434
„£)aS muß ja etnL eingehende Unterhaltung gewesen sein, die Ihr da geführt habt," spottete Else. „Bloß von der schönen Vergangenheit? was? Er hat wohl reuig um Verzeihung gebeten? Weswegen hat er sich denn damals auf französische Art empfohlen?"
„Ich weiß es nicht, ich weiß das alles nicht," rief Martha, gepeinigt durch die Fragen der Schwester. „Frage ihn selbst — oder vielmehr, nein — sprich nicht von der Vergangenheit — kein Wort — versprich es mir."
„Hab' keine Angst, die alten Geschichten lasten wir ruhen. Es wäre sehr unzart, daran zu rühren, da Du Braut bist. Nicht wahr?"
„Ja," meinte Martha zerstreut. Daran hatte sie bet ihrem Wiedersehen mit Olaf nicht einmal gedacht.
„Ob er Rebhühner gern ißt?" fragte Else plötzlich. „Die Teichgräber bratet sie so schön."
„Aber Else!" rief Martha, aus ihrem stummem Brüten auffahrend.
„Ach Gott!" klagte die junge Frau in einem neuen Anfall von Verzweiflung. „Die Teichgräber ist ja nicht mehr da. Was fange ich denn nun an? Vielleicht ist sie noch nicht fort. Wenn Du sie bätest, Martha!"
„Du bist wirklich wie ein Kind," verwies Martha sie streng. „Erst jagst Du einen Dienstboten fort, und dann soll ich bitten, daß er bleibe. Daraus wird nichts. Hilf Dir selbst."
„Das kann ich aber nicht," jammerte Else. „Liebste, beste Martha, besorge Du das! und bleibe zum Abend da. Das Stubenmädchen kann nicht einmal den Tisch decken."
„Ich kann nicht hier bleiben," erklärte Martha kurz.
„Dein Bräutigam kommt wohl? Wir lassen ihn holen!"
Martha wehrte heftig ab. „Nein, nein! Er ist heute abend auswärts — aber —"
„Kein Aber!" bat Else. „Bitte, bitte, bleibe!"
Martha zögerte noch eine Weile, dann redete sie sich ein, sie bringe ein Opfer, und es sei einzig und allein, um der leidenden Schwester zu helfen, daß sie bleibe- und doch bei allem Widerstreben gegen eine nochmalige Begegnung mit Olaf war es, als ob, gewaltiger als ihr eigener Wille, eine geheimnisvolle Macht sie an dieser Stätte zurückhielte und in Olafs Nähe bannte.
„Nun ja, ich bleibe — Dir zu Liebe," sagte sie schließlich und merkte gar nicht, wie sie sich selbst betrog.
XIX.
Ein eigentümliches Gefühl beschlich Olaf, als er das Zimmer betrat, in dem vor sechs Jahren er und Ziel einander zum letztenmal gesehen hatten. Sind es wirklich nur sechs Jahre? Es ist ihm, als liege eine Ewigkeit zwischen heute und jenem Tage, wo er erfahren, daß er ein Bettler geworden sei, wo er sich in Verzweiflung gegen das grausame Schicksal aufgebäumt, wo er dem Räuber geflucht hatte und die Hand von sich stoßen wollte, die sich ihm helfend bot?
Jetzt hatte er sich abgefunden mit seinem Schicksal. Gereift zum Manne, in harter Arbeit gestählt, steht er da, ein völlig anderer, als er gegangen. Und hier ist alles gleich geblieben, als habe die Zeit still gestanden. Ziel derselbe, wie er ihn verlassen, um ein geringes gealtert vielleicht, das rötliche Haar leicht ergraut, aber derselbe Gütige, Liebenswürdige, Wahre und Treue. Unverändert auch die Umgebung: die deckenumhangene Stube, der mächtige Schreibtisch, die alten Waffen, das Porzellan an den Wänden, der Divan mit dem Bärenfell, der dicke Smhrnateppich. Nur eins fehlt. Und so sehr steht er unter dem Eindruck der Gleichheit der Szenerie, daß seine erste Frage dem Fehlenden gilt:
„Sie haben wohl Ihren Hund nicht mehr?"
Er muß über sich selbst lächeln, daß ihm bei diesem
Wiedersehen nach Jahren zuerst das Tier einfallt, das ek früher kaum beachtet hat.
„Sultan ist tot," antwortete Ziel. „Ich habe mir keinen anderen Hund angeschafft, weil meine Frau große Hunde nicht leiden mag und die kleinen liebe ich nicht."
Da waren sie an dem Thema, das eigentlich zunächst hätte berührt werden müssen. „Ihre Frau! In der That — ich hatte keine Ahnung, daß Sie vermählt seien. Es war eine völlige Ueberraschung für mich. Ich gratuliere Ihnen bestens, Herr Rechtsanwalt."
„Ich konnte Ihnen keine Anzeige schicken, lieber Nansen" entschuldigte sich Ziel, „weil ich Ihre Adresse nicht kannte."
„Ich war ein lässiger Briefschreiber, begann Olaf langsam, wie nach Worten suchend. „Ich weiß nicht, ob Sie mir gezürnt oder ob Sie mich verstanden haben. Die Gründe waren verschiedener Art. Zuerst, sehen Sie, war eine sehr harte Zeit für mich, äußerlich und innerlich. Ich hatte zu thun, um mit mir selbst fertig zu werden. Es war doch ein zu jäher Umschlag in meinem Leben; und der Gedanke an die Pistole, der mein erster gewesen, tauchte noch oftmals auf und mußte unter hartem Ringen zum Schweigen gebracht werden. Ich habe oft an Sie gedacht, aber schreiben mochte ich nicht. Was auch? Ich wußte ja selbst nicht, was aus mir werden würde! — Das ernste Studium kam mir recht sauer an. W ff en Sie, daß ich eigentlich koloffal verbummelt war?"
Dabei blickte er den Rechtsanwalt von der Seite an, ein Lächeln um die vollen, roten Lippen und in den leuchtenden, blauen Augen.
„Ja, mein Lieber, das wußte ich schon damals," gab Konrad ebenfalls lächelnd zurück.
„Ich bewundere noch jetzt das Vertrauen, das Sie zu mir hatten," meinte Olaf.
Konrad räusperte sich. „Ganz sicher war ich auch meiner Sache nicht. Dazu war ich Ihnen persönlich nicht nahe genug getreten. Aber ich habe einmal in Ihrer Haut gesteckt — in ähnlicher Weise selbstverschuldet. Ich hatte darauf los gewirtschaftet als junger Rechtsanwalt mit wenig Einkünften und viel Bedürfnissen. Das Messer stand mir an der Kehle. Da war es Andree, der mich rettete. Ich hab' ihm das nie vergessen- und an Ihnen konnte ich ihm meine Schuld abtragen."
„Und das haben Sie in vollem Maße," sprach Olaf warm nnd reichte Konrad voll überströmenden Gefühls seine Rechte. „Und dabet mein Leben gerettet und mich zu dem gemacht, was ich bin."
„Nein, mein Lieber," entgegnete Konrad, „das haben Sie ganz allein gethan. Nur nicht zu überschwänglich. Ich habe Sie im Augenblick der Gefahr von einem Abgrund zurückgezogen, aber den Weg haben Sie selbst gesucht und gefunden, und sind brav und tüchtig vorwärts geschritten und ein ganzer Mann geworden. Und Sie mögen dazu sagen, was Sie wollen, auf dem früheren Wege würde Ihnen das höllisch schwer geworden sein."
Eine Weile hing jeder seinen eigenen Gedanken nach- dann Hub Olaf von neuem an:
„Ob Sie's zugeben oder nicht: moralisch bleibe ich doch Ihr Schuldner für Lebenszeit. Was aber meine pekuniäre Schuld betrifft, so bin ich glücklich, Ihnen einen Teil davon heute abtragen zu können."
Er griff in die Brusttasche und zog eine Mappe mit Banknoten heraus, die er auf dem Tisch aufzuzählen begann. „Es ist noch nicht alles. Ich muß Sie bitten, Geduld mit mir zu haben. Die Zeit, seitdem ich verdiene, ist noch zu kurz."
„Lieber Nansen!" wehrte der Rechtsanwalt ab, indem er mit nicht geringer Verwunderung die Scheine, die Olaf vor ihm ausbreitete, überzählte. „Lieber Nansen, ich habe wahrhaftig nie daran gedacht, daß ich so schnell wieder zu meinem Gelbe kommen würde. Die jungen Ingenieure scheinen Schätze zu sammeln. Sehr lukrativer Beruf, sehr —"


