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„Das könnte mir gerade passen", schrie er erregt, „schließlich verlangst Du noch, daß ich aus diesem heillosen Kasten überhaupt nicht mehr heraushüpfe. Sowas giebt's aber nicht! Ich bin ein freier Mann und .... ach so, singen kann ich ja wegen meiner Heiserkeit nicht. Aber Paß auf, die Bescherung wird gleich wieder los gehen . . .", er reckte den Schnabel gen Himmel, an welchem der Westwind ein i schwarze, unheildrohende Wolkenkulisse vorgeschoben hatte. Die rückte näher und immer näher. Ein Tropfen . . ., ein leichter Sprühregen . , der wird immer dichter, zuerst
scheint es, als ob sich ein dauerhafter Landregen entwickeln würde, dann aber öffnet sich Plötzlich die Wolkenkulisse und aus der Oeffnung ergießt sich ein Wasserfall Plätschernd und rauschend.
„Na also", meinte der Staar, „da wären wir ja wieder so weit. Und einen Hunger hab' ich ... . Wenn der Guß vorüber ist, wird's Regenwürmer geben! Eigentlich müßte ich jetzt schon nachsehen, wie sich die Dinger entwickeln . . ., Mutter, — komm doch mal her", schmeichelte er der Staarin, „gieb mir, bitte, die Ueberschuhe, den Gummimantel und den Regenschirm. Das Wohl unserer Familie erfordert es, daß ich noch einen Ausflug unternehme, — trotz des Regens!"
* * *
„Ach was, in dieser elenden Kabache bleibe ich nicht mehr", räsonnierte Frau Spatz, „hier regnet's ja durchs Dach, und die Tropfen fallen einem in der eigenen Wohnung auf den Schnabel".
„Ja, schön ist anders", pflichtete ihr Mann bei, „aber wo soll man gleich eine andere Wohnung hernehmen? Und denke nur, sechs Jahre fitzen wir schon hier!"
„Das will für mich nichts bedeuten", eiferte sie, „und wenn's zwölf Jahre wären . . . Aber Deine Bequemlichkeit kenn' ich schon, wie Du denn überhaupt ein ganz schlapper Kerl bist. Aber das sage ich Dir, mir paßt diese Wirtschaft hier nicht mehr. Wenn Du kein neues Nest anlegen willst, dann werde ich auf die Wohnungssuche fliegen!"
„Piep, Piep", räusperte er sich, „ich möchte ja ganz gern, aber es liegt heute wieder so viel Feuchtigkeit in der Luft, und ich mit meinem Katarrh . . . Außerdem wo man schon sechs Jahre gesessen hat . . ."
„Ich pfeife auf Deine Ausreden", schrie sie wütend, „ba fliege ich allein los und zwar direkt ins Schloß. Verstehst Du,—ins Schloß! Du kannst meinetwegen in Deiner Kabache hocken bleiben . . .", — damit rauschte sie mit schnellem Flügelschlag davon.
„Die Frau hat den Größenwahn", stöhnte er ärgerlich. „Im Schloß können sie doch solches Kroppzeug nicht gebrauchen!" Er setzte sich den Klemmer auf und verfolgte aufmerksam den Flug seiner Frau. Die nahm wirklich die Richtung nach dem Schloß! Neben dem Portale war ein Fenster offen geblieben, und mit edler, echt spatzenhafter Dreistigkeit schwang sie sich in das Zimmer. Oh, da sah es mächtig vornehm aus: Stühle mit hohen Lehnen, ein großartiges Buffet, Gemälde der ältesten Meister und ein Kronleuchter . . ., der blinkte wie Gold.
„So", piepte die Spätzin selbstgefällig, „hier sieht's wenigstens standesgemäß aus. Vor der Hand werde ich mich auf dem Kronleuchter etwas ausruhen, zum Abend werde ich meine Wohnung wohl auf die Gardinenstange verlegen".
Plötzlich klirrte der eine Fensterflügel heftig zu. Erschrocken blickte die Spätzin hinaus. „Viel Lärm um nichts", beruhigte sie sich, „der übliche Gewitterwind, — da wird das Regengeplätscher wohl gleich wieder losgehen. Na, ich sitze im Trocknen, den alten Faulenzer in der Kabache kann's durchweichen, ... das soll meine Sorge nicht sein".
Und wirklich fielen schon die ersten Tropfen ... Da wurde die Thüre aufgerissen, und das Stubenmädchen eilte ins Zimmer--
„s ist richtig", philosophierte der Spatz in seinem Neste, „hier fallen einem wirklich die Tropfen auf den Schnabel. Aber ich sehe doch mehr auf gute Behandlung als auf großen Komfort. Wer weiß, was die sich im Schloß alles sagen lassen muß. Ach, du lieber Himmel, da geht's schon los", und er starrte stieren Blickes nach dem Fenster des Schlosses. In eiliger Flucht, unter lautem Gekreisch, flatterte die Spätzin heraus, — ein Pantoffel, von kräftiger Hand geschleudert, flog hinter ihr drein ...
„Na, siehst Du, da hast Du die Bescherung", piepte er, und er konnte ein schadenfrohes Lächeln nicht unterdrücken, „rausgeschmissen wirst Du jetzt mitten in den Regen!"
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„Diesen Sommer wird's schwer halten, die Eier unterzubringen", klagte das Kuckucksweibchen. „'s giebt im ganzen Buchwalde kein trockenes Nest mehr".
„Du mußt eben kurzen Prozeß machen", riet der Kuckuck. „Im schlimmsten Falle wirfst Du das erste beste Et aus dem ersten besten Nest/ in unserer Zeit des Materialismus sind große Umstände nicht mehr angebracht".
„Du bist mir ein netter Gauch", wehklagte sie, „so rücksichtslos wie Du sind ja selbst die Menschen nicht".
„Hast Du 'ne Ahnung von den Menschen", lachte er, „die kennst Du noch nicht, das sind ganz rücksichtslose Patrone. Paß auf, — da kommen zwei: Das ist der Sohn des reichen Stadlbauern und Schulmeisters Elsbeth. Die werd' ich gleich auseinander bringen . . ." Und er setzte sich in Positur und rief zweimal: „Kuckuck — Kuckuck —!"
„Warum hörst Du denn schon auf?" fragte sie.
„Das ist ja eben die Geschichte", erzählte er, „diese dummen Menschen bilden sich ein, sie würden nur noch so viele Jahre leben, so oft ich Kuckuck rufe. Siehst Du, bei denen hat's schon gewirkt", und in der That führten die beiden ein erregtes Gespräch, das damit endete, daß er in den Weg rechts, sie in den links etnbog. Sie preßte das Taschentuch an die Augen ....
„Trifft sich gut", frohlockte der Gauch, dort rechts kommt die Kreuzbauer-Witwe, die häßlichste Tratschen auf zwei Meilen in der Runde, aber reich, schwer reich. Jetzt begrüßt sie den Stadlbauer, er reicht ihr die Hand, wenn ich mich ins Mittel lege .... und er schrie einundzwanzig Mal „Kuckuck" in den Wald, daß es nur so wiederhallte. Der Stadlbauer hatte genau gezählt, er reichte der Witwe den Arm, die spannte, da es eben zu tröpfeln begann, ihren roten Schirm auf, und das Paar wanderte vergnügt von dannen.
„Natürlich denkt der Stadlbauer als moderner Gemütsmensch, daß er noch einundzwanzig Jahre leben wird", erklärte der Gauch, „die Wittib könnte schon im nächsten Jahre das Zeitliche segnen, das wär' ihm auch recht. Ob sich die Elsbeth die Augen ausweint, ist dem Burschen ganz egal. So sind die Menschen und da sollten wir uns genieren? Ich denke gar nicht daran! Also bekümmere Dich um Dein Ei, es ist die höchste Zeit, daß Du's los wirst, sonst überfällt uns wieder ein Dauerregen, und dann ist gar nichts mehr zu machen. Flieg' rauf und schaffe Platz in dem Rotkehlchennest".
Gehorsam flog sie hoch. Mau hörte ängstliches Gezirp, kräftiges Flügelschlagen, bann stürzte ein kleines Ei vom Baume mitten in eine große Wasserlache.
„Brrr", schüttelte sich ber Gauch, „es muß ein unangenehmes Gefühl sein, aus bem warmen Nest hinausgebrängt zu werben in biesen schanbbaren Regen ....'*
Humoristisches.
Nicht nötig. Professor (zum Assistenzärzte): „Klopfen Sie einmal bett Patienten tüchtig ab." — Patient: „Ich bitt' schön, Herr Professor, prügeln thut mich schon beS Oefteren daheim mein Weib."
Redaktion: P. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitätS-Buch- und Steindruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen,


