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feine, vornehme Dame werden," murmelte er zwischen den Zähnen. „Ich habe sie für immer verloren."
„Wer kann es wissen, Hans Heinrich! Schon manche feine Dame ist zu ihrer alten Heimat zurückgekehrt, schon manche feine Dame im Armenhause gestorben!"
„So wollen wir hier bleiben und ihr den Platz frei halten, Dorette."
V.
Die herzogliche Residenz, in welcher Freiherr Hans Heinrich von Hannecken das Amt eines Hoftheater - Intendanten bekleidete, zählte kaum fünfzigtausend Einwohner, Seine Hoheit, der Herzog, ein lebenslustiger Herr von einigen dreißig Jahren, schwärmte mehr für Theater, Musik und Malerei, als für Militär und Politik. Thatsächlich hatte er ja auch mit-Militär und Politik wenig zu thun, seitdem das deutsche Reich den kleineren deutschen Fürsten die Sorge um diese beiden Zweige des Staatslebens abgenommen hatte. Hoheit begnügten sich damit, den preußischen Anträgen im Bundesrate beizustimmen, das Bataillon des preußischen Infanterie - Regiments, in dem die herzogliche Trupps aufgegangen war, bet Gelegenheit des Kaiserlichen Geburtstages und seines eigenen Wiegenfestes bei der Parade zu begrüßen, die Offiziere zu den Hoffestlichkeiten einzuladen, die Mannschaften dann und wann zu bewirten, einige Kreuze seines Hausordens zu verteilen und im übrigen seinen Minister, einen preußischen Geheimrat, schalten und walten zu lassen.
Das Ländchen stand sich gut dabei und Seine Hoheit der Herzog auch. Er empfand alle einem regierenden Herrn gebührenden Annehmlichkeiten, ohne von den Lasten eines solchen viel in Anspruch genommen zu werden. Dagegen konnten sich Seine Hoheit seiner Lieblingsbeschäftigung mit künstlerischen Angelegenheiten ohne Störung hingeben. Sein kleines Hoftheater genoß einen wohlverdienten Ruf, seine Musik - Akademie wurde von wahrhaft künstlerischen Kräften geleitet, und die klassischen Schauspiel- und Opernvorstellungen des herzoglichen Hoftheaters dienten manchem größeren Theater zum Muster.
Den Mittelpunkt des musikalischen Lebens der kleinen Residenz bildete das Haus des Freiherrn von Hannecken. Der lebenslustige, alte General selbst war freilich kein allzugroßer Kenner der Musik, seine Liebhaberei war mehr Ballet und leichte Tanzmusik geweskki, so lange er in Berlin gelebt, aber seine Gattin Eleonore Amalie, eine geborene Komtesse Hallenstein, selbst eine hochbegabte Dilettantin im Klavierspiel, wußte auch in ihrem Gatten die Begeisterung für die edlere Kunst zu wecken und hatte auch bewirkt, daß der Freiherr den Jntendantenposten in der kleinen Residenz, ihrer Heimat, erhielt.
Eng befreundet mit der Herzogin-Witwe, der Mutter des regierenden Fürsten, nahm Frau von Hannecken eine Vertrauensstellung bei Hofe ein; auf ihre Fürsprache hin wurde ihr Sohn Hans Heinrich, der als Gardeleatnant bei den Dragonern in Berlin stand, zum persönlichen Adjutanten Seiner Hoheit des Herzogs ernannt, mit der wohlbegründeten Aussicht, in des Fürsten Hofdienst bis zu den höchsten Aemtern emporzusteigen.
Die arme Elfte glaubte sich in ein Märchen aus Tausend und eine Nacht versetzt, als sie in das Haus des Freiherrn eintrat.
„Ich bringe Dir ein Wunderkind aus dem Gebirge mit, liebste Eleonore," stellte der Freiherr lachend Elfte seiner Gattin vor. „Ich schrieb Dir schon von meiner Entdeckung, und Du wirst erstaunt sein, welche musikalische Begabung in dem kleinen Mädchen steckt. Es wird sicherlich einst der Stern Deutschlands werden!"
Mit gönnerhaftem Lächeln betrachtete Frau v. Hannecken das verschämt dastehende Kind. Dann mußte Elste spielen und singen.
Ihre Befangenheit wich, als sie vor dem prächtigen Steinway - Flügel saß. Rektor Ahrens war ein trefflicher
Musiklehrer, er bevorzugte die ernste Musik eines Bach, eines Händel, und gerade diese Meister waren die Lieblinge der Baronin.
Das ernste, gediegene Spiel Elsies, ihre glockenhelle, weiche Sopranstimme, ihr warmer Vortrag entzückten die Baronin; gerührt schloß sie Elsie in die Arme und sprach:
„Du bist ein gottbegnadetes Kind. Ich danke Dir, Hans Heinrich, daß Du Elsie zu mir gebracht hast. Ich werde sie unter meinen Schutz nehmen, und ich denke, eine wahrhafte Künstlerin aus ihr zu machen."
Der General und Hoftheater-Jntendant war froh, daß sein Schützling Gnade vor seiner gestrengen Gattin gefunden hatte. Er war sonst nicht gewohnt, selbständig zu handeln; diesmal folgte er indessen seinem guten Herzen, das tieferes Mitleid mit der „Armenhaus-Prinzessin" empfand, die er, ohne seine Gattin zu fragen, in sein Haus eingeführt hatte.
Jetzt erzählte er ihr nochmals ausführlich, wie und wo er den alten Bettler und seine Tochter gefunden, Frau von Hannecken schwieg eine Weile, nachdem ihr Gatte geendet; dann sprach sie mit ernstem Wohlwollen: „Du hast recht gehandelt, Hans Heinrich, Elsie mitzubringen. Ihren Vater wollen wir seinen gewohnten Verhältnissen nicht entreißen, er würde sich hier doch unglücklich fühlen, aber wir werden dafür sorgen, daß er ein ruhiges, gesichertes Alter verleben kann."
So kam Elsie in das glänzende Haus des Freiherrn, in dem eine neue W-lt, ein neues Leben sich ihr eröffnete. Ihre Träume von Glück und Glanz schienen in Erfüllung gehen zu sollen. Sie ward fast wie das eigene Kind des Hauses gehalten. Ein Jahr lang besuchte sie eine vorzügliche Pension und erhielt zugleich von den hervorragendsten Künstlern und Professoren der herzoglichen Musik-Akademie Unterricht; alle waren erstaunt, entzückt von ihrem musikalischen Talent, alle prophezeiten ihr eine große Zukunft, und Elsie selbst glaubte an ihre Zukunft, wollte den Gipfel so rasch wie möglich erreichen und warf sich deshalb mit regem Eifer auf ihr Studium.
Wie weit hinter ihr lag jetzt ihr früheres Leben! Wie weit hinter ihr die „Armenhaus-Prinzessin" ' In Nebeldunst schien die frühere Welt versunken; über ihr strahlte jetzt die goldene Sonne, lachte der wolkenlose, blaue Himmel. Zuweilen noch ward sie an die jetzt so ferne, ferne Zett erinnert, wenn eine kurze, wortkarge Mitteilung ihres Vaters anlangte, das es ihm gut gehe, daß er nichts nötig habe, daß Elsie sich nur ihres Lebens freuen möge, oder als sie einen Brief von Paul empfing, der sie zu der Wandlung in ihrem Leben beglückwünschte, und sie herzlich bat, ihn in ihrer glänzenden Umgebung nicht ganz zu vergessen.
Ein leiser Ton der Wehmut schien den Brief Pauls zu durchzittern. Gedankenvoll, träumend schaute Elsie eine Weile in die Ferne. Vor ihren Augen stiegen die heimatlichen Berge empor, die grünen Wälder und Wiesen, die goldenen Felder mit blühenden Gärten; vor ihrem Auge stand wieder die breitästige Buche am Waldessaum, wo sie Abschied von Paul genommen, und sie sah den Freund ihrer Kindheit wieder vor sich stehen, ihr mit bittendem, sanftem Blick ins Auge schauend, ihre Hände in den {einigen haltend.
Einen Augenblick war es ihr, als habe sie ein schönes, stilles Glück verloren, einen Augenblick überkam sie eine wehmütige Sehnsucht nach dem entschwundenen Glück ihrer Kindheit — doch dann schüttelte sie mit energischer Bewegung die goldenen Locken zurück und richtete sich straff empor. Das Glück lag nicht hinter ihr, vor ihr erglänzte es im sonnigen, goldigen Schein! —
Rasch verging das erste Jahr, welches nur ernsten Studien gewidmet war. In dem zweiten Winter sollte Elsie in die Gesellschaft, in das Leben eingeführt werden.
Seine Hoheit kehrte von einer längeren Reise nach dem Orient zurück und nahm wieder Wohnung auf dem altertümlichen Schloß, das sich burgarttg auf einem Berge über


