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welchem Namen ich einen kleinen, blühenden Seehafen der Südküste verberge.

Achtundzwanzig Monate hindurch hatte ich nichts wie Himmel und Wasser, und ab und zu in der Ferne einmal einen Uferrand gesehen. Diese Einförmigkeit war nur hin und wieder unterbrochen worden durch das Anlegen an einer Tropenstadt, wo wir dann während der Glühhitze des Tages Ladung einnahmen, die Nacht hindurch aber, nach Aankee- Brauch, in einer Schenke schwelgten. Nach solchem Leben war der Anblick der reichen englischen Landschaft, der herr­lichen Felder nnd Wiesen, des wogenden Getreides und der gebräunten, auf ihre Gabeln und Sensen gestützten Arbeiter, ein Labsal für das Auge. Man kann sich nicht satt sehen an so viel unvergessener und doch neuer Schönheit. Ich lehnte mich so lange aus dem Wagenfenster, bis Ruß und Staub in meinen Augen mich beinahe nichts mehr sehen ließen. Gott weiß, welch liebe Erinnerungen die heimatliche Landschaft in mir erweckte. Es tauchten in mir Gedanken auf an meine Mutter, die schon seit zehn Jahren tot war, an meine Schulzeit, die Bücher, welche ich damals las, und an meine knabenhaften Hoffnungen und Bestrebungen; tausend freundliche Bilder schimmerten mir aus der Vergangenheit herüber wie blaue Blicke aus wolkenbedecktem Himmel.

Seit der letzten Nachricht von meinem Vater waren fünfzehn Monate vergangen, aber ich hatte nie daran ge­dacht, daß in einem solchen Zeitraum viel geschehen kann, um das Leben eines Menschen in andere Bahnen zu lenken, sein Glück zu zerstören, seinen Charakter zu ändern, ihn Plötzlich ostwärts zu werfen, nachdem er bis dahin immer westwärts steuerte. Junge Seeleute beschweren sich nicht oft den Kopf mit Grübeleien dieser Art.

Es war Abend, als der Zug Bayport erreichte. Die untergehende Sonne schien von der Seite auf die roten Dächer der Stadt und die grauen Mauern des Kirchturms - ihre letzten Strahlen machten die Wetterhähne auf den Häusern wie Gold erglänzen und beleuchteten die beiden Hügel, auf deren einem des Küstenwächters Haus stand und zwischen welchen in tief dunklem Blau der Spiegel der See lag.

Ich hatte meinem Vater von den Docks aus geschrieben, daß das Schiff angelangt wäre und wann er mich erwarten könne. Als ich den Zug verließ, sah ich mich daher auf dem Perron um, ob der alte Mann gekommen sei, mich zu empfangen und zu bewillkommnen.

Es war jedoch niemand da, den ich kannte. Ich nahm mir deshalb einen starken Burschen zum Tragen meiner Seekiste und ging von der Station die bekannte Straße entlang, an deren Ende das Haus meines Vaters lag.

Die Sonne war jetzt untergegangen und Dämmerung lag auf den Häusern der engen Straße. Ich begegnete vielen Menschen: Leuten von den kleinen Küsten - Fahr-- zeugen, die mit ihren Mädchen scherzten, Dienstboten, die Besorgungen machten, und Seeleuten von den im Hafen liegenden Schiffen, welche an den Schaufenstern t>es Pasteten­bäckers und des Juweliers standen und laut schwatzten.

Gefolgt von meinem Gepäckträger erreichte ich das alte Haus und drückte auf die Thürklinke, wie ich es soviel hundertmal in vergangenen Tagen gethan hatte. Ich ließ meine Kiste auf den Hausflur stellen und blieb dann horchend stehen, in der Erwartung, meines Vaters Stimme zu ver­nehmen und ihn mir entgegenstürzen zu sehen.

Indessen alles blieb totenstill und mir wurde unbehag­lich. Ich sagte mir:Ja, der Alte hat die Bude verlassen, und du bist hier ein Eindringling in eines anderen Mannes Reich, besser, du machst die Thüre wieder von draußen zu und hältst erst Nachfrage."

Als ich aber meine schwere Kiste stehen sah, entschloß ich mich doch wieder anders.Was kann es schaden," dachte ich,du versuchst es erst hier, irgendwo wird doch wohl ein dienstbarer Geist sein." Ich hustete, aber das

nutzte nichts.Ach, was wirst du hier lange fackeln," brummte ich vor mich hin und stieß die Wohnzimmerthür auf. Der erste Blick überzeugte mich sofort, daß mein Vater hier doch noch leben mußte; du lieber Gott, wie heimelte es mich an: da standen ja die alten, mir vertrauten Möbel, da hing die altmodische Uhr mit dem silbernen Zifferblatt und lautem Tik-tack, dort der ovale Spiegel über dem Kamin, das Modell des Schooners, das Bild meines Vaters und das nein das Bild meiner Mutter nicht- das war fort. An seiner Stelle hing in einem Rahmen eine ganz erbärmliche Stickerei, die Auf­findung Moses darstellend.

Ich kehrte auf den Flur zurück und rief, so laut ich konnte:Schiff ahoy!" Auf diesen Ruf hörte ich oben eine weibliche Stimme aufkreischen und schreien:Herr Gott, wer is denn da, was wollt Ihr hier? packt Euch, Ihr habt hier nichts zu suchen!"

Na, beruhigen Sie sich und kommen Sie herunter," entgegnete ich und ging verstimmt in das Wohnzimmer zu­rück, wo ich mir ein Glas Sherry aus einer auf dem Büffet stehenden Flasche eingoß, um mich über diesen unangenehmen Empfang zu trösten.

Es war wahrhaftig zu arg, in dieser Weise nach einer so langen Abwesenheit begrüßt zu werden. Wo war mein Vater? Hatte er meinen Brief nicht erhalten? Nicht ein­mal eine Taffe Thee war für mich vorbereitet- das hatte ich mir, weiß Gott, anders gedacht. Meine Vorstellung von einem herzlichen Händedruck, einem guten Abendbrot mit einem heiteren, langen Geplauder und danach einem guten Bett, schien gründlich ins Wasser gefallen. Statt all dessen dieser Empfang von der widerwärtigen Stimme da oben, und dieses ausgestorbene Zimmer. Meine Kiste barg ein gut Teil prima Honigtau (Kautabak), eine chinesische Börse und noch verschiedene andere Kleinigkeiten für den alten Mann. Ich hatte ihn nicht vergeffen- und dafür nun diese Vernachlässigung meiner Person! Wahrhaftig, mir war, als hätte mir jemand einen Eimer kalten Wassers über den Kopf gegossen.

(Fortsetzung folgt.)

(Nachdruck verboten.)

Die Armenhausprinzesfin.

Roman von O. Elster.

(Fortsetzung.) XV.

Winterstürme wichen dem Wonnemond." Aber ehe der Wonnemond mit seinem blauen Himmel, seinen linden Lüften, seinem Sonnenschein und seinen Blüten und Blättern in das stille Thal von Benneckenstein etnzog, mußte er einen gar harten Kampf mit dem Winter bestehen, der aus den Schlupfwinkeln des Gebirges hervorblies und Schnee und Eis, Regen und Sturm in das Thal htneinsandte. Bis in den April hinein bedeckte der Schnee die Berge, aber dann sandle der Lenz stürmischen Südwestwind und warme Regen­güsse, die in wenigen Tagen die Schnee- und Etsburgen des Winters zerstörten, daß sie als Wasserfluten die Berge hinabstürzten und die Ströme und Bäche füllten und die Thäler überschwemmten. Das harmlose Bächlein, welches die Niederung Benneckensteins durchströmte, wurde zu einem reißenden Strom und wälzte seine gelben Fluten verderben­bringend über die Gärten, die Felder und Wiesen.

Das Thal glich einem stürmisch bewegten, schmutzig- gelben See, auf dessen vom Südwestwind gepeitschten Wogen die Trümmer eingestürzter Häuser, die Zäune der verwüsteten Gärten, fortgeriffene Brücken, Hausrat aller Art, Baum­stämme und die Leichname ertrunkener Haustiere umher- trieben. Die niedrig gelegenen Straßen des Städtchens standen unter Waffer- bis in das erste Stockwerk der Häuser drang die lehmige, gelbe Flut- weniger widerstandsfähige