558 -

ihre wohlwollenden, aber untrüglichen Ratschläge nicht be­herzigte. Sie war jedoch zu gutmütig, das demjungen Dinge", wie sie meinte, nachzutragen, tröstete sich vielmehr mit der bestimmten Hoffnung, daß Renata schon noch ein­sehen lernen werde, wie teuer sonst guter Rat in der Welt sei.

Für ihre Mutter war Lina ein Gegenstand unausgesetzter Bewunderung, es war auch der neuen Hausgenossin schon nicht mehr verschwiegen geblieben, wieviel Körbchen dieselbe schon geflochten habe, Eröffnungen freilich, welche die mit solchem Vertrauen Geehrte erstaunlich kühl ließen. Ueber- haupt half Renaten nur die Ueberzeugung von der auf­richtig wohlmeinenden Gesinnung beider Frauen ihre oft aufsteigende Ungeduld bekämpfen; außerdem waren ja that- sächlich beide ihr einziger äußerer Rückhalt; sie hatte doch mit ihrem kleinen Bruder eine Art Heimat bei ihnen gefunden.

Die Geschwister überschritten den belebten Markt und bogen dann ziemlich planlos in eine seitwärts führende, stattliche Straße ein. Hier waltete eine vornehme Stille, und sämtliche Häuser trugen das gleiche Gepräge an ihren altersgrauen Stirnen. Anscheinend im wesentlichen einer Zeit entstammend, unterschieden sie sich wenig von einander. Walter musterte mit kindlicher Neugier die ehrwürdigen Gebäude, bis sich plötzlich seine Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Punkt ausschließlich lenkte und er ausrief: Sieh, sieh doch, Renate, das weiße Täubchen!"

Wo denn?" fragte diese mit suchenden Augen.

Dort oben im Fenster, ah, sieh doch, wie reizend es das Köpfchen dreht!"

Jetzt entdeckte Renata das Tierchen auch. In einem der Häuser stand ein Fensterflügel offen, und rosig ange­haucht im Strahl der tiefstehenden Sonne saß da eine zahme, weiße Taube aus dem Fenstersims.

Solch Täubchen möchtest Du wohl besitzen?" meinte lächelnd die Schwester.

Walter nickte mit leuchtenden Augen und war glücklich, als Renata einen Augenblick stehen blieb. Sie fixierte un­willkürlich das ganze Haus von oben bis unten, warum, wußte sie selbst nicht. Es wies eine stattliche Fassade auf. Ueber der gewölbten Hausthür war ein in Stein gemeißeltes Wappen angebracht; starke, bauchige Gitter schützten die unteren Fenster.

Hinter der Taube erschien jetzt ein blonder Mädchen­kopf, der die beiden Beobachter scharf in Augenschein nahm, was Renata zum augenblicklichen Weitergehen bestimmte. Walter schaute noch oft zurück, bis die Straße endete und das Haus seinen Blicken entschwand.

Den begrasten Marktplatz einer alten Vorstadt, den man nun betrat, ließ Renata links liegen und schlug mit Walter einen einsamen Promenadenweg ein, der sich auf dem Rücken einer mäßigen Anhöhe in einen Feldrain verlor.

Es war ganz still und menschenleer auf dem Hügel. Drüben lag ein Wäldchen, sonst sah man nur Stoppeln und Kartoffelfelder, auf denen hie und da ein Feuer glimmte. Eine Bank stand neben einigen wilden Sträuchern. Hier ließ sich Renata nieder, um mit Walter den Sonnen­untergang zu beobachten.

Aus tiefem Sinnen fuhr sie auf, als sich laute Stimmen näherten. Die Sonne war gesunken und ein bläulicher Dunst lag über der ganzen Landschaft.

Komm, Walter, es wird kühl," sagte Renata. Der Kleine rutschte gehorsam von der Bank und trippelte neben der Schwester her.

Ein paar Studenten kamen ihnen entgegen, lustiges, junges Blut; besonders der eine sprach und gestikulierte sehr lebhaft.

Der Weg war nur schmal, und Renata nahm natürlich an, daß die Herren ihr Platz machen würden. Aber nur der eine that das unverweilt, während der andere zögerte und mit kneiferbewaffnetem Auge unbescheiden den Schleier der jungen Dame zu durchdringen suchte.

Nur wenig hob sich Renatas Kopf und ihre Augen blitzten, da trat der Uebermütige oder Zudringliche beiseite, und sie setzte ihren Weg fort.

Nichts Besonderes, Freundchen," sagte jener halblaut zu seinem Begleiter, der ihm einen mißbilligenden Blick zu­warf.Eine mittelalterliche Gouvernante mit ihrem Zögling."

Das glaube ich nicht, sie schien eher jung zu sein," entgegnete der andere.Dein Benehmen war, gelinde aus­gedrückt, dreist. Was willst Du machen, wenn Du dieser Dame einmal vorgestellt wirst?"

Kommt nicht vor," sagte der übermütige Max und blies blaue Rauchwölkchen aus seiner Cigarre in die Luft.

Sie näherten sich der Bank und bemerkten, daß sie besetzt war, und zwar von einem Herrn, der unverwandt in das inzwischen aufgeflammte leuchtende Abendrot starrte.

Dein Onkel Gottfried, Max," sagte der ältere Student und wies auf den Rastenden.

Was tausend," rief Max,wie kommt der dahin?"

Jedenfalls auf seinen Beinen, wie wir auf den unsrigen," erwiderte Viktor lachend und machte Miene, auf den besprochenen Onkel loszusteuern.

So laß ihn doch," wehrte Max,er wird Betrach­tungen anstellen über horizontale und kapitale Dunstkreise."

Nun dann bleib, Bester," sagte Viktor,ich werde ihn aber begrüßen, denn er hat uns jedenfalls gehört."

Als Renata an demselben Abend in ihren Noten blätterte, fiel ihr aus einem vergilbten Hefte ein lofes Blatt entgegen. Ihre Augen streiften es erst blos flüchtig, aber dann blieben sie haften. Sie trat näher an das Licht. Auf dem Blatte war eine Zeichnung entworfen: ein Gebäude von auffallender Aehnlichkeit mit dem grauen Haufe in der stillen Straße. Kopfschüttelnd betrachtete sie das Blatt; es war jedenfalls schon alt, und sie erinnerte sich, es in früheren Jahren schon gesehen zu haben. Merkwürdig, daß es ihr gerade heute nach langer Zeit zum erstenmale wieder in die Hände fiel. (Fortsetzung folgt.)

(Nachdruck verboten.)

Schuldig.

Erzählung von F. Arnefeldt.

(Fortsetzung.)

Mit einem dumpfen Schrei brach sie zusammen. Er schaute sie ein paar Sekunden an wie die Klapperschlange den Vogel, den sie mit ihren Blicken bannt und sagte dann: Wir haben erst wenige Tage im Monat, und Kommerzien­rat Helldorf ist ein pünkltcher Herr. Sein Geheimfach ist gewiß gut gefüllt".

Ich kann nicht noch einmal daran gehen".

Warum nicht?"

Wie kannst Du noch fragen? Zweimal bin ich unent­deckt geblieben".

Du hast ja den Verdacht so geschickt auf eine andere Fährte zu lenken gewußt. Man wird meine holde Felicitas auch diesmal für die Diebin halten. Ach, die muß ich nun auch taffen!" fügte er seufzend hinzu.Welch eine Zukunft habe ich mir an ihrer Seite geträumt! Wärest Du geschickter und energischer gewesen!"

Ich that, was ich konnte!"

Nun, ich grolle nicht I Lassen wir das! Sprechen wir von dem Naheliegenden. Du holst das Geld".

Balthasar, bedenke, niemand wird glauben, daß Fräulein von Kressen zum dritten Male dem Schrank einen Besuch abgestattet hat. ES ist mir schon wie ein Rätsel, daß sie nach der Beschuldigung im Hause geblieben ist".

Junge Damen sind unberechenbar", sagte er leichthin.

Fehlt meinem Mann morgen wieder Geld, so ist das eine Entlastung für sie, so"

WaS morgen geschieht, wir Du die Sache erklärst, kümmert mich blutwenig", sagte er brutal.Morgen muß