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„Gewiß nicht," erwiderte grau Andree. „Bleiben Sie zum Abendbrot, Herr Nansen?"
„Ich danke. Heute nicht. Ich habe eine Verabredung."
Er gab ihr die Hand und verabschiedete sich von den anderen.
„Und ich hoffe doch, den Weg noch einmal wiederzustnden," flüsterte er Martha zu, die ihn bis zum Thore begleitet hatte.
Sie antwortete nicht. Sie ging ihren gewohnten Beschäftigungen nach, und doch waren ihre Gedanken fort und fort bei dem jungen Manne, der sie soeben verlassen hatte. Jedes Wort, das sie miteinander gesprochen, wiederholte sie sich im stillen. Sie zählte die Tage und Stunden, bis sie ihn Wiedersehen würde. Donnerstug, wenn sie zur Klavierstunde ging; er kannte Ort und Stunde, und wie oft hatte ihn der Zufall zur selben Zeit dieselbe Straße geführt. Ein flüchtiger Gruß, ein Blick aus seinen lieben, blauen Augen — und der ganze Tag war für sie in Glück und Sonnenschein getaucht.
II.
Olaf Nansens Vater, ein Schwede, war als Jüngling nach Deutschland gekommen. Reich und unabhängig, hatte er sich auf verschiedenen Hochschulen herumgetrieben, ohne sein Wissen erheblich zu vermehren, und hatte schließlich noch als Student geheiratet. Diesem jugendlichen Ehebunde war Olaf entsprossen. Die Mutter starb bei der Geburt des Knaben, nur mehrere Jahre später starb auch der Vater. Sein bester Freund, der Rechtsanwalt Andree, übernahm die Vormundschaft über den Frühverwaisten. Und so verband schon von Kindheit auf eine innige Freundschaft Olaf mit der Familie seines Vormunds. Sie ward nach einer mehrjährigen Abwesenheit des Knaben neu angeknüpft und blieb bestehen, auch nachdem Olaf volljährig und sein eigener Herr geworden war.
Nicht nur im Aeußeren, auch seinem Charakter und Temperament nach war Olaf dem verstorbenen Vater sehr ähnlich,- lebensfroh und heiter wie dieser, geneigt, das Leben von der leichten Seite zu nehmen, allem philiströsen Zwang abhold, seiner Unabhängigkeit froh. Mit dem Studium drängte es auch ihm nicht allzusehr. Er hatte außerhalb des erwählten technischen Berufes allerhand wissenschaftliche und schöngeistige Interessen. Er hörte Vorträge über Geschichte und Litteratur, über Kunst und Naturwissenschaften - er besuchte eifrig das Theater- er las gern und viel- und in alledem traf sich sein Geschmack mit dem Martha Andrees. Vor seiner Abwesenheit waren die Andreeschen Kinder zu jung gewesen, als daß er sich ernstlich mit ihnen beschäftigt hätte. Bet seiner Rückkehr fand er Leonhard herangewachsen, Elschen bemühte sich um seine Gunst, und zwischen ihm und Martha hatte sich eine ungezwungene Kameradschaft gebildet. Die beiden tauschten ihre Ideen über Kunst und Politik, über Gott und die Welt aus- sie kannten eines die Ansichten und den Geschmack des andern. Und allmählich über den tändelnden und glühenden Liedern seines Lieblings Heine, über den schwermütigen Gesängen Lenaus hatte sich, ihnen selbst kaum bewußt, ein wärmeres Gefühl in ihre Beziehungen eingeschlichen. Ein sehr warmes Gefühl, das das Herz des Mädchens völlig erfüllte, und das auch das seine in Flammen setzte- mit dem Unterschiede jedoch, daß es den jungen Mann nicht hinderte, sich, sobald er dem Bannkreis der reinen und edlen Mädchenseele entschwunden war, weniger edlen und reinen Genüssen hinzugeben.
Sein Freundeskreis war nicht der beste: vermögende junge Polhtechniker, meist Ausländer, denen das Studium mehr zum Borwand diente, ein paar reiche Kaufmannssöhne, einige wenige flotte Offiziere. Man amüsierte sich sehr, man excedierte nach den verschiedensten Richtungen- und wenn auch Olaf nicht zu den Schlimmsten in der oberflächlichen und leichtfertigen Gesellschaft gehörte, wenn er auch an Tiefe und sittlichem Ernst weit über den Genossen stand, so hatte er es doch trotz verschiedener Versuche nicht über
sich gebracht, ihnen dauernd den Rücken zu kehren. Wie oft hatte er voll der besten Vorsätze das Andreesche Haus verlassen! Sobald er die Freunde wieder traf, verflogen die Vorsätze wie Spreu im Winde.
So war Olaf fünfundzwanzig Jahre alt geworden und noch immer Polytechniker.
„Nun, mein Herr Studiosus! Oder darf man Sie mit einem anderen Titel begrüßen?"
Olaf blickte bei dieser Anrede erstaunt auf. Er hatte, noch ganz in Gedanken bei Martha, den ihm Entgegenkommenden gar nicht bemerkt.
Es war ein großer, kräftiger Mann mit blondem, ins rötliche spielendem Haar und Schnurrbart und frischem, roten Gesicht: der Rechtsanwalt Konrad Ziel, Andrees Sozius. Er hatte auf seine scherzhaft gemeinte Frage wohl keine Antwort erwartet, denn er fuhr gleich fort: „Waren Sie vielleicht bei Andrees?"
Olaf bejahte.
„Ich bin auf dem Wege dahin. Sind Nachrichten aus Karlsbad da?"
„Nein. Nichts Besonderes wenigstens."
„So, so. Auf Wiedersehen!" Und damit eilte er fort.
Nichts Besonders. So ähnlich lautete auch die Antwort der Frau Andree, als Ziel dieselbe Frage an sie richtete.
„Das wundert mich," meinte Ziel. Dabet trommelte er mit den Fingern seiner unbehandschuhten Rechten auf dem Rücken der linken Hand. Ein nur einigermaßen aufmerksamer Beobachter würde bemerkt haben, daß er ziemlich erregt war. Nicht so die Frau, die ihm gegenüber stand. Ihr schöngeschnittenes Gesicht, ein weiches Oval, das infolge des glatt in die Stirn gestrichenen Haares vielleicht noch um etwas runder und voller erschien, als es mit den Jahren geworden war, blieb völlig ruhig, während sie langsam und sorgfältig eine Handarbeit zusammenpackte, die vor ihr auf dem Tische lag. Dann huschte ein leichtes Lächeln über die ernsten Züge, und sie sagte: „Etwas Außergewöhnliches doch- Leonhard hat mich gebeten, ich möge zu ihm kommen, um die letzten acht Tage mit ihm in Karlsbad zu verbringen."
„Nun? und noch nicht reisefertig?"
„Ach nein," erwiderte sie. „Das geht doch nicht an. Es war recht lieb von ihm, daß er mir solch' ein Vergnügen bereiten wollte- aber ich kann die Kinder nicht allein lassen, noch dazu in den Ferien. Auch hätte ich gar kein passendes Kleid."
„Na ja! die bekannte Frauenzimmerausrede!" rief der Rechtsanwalt etwas derb. „Das hat immer den ganzen Schrank voll Kleider und nichts anzuziehen! So reisen Sie doch in Gottes Namen so wie Sie sind."
„Damit würde Leonhard nickt zufrieden sein," bemerkte Frau Andree ohne alle Empfindlichkeit. „Glauben Sie das nicht auch?"
„Warum denn nicht? Außerdem giebt es auch Modemagazine, wo man alles fix und fertig zu kaufen bekommt."
Frau Andree lächelte ein wenig. „Die Herren denken sich so etwas immer viel leichter zu bewerstelligen, als es ist."
„Und die Frauen sind immer ungemein schwerfällig, sobald sie keine Lust zu einer Sache haben," antwortete er unhöflich. „Wenn Ihr Mann Sie haben will, so ist es Ihre verdammte Pflicht — Hat er ihnen keinen Grund für seinen Wunsch geschrieben?" unterbrach sich Ziel.
„Nein. Es war eine liebenswürdige Laune- leider unausführbar."
Ziel sah ein, daß es nutzlos sei, weiter in sie dringen. War es doch mehr eine subjektive Empfindung — nicht einmal zur Ahnung verdichtet — als irgend eine greifbare Ursache, die ihm ihre Anwesenheit in Karlsbad so wünschenswert erscheinen ließ.
„Eß geht Ihrem Manne gut?" fragte er nach einer Weile.


