
Als sie vor dem kleinen Spiegel in ihrer engen Kammer stand, wo sie sich aukleiden mußte, Prüfte sie mit einer M ene, die weit über ihre Jahre ging, ihre Erscheinung. Las weiße Kleid mit den rosa Schleifen, einfach genug, aber frisch und sauber, lag über ihr Bett gebreitet. Sie legte es an, nachdem sie ihr Haar sorgfältig in losen Puffen geordnet hatte. Wundervoll hoben sich die weißen, vollen Schultern und Arme aus dem Ausschnitt des Kleides. Die großen Augen mit dem schillernden Glanz und den fein gewölbten Brauen blickten sie fremd an aus dem Glas — war sie das, sie, Mathilde Weiland, die Tochter des Geigers? Sie dünkte sich selbst ein Wunder.
Ihre ganze Erscheinung war vornehm und auffallend, die gutmütige Emma, das kleine, runde, hausbackene Ving, das am Boden kniete und die Goldkäferstiefelchen zuschnücte, die konnte gar nicht ihre Schwester sein.
Sie stand jetzt neben ihr und heftete den rosafarbenen Gürtel fest, ihre beiden Köpfe gab das Glas zurück, und über Mathildens schöne Züge flog ein mitleidiges Lächeln. Sollte die Natur solch ein Spiel umsonst hervorgebracht haben! Nein — sie gehörte nicht hierher, sie würde sicher bald an einen anderen Platz gestellt.
Zweites Kapitel.
Es war spät geworden, das Konzert in der Philharmonie fast zu Ende, als Albert von Trott sich endlich aus dem Kreise der Kameraden loszuretßen vermochte. Er trat in den Saal, als Mathilde gerade ihre letzte Piöce spielte,
einen ungarischen Walzer in wildem Tempo mit brillanter Technik.
Jetzt erhob sie sich, wundervoll wirkte ihre Erscheinung hiir in dem blendenden Gaslicht. Die große Jugend, die einfache Toilette, der Zauber süßer Lieblichkeit, der sie umfloß, das alles unterschied sie von der Mehrzahl der Pianistinnen, die man zu sehen und zu hören gewohnt war, und an die man die höchsten Anforderungen stellte.
Wie anmutig sie sich verneigte, bescheiden und doch nicht linkisch, sie trat zum erstenmal öffentlich auf, man lernte sie heute erst kennen.
Ha! Albert knirschte mit den Zähnen — der schreckliche Vater stand ihr zur Seite, er wehrte nicht diesem dreisten Schwarm junger Fante, die sie umringten, ihr Schmeicheleien sagten. Da waren sie alle, die er so genau kannte,- Hauptmann Kriesche und der tolle Wienleben, der sich für unwiderstehlich hielt, und der Windhund, der Schmarsow, er wußte genau, was er von den Gesinnungen dieser Kameraden diesem schönen Mädchen, der Geigerstochter, gegenüber zu halten hatte.
Er hielt es nicht mehr aus, er fand sich plötzlich auch auf dem Podium, neben ihr, er schob geschickt die anderen beiseite — wußte man schon etwas, oder schien es ihm nur so, ihn dünkte, man mache ihm bereitwillig Platz, ein gewisses cynisches, ihm verständliches Lächeln spielte auf den Gesichtern der Kameraden — aber sie sah strahlend, im Siegesrausch eines großen Triumphes zu ihm auf.
Hatte er sie nicht mehr für sich allein? Eine wilde Eiferststht flammte in ihm auf, ein ihm bisher fremdes Gefühl. Sie erschrak vor seinem wilden Blick, und doch frohlockte sie, denn sie sah seine Leidenschaft, und es war ihr recht, wenn sie durch Eifersucht zu höherer Flamme entfacht wurde.
Sie zögerte einen Moment, als er ihr hier öffentlich seinen Arm bot, um sie hinaus zu führen, aber die anderen Herren waren zurückgetreten, und der Vater überließ sie dem neuen Kavalier. Eine heiße Blutwelle in ihren Wangen, schritt sie an seinem Arm bis zum Ausgang mit dem Bewußtsein, daß hundert Augen ihr nachschauten, hundert Zungen ihr nachzischelten. Aber lasse man sie zischeln. Sie war des Geliebten sicher, heute that er seine redlichen Absichten deutlich kund.
„Siehst Du es, daß ich mein Wort gehalten und Dich vor aller Augen an meine Seite gezwungen habe? Wolltest Du etwa vorhin einem dieser anderen solch Recht gönnen?" flüsterte er an ihrem Ohr.
„Albert, was sagst Du zu meinem Spiel?" fragte sie leise und atemlos. „Sie alle huldigten ja nur meiner Kunst, reicht sie, um mich groß, um mich berühmt zu machen, Dir ebenbürtig?"
„Pah! Deine Schönheit zwingt alle zu Deinen Füßen," sagte er kurz, beinahe verächtlich.
Ihr Spiel hatte er gar nicht gehört, ihre. Kunst achtete er keinen Deut.
Es rann plötzlich wie Todeskälte durch Mathildens Adern, ihre Empfindungen waren unklar. Sie war gründlich musikalisch gebildet, ja, vom Vater gedrillt worden, und sie besaß Talent genug, um auch von Liebe zu ihrer Kunst beseelt zu sein — lange Jahre hindurch war die Musik ihre einzige Trösterin gewesen in der elenden Prosa ihres Daseins, bis die Liebe fremde Gefühle und anders gestaltete Hoffnungen in ihr Herz warf. Jetzt faßte sie eine Ahnung, daß ihr Geliebter von ihrer Kunst nichts verstand, ja, sie nicht einmal wert hielt.
Draußen herrschte heftiges Schneetreiben, der Vater, welcher laut redend neben ihnen ging, eilte jetzt vorwärts, um die Droschke, welche sie nach Hause befördern sollte, herbeizurufen- in dem Gewirr der Equipagen gelang ihm das nicht so rasch. - „
Albert von Trott hüllte die Geliebte fester in ihren Shawl und sah sich scheu um, in wie weit sein Thun bemerkt werde. Aber er gewahrte nur einen Fremden, der ihn und


