560

'i)ie älteste Freimarke wurde im Jahre 1653 in Paris hergestellt. Leider giebt es von dieser Marke keine Abbildung, weil der Besitzer des einzigen noch existierenden Exemplares, ein Herr Feutllet de Conches, aus Furcht, eine Abbildung könne sein Original entwerten, sich standhaft weigert, es nach­bilden zu lassen. Es war eine Frau, die diese erste Frei­marke erfand, und zwar keine geringere, als die in der Ge­schichte Ludwig's XIV. viel genannte Madame de Longueville. Schon früher hatte sie durch ihren Einfluß am Hofe, wo Briefe und Briefgeheimnis eine wichtige Rolle spielten, den Gebrauch des Siegellackes eingesührt, später war sie es, die den Staatsrat Belaher zu der Ausgabe einesbillet de port pay6 veranlaßte, einer Postfreimarke im Werte von einem Sou, die auf den Brief geklebt und durch Aufschrift des Datums entwertet wurde. Für die frankierten Briefe wurden in den verschiedenen Stadtteilen von Paris besondere Briefkasten aufgestellt. Außerhalb Paris hatten die Marken keine Gültigkeit. Die Hoffnungen, die man auf diese Stadt­briefpost gesetzt hatte, scheinen sich nicht erfüllt zu haben. Auch wissen wir nicht, wie lange sie bestanden hat. Jeden­falls war sie längst vergessen, als vor achtzig Jahren im Königreich Sardinien daS System der Postwertzeichen in Form frankierter Briefumschläge wieder auftauchte. Im Berliner Reichspost-Museum befindet sich eine Sammlung solcher Brief­umschläge aus den Jahren 1818 bis 1837. Sie sind aus weißgrauem, sehr grobem Papier, das ein Wasserzeichen ent­hält und als Aufdruck eine Amorette zu Pferde zeigt. Diese Umschläge blieben bis 1837 im Gebrauch. Sie verschwinden hier gerade zu der Zeit, wo in England Charles Knight mit seinem Vorschläge, zur Versendung von Zeitungen frankierte Umschläge mit Ein-Penny-Stempel einzuführen, hervortrat, und zwar, wie behauptet wird, ohne die sardinischen Umschläge gekannt zu haben. Dieser Vorschlag war es, der bald darauf Rowland Hill, den Reformator des englischen Postwesens, auf den Gedanken eines Freimarken-Systems brachte, dessen Einführung im Jahre 1840 ihm den Ruhm des Erfinders der modernen Freimarke eingetragen hat. Nach Htll's Vorschläge brachte der Lord-Schatzmeister im Mai 1840 Briefmarken zu ein Penny und zwei Pence mit dem Bilde der Königin Viktoria in schwarzem und blauem Druck zur Ausgabe. Das Parlament bestätigte sie durch Gesetz vom 10. August 1840. Im Laufe des folgenden Jahrzentes führten zunächst Brasilien, Genf, Zürich, Basel, Finland, die Vereinigten Staaten von Amerika, Mauritius und Rußland Postwertzeichen ein. Nach diesen Staaten erst entschloß sich, gleichzeitig mit Frankreich und Belgien, Bayern als erster deutscher Staat zur Ein­führung der Freimarken- Im Oktober 1849 gab Bayern als erste deutsche Marke die Ein-Kreuzer-Marke im schwarzen Druck auf weißem Papier, die große Wertziffer im Viereck auf marmoriertem Grunde, aus. Im folgenden Jahre schloffen sich Preußen, Sachsen, Schleswig-Holstein und Oesterreich der Freimarken-Ausgabe an. Wie schnell sich weiterhin diese kleinen Passier-Scheine die Welt erobert haben, ist bekannt. Bald entstand ein Wettbewerb unter den Staaten in Her­stellung möglichst kunstreicher Postwertzeichen. Zumeist zeigen sie Bilder von Regenten und Präsidenten, historische Szenen, Landschaften oder geschichtliche und geographische Embleme, Columbus, die neue Welt entdeckend, Indianer, Postboten im Urwalde usw., und die Bilder verraten uns schneller als die Aufschrift den Ursprungsort der Marken. Nicht immer ist bei der Herstellung der Marken das Interesse des Ver­kehrs allein maßgebend gewesen. Sie sind im letzten Viertel unseres Jahrhunderts sehr ergiebige Handels-Objekte geworden. Verschiedene kleinere Staaten wechseln mit den Marken häufiger und betreiben mit den entwerteten älteren einen schwung­haften Handel, denn die Zahl der Markensammler ist Legion. Markenhändler erzielen ungeheure Umsätze, in den Großstädten florieren Markenbörsen, Vereine und zahlreiche Fachzeitschriften gedeihen. Für Seltenheiten werden ungeheure Preise gezahlt,

Preise, von denen der Erfinder der Marken sich gewiß nichts träumen ließ. Es klingt geradezu widersinnig, daß Frei­marken, die zur Verbilligung des Verkehrs erfunden wurden, entwertet mit einem Vermögen bezahlt werden! Nun, ihren höheren Zweck haben sie unzweifelhaft erreicht. Jene Stimmen, die sie bei ihrem ersten Erscheinen mit Spott und Hohn über­schüttet haben, sind längst verstummt; sie find uns ein billiges und bequemes Verkehrsmittel geworden, wir freuen unS, daß wir fie haben, und wünschen der Jubilarin ein ferneres Gedeihen. _________

Vermischtes.

Das Flicken. Nicht selten kommt es vor, daß Mädchen die Hauswäsche nicht hübsch und sauber auszubessern verstehen. Ganz unbegreiflich ist es, daß die Mütter ihre Töchter auf­wachsen lassen, ohne ihnen diese wertvolle Mitgabe für das Leben zu verschaffen. Was auch Behörden und wohlwollende Menschen thun, um in den Volks- und Privatschulen die Kinder mit gutem Handarbeit-Unterricht zu versorgen, immer noch sind die Hausmädchen sehr selten, die gut ausbessern, stopfen und flicken können. Die Nadel hat eine wunderbare Macht, zur Gesittung eines Mädchens beizutragen,- die ge- schickle Handhabung einer Nadel kann unberechenbar viel für das äußere Leben fördern. Die Nettigkeit des Anzuges und der vielen Gebrauchsgegenstände, für geschickte, bessere Handy- unentbehrlich, sind eine Grundbedingung für die Ordnung im Haushalt. Mit der Geschicklichkeit kommt auch die Lust. Wenn ein Dienstmädchen selbst Hausfrau wird, so sieht man es ihr und ihrer Wirtschaft sogleich an, ob fie die Nähnadel gut zu führen versteht. ES ist für den kleinen Mann fast unmöglich, emporzukommen, wenn seine Frau nicht fleißig flickt und näht. Aber nicht nur für kleine und armselige Wirtschaften ist Flicken eine Notwendigkeit; auch die besser- fituirte Hausfrau darf sich davon nicht ausschließen, denn es geht nichts über eine geordnete Häuslichkeit, in welcher sich Pünktlichkeit, Sparsamkeit und Fleiß zu einem harmonischen Ganzen vereinigen.

Schachaufgabe.

(Nachdruck verboten.)

abcdef g h

a b c d e f g h

8

8

6

Weiß.

Weiß setzt mit dem dritten Zuge matt. (Auflösung folgt in nächster Nummer.)

Auflösung des Kreuzrätsels in voriger Nummer: Herrenhut, Ehrensold, Weinstock.

Redaktion: <5. Burkhardt. Druck und Verlag der Brühl'fchen Uni»erflt?t»-Buch. und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.