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ich über alle Berge sein. Siehe Du zu, wie Du Dich herauswindest. Nur schaffe das Geld".
„Balthasar!"
„Im schlimmsten Falle erzählst Du Deinem Mann ein Märchen, wozu Du es gebraucht hast und entdeckst ihm, daß Du es genommen. Es giebt dann eine eheliche Szene, und die Sache ist abgethan. Habe ich kein Geld, kann ich nicht fort, so weißt Du, was Leiner wartet, und rechne auf keine Schon ng, keine Gnade — Äug' um Auge, Zahn um Zahn. — Nun, wie steht es, kann ich das Geld haben?"
„Ich — ich will es heute nacht holen", stammelte sie nach furchtbarem Kampfe, mit kaum vernehmbarer Stimme.
„Heute nacht? Verdammt! So lange soll ich warten! Das Feuer brennt mir auf den Nägeln!" Er stampfte wütend mit dem Fuße.
„Es ist nicht möglich, ich kann es während des TageS nicht wagen", sagte dre geängstigte Frau. „Helldorf kann jeden Augenblick nach Hause zurückkehren und ist dann entweder mit mir zusammen oder bleibt in seinem Zimmer. HanS ist auch in der Nähe und sie — sie ebenfalls. Ach, mir ist es ja ohnehin, als verfolgten die beiden mich mit ihren Späheraugen, als hätten sie sogar meine Kleine zur Spionin für mich abgerichlet!"
„Das bildest Du Dir ja alles nur ein, meine liebe Eugenie, Dein Gewissen ist eben zu zart", erwiderte Corbus, der selbst in dieser für ihn so verhängnisvollen Lage den Spott nicht unterdrücken konnte. „Wenn Du jetzt schnell hinübergingest. Ich erwarte Dich hier. Ein Griff — es ist geschehen und uns beiden ist geholfen!"
„Nein, nein, es geht nicht! Die Gefahr ist zu groß!" rief sie entsetzt abwehrend. Er sah ein, daß sie dazu nicht zu bringen sei, und sagte nach einigem Nachdenken:
„Wohlan, ich muß wohl oder übel so lange warten. Um welche Zeit gedenkst Du Dich in den Besitz des Geldes setzen zu können?"
„Frühestens gegen ein Uhr".
„Nun, da kann ich doch mit einem der Nachtzüge noch fort, gleichviel in welcher Richtung, bis dahin werde ich mich ja wohl noch unsichtbar machen können. Ich warte unten vor dem Hause, Du kommst hinunter und bringst es mir".
Willenlos, ergeben beugte sie das Haupt, und mit einem hämischen „Auf Wiedersehen!" entfernte er sich.
Als sich hinter ihm die Thür geschloffen hatte, blieb sie noch einen Augenblick aufrecht stehen und schaute ihm nach, dann stürzte sie mit dem Ausruf: „Von Schuld zu Schuld!" halb ohnmächtig zusammen.
XIV.
In der geräumigen Villa des Kommerzienrates Helldorf herrschte die Einrichtung, daß die Küche, die WirtschaftSräume und die Wohnung der Dienstboten sich im Souterrain befanden. Das darüber liegende Geschoß enthielt sämtliche Wohn- und Gesellschaftsräume, und das obere Stockwerk alle Schlafzimmer, außerdem aber noch die ganz für sich bestehende Wohnung von Hans Helldorf und das Zimmer, wo Fräulein von Kressen sich mit ihrem Zögling aufhielt und ihm den Unterricht erteilte. —
Es war eine feuchtwarme, trübe Augustnacht. Die Sterne, die um diese Jahreszeit mit hellem, glänzenden Schein auf die Erde herniederzustrahlen pflegen, waren von schwarzen Wolken verhüllt, welche die Mondesscheibe zuweilen durchbrach, um gleich darauf wieder von ihnen verdeckt zu werden.
In der Bellevuestraße war jegliches Geräusch verstummt. Nur aus der Ferne, vom Potsdamer Platz her, vernahm man das während der ganzen Nacht nicht verstummende Geräusch der Wagen, vereinzelt klang nur der Fußtritt eines verspätet heimkehrenden Wanderers.
Tiefe Stille herrschte auch in der Billa deS Kommerzienrates Helldorf. Adalbert hatte mit dem Beginn der Universitäts- ferten eine Reise nach der Schweiz angetreten, alle übrigen Bewohner des Hauses hatten sich schon seit länger als einer Stunde in ihre Schlafzimmer zurückgezogen.
Aber nicht allen war die Wohlthat des Schlafes zuteil geworden. Seit Wochen floh er schon Felicitas von Kressen- sie lebte wie unter dem Fallbeil, und es hatte schon wiederholt des energischen Zuspruchs von Aurelie und von Hans Helldorf bedurft, um sie zu vermögen, auf ihrem Posten auszuharren.
In dieser Nacht war sie von einer ganz besonderen Unruhe heimgesucht. Es war von ihr nicht unbemerkt geblieben, daß Dr Corbus, der sich in letzterer Zeit nur wenig hatte blicken laffen, dagewesen war und eine lange Unterredung mit der Kommerzienrätin gehabt hatte. Hatte er sich auch entfernt, ohne sie aufgesucht und beunruhigt zu haben, so war sie doch fest überzeugt, daß man wieder etwas gegen sie im Schilde führe und grübelte unter Sorgen und Bangen über die Frage: welcher Schlag demnächst auf ihr unschuldiges Haupt fallen würde.
Die im Treppenhause in einem altertümlichen Gehäuse stehende Uhr hatte schon lange Mitternacht geschlagen, und noch immer lag Felicitas wachend auf ihrem Lager, lauschte den gleichmäßigen Atemzügen der neben ihr schlafenden Hermine und den seltsamen, unerklärlichen Geräuschen, welche die Nacht hervorbringt.
Zu diesen Geräuschen gesellte sich aber jetzt noch ein anderes- es war sehr, sehr leise nur vernehmbar einem Ohr, das durch häufiges Wachen unv Lauschen geschärft war wie Fräulein von Kreffens. Dennoch glaubte sie zuerst an eine Täuschung ihrer Sinne. Sie richtete sich auf und horchte mit angehaltenem Atem, und plötzlich wußte sie, nicht allein, daß sie recht gehört, sondern auch was das geheimnisvolle Rauschen und Raunen da draußen zu bedeuten habe.
Es war die Thür vom Schlafzimmer der Kommerzienrätin, die sich in ihren Angeln gedreht hatte, eS war ihr Fuß, der in weichen Schuhen katzenartig die Treppe hinunter- schltch. Wohin ging sie? Was bedeutete dieses Nachtwandeln der sonst die kleinste Anstrengung scheuenden Frau?"
Felicitas nahm sich nicht Zeit, über diese Fragen nachzusinnen. Schnell und geräuschlos erhob sie sich von ihrem Lager und kleidete sich beim Scheine des jetzt durch die Vorhänge fallenden Mondstrahls an. Mit der größten Vorsicht öffnete sie die Thür, da aber doch ein leises Geräusch dadurch verursacht worden war, schloß sie sie hinter sich nicht wieder.
Die Treppe hinabhuschend, stand sie, die Hand auf ihr lautklopfendes Herz drückend, einen Augenblick still und blickte sich um, unschlüssig, wohin sie sich nun wenden sollte. Ein Lichtschein, dünn wie rin Faden, gab ihr die Richtung an. Er fiel durch einen Spalt in der zum Zimmer des Kommerzienrat Helldorf führenden Thür. Mit einem Sprunge war sie daran, öffnete sie nur so weit, um hindurchschlüpfen zu können, schlug die bereits bei Sette geschobene Portiöre noch weiter zurück und vermochte nun den durch eine kleine Handlaterne schwach erhellten Raum zu überschauen. Nur mit Mühe unterdrückte sie einen lauten Aufschrei.
(Fortsetzung folgt.)
Das Jubiläum der ersten deutschen Briefmarke.
Unsere heutige Generation kann sich eine Zeit ohne Briefmarken garntcht vorstellen, wie sie sich eine solche ohne Streichhölzer nicht denken kann, und doch ist eß noch garnicht so lange her, seit beide erfunden, resp. eingeführt wurden. Die deutsche Briefmarke feiert im Oktober d. I. ihr fünfzigjähriges Jubiläum! In der „Illustrierten Frauen-Zeitung" (Verlag von Franz Lipperheide in Berlin) ist ein mit mehreren Illustrationen geschmückter Aufsatz über die Einführung der Briefmarke enthalten, dem wir folgendes entnehmen: Es war im Oktober 1849, als die bayerische schwarze Ein-Kreuzer-Marke als erste deutsche Marke dem Verkehr übergeben wurde. Die erste ihrer Art war sie freilich nicht. Es geziemt sich, heute, an ihrem Jubeltage, auch des fremdländischen Stammbaumes, dem sie entsproßte, zu gedenken.


