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den Unfrieden zwischen Euch verschlimmern könnte, so würde ich auch dagegen stimmen," sagte sie.
Ein Schweigen trat ein, selbst Richard verstummte, vielleicht in einem unbestimmten Vorgefühl von kommendem Unglück. Am Theetisch herrschte jedoch ungestörte Ruhe. John erhob sich zuerst vom Tisch und wandig sich, zu gehen.
„Halt! — Wohin gehst Du?" fragte Richard mit humoristischem Ernst.
„Ich habe noch auf dem Hofe zu thun und nach den Pferden zu sehen."
„Und Du willst Dich wohl der Fahrt nach dem Bahnhof bei diesem Regen entziehen?" rief der Andere.
„Wenn Dir soviel daran liegt, Fräulein Hathaway hier zu sehen, so sollten Dich weder Regen noch Sturm abhalten, sie abzuholen und ich will Dir das Vergnügen nicht streitig machen."
John wartete keine Antwort ab. Als die Thür sich hinter ihm geschlossen hatte, legte der alte^Brent eine Hand auf Richards Schulter.
„Diese Zänkereien müssen aufhören!" rief er in entschiedenem Tone.
„Willst Du mir etwa die Schuld daran geben," sagte der junge Mann.
„Du beleidigst John auf jede Weise, Du weißt, daß seine Natur von der Deinigen verschieden ist und dennoch erlaubst Du Dir bei jeder Gelegenheit, ihn zu reizen."
Richard schwieg einen Augenblick. Sein Vater sprach selten in so entschiedenem Tone zu seinen Söhnen, seitdem sie erwachsen waren. — Richard war fast zwei Jahre jünger, als sein Bruder, er stand am Ende seines zweiundzwanzigsten Jahres. —
„Er ist grob und knurrig toic ein alter Wachtmeister, und ganz ohne Grund. Ich denke, er veranlaßt ebenso oft, als ich, einen kleinen Zank. Der einzige Unterschied ist, daß er seinen Aerger zeigt und ich den meinigen verberge, was ihn noch mehr verdrießt. Er sollte sich seine schlechte Laune abgewöhnen, und es kann ihm nicht schaden, wenn ich ihn zuweilen ein Bischen in Aufregung bringe. Und überdies scheint mir, es gewährt ihm ebensoviel Befriedigung zu knurren, als mir zu lachen."
Richard hatte Anfangs ganz ernst gesprochen, bald aber erschien wieder ein muthiges Lächeln auf seinem hübschen Gesicht.
Eben wollte der Alte etwas erwidern, als der junge Mann seine Uhr zog und ausstand.
„Der Zug wird in einer halben Stunde ankommen. Soll ich nach dem Bahnhof fahren, um Fräulein Hathaway abzuholen?"
„Ich denke, das wird das Beste sein. Ein Willkommen von John würde vielleicht keinen sehr günstigen Eindruck auf sie machen. Sie wird wahrscheinlich Anfangs sehr an Heimweh leiden, aber wenn der erste Eindruck günstig ist, so wird sie es leichter überwinden."
Richard wandte sich lächelnd ab. Im Stall fand er zu seinem Erstaunen seinen Bruder im Begriff, in seiner gemächlichen Weise eines der Pferde anzuspannen
„Was bedeutet das? Ich dachte, Du habest keine Zeit und keine Lust?" rief der Jüngere.
„Nun, Du irrst Dich zuweilen," war die Antwort.
„Was hast Du vor?" fragte Richard.
„Ich will zur Station."
„Nach Fräulein Hathaway?"
„Ja."
„Du hast es doch abgelehnt, sie abzuholen!"
„Nun, ich habe mich anders besonnen."
Niemals in seinem Leben war der Jüngere der Beiden mehr erstaunt gewesen. Doch er beschloß sofort, sich nicht bei Seite schieben zu lassen. Er ergriff John beim A,m und sagte: „Der Vater hat es mir aufgetragen, nach dem Bahnhof zu fahren. Du hast einmal gesagt, Du wolltest
das mir überlassen, und jetzt ist es zu spät, Dich anders zu besinnen."
John riß seinen Arm unwillkürlich los.
„Ich werde gehen, und diesmal wird es nicht nach Deinem Willen geschehen," erwiderte er.
Einen Augenblick starrten sich die Brüder an, und der Widerstreit ihrer Naturen schien wieder durchbrechen zu wollen.
Aber Richards stets bereiter Humor wandte einen gefährlichen Ausbruch ab, und der Wortwechsel endigte auf eine entschiedene, aber seltsame Weise.
Ohne ein Wort zu sagen, wandte er sich um, führte Topsy, ein kleines, muthwilliges Pferd aus dem Stall und begann hastig, es einzuspannen.
„Was? Du willst mit Topsy in die Finsterniß und bei diesem Sturm ausfahren?" rief John erstaunt aus.
„Gewiß, wir kennen einander! Ich werde Fräulein Hathaway abholen, Du magst nachkommen, wenn Du willst mit Deinem alten Braunen. Ich hoffe, schnell genug zurück zu sein, um Dir auf der Brücke über den Flurry-Bach schon wieder zu begegnen, wenn Du wirklich bet Deinem Eigensinn bleibst, nach der Station zu fahren. Ich hoffe. Du wirst eine angenehme Fahrt haben mit dem Braunen."
Während Richard sprach, zog er auch einen leichten Wagen hervor und spannte Topsy an. Eine Minute später trabte das kleine Pferd rasch hinaus auf die dunkle Landstraße und Richard fuhr mit einer fast ungestümen Eile dem Bahnhof zu.
John blieb weit zurück. Aber mit eigensinniger Beharrlichkeit folgte er meinem mäßigen Trab seinem Bruder nach.
Richard erreichte den Bahnhof, eben als dec Zug ankam. Er sah, wie zwei große Koffer ausgeladen wurden, gleich darauf stieg eine schlanke, weibliche Gestalt in einem Gummimantel aus einem der Wagen. Sie war die einzige angekommene Person, und Richard vermuthete sofort, daß sie Grace Hathaway sein müsse.
II.
Eine vereitelte Absicht.
„Ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen, Herr Studevant — etwas, worüber Sie sich vielleicht wundern werden," erklärte Luise Buford einem jungen Herrn. Dieser war hochgewachsen, besaß eine vortreffliche Gesichtsfarbe, ein hübsches Gesicht und blondes Haar und sah Alles in Allem gar nicht so übel aus.
Das Buford'sche Haus in Boston an der Dorchesterstraße strahlte in heller Beleuchtung. Obgleich es schon spät im Frühjahr war, fand doch noch ein Abend-Empfang von gewählter Gesellschaft statt, und etwas der Art ohne Leroy Studevant war ganz undenkbar.
Dies wird nur erwähnt, um die Anwesenheit des Herrn Studevant im Salon des Buford'schen Hauses zu erklären.
„Was ist es, Miß Buford?M fragte Herr Studevant mit unverhohlener Spannung auf die Anrede der jungen Dame.
„Es betrifft den verstorbenen Herrn Hathaway und seine Tochter Grace, mit der Sie, wie ich glaube, sehr genau bekannt sind," fuhr die Dame fort, indem sie im Geheimen ihren Zuhörer aufmerksam beobachtete. Sie bemerkte ein leichtes Erröthen auf seinen Wangen.
„Gewiß, wir waren Freunde!" gestand er.
„Papa sagt, daß der Tod des Herrn Hathaway durch finanzielle Schwierigkeiten veranlaßt worden sei. Er hat Grace nur eine Kleinigkeit hinterlassen und sie der Vormundschaft des Herrn Brent anvertraut, eines Farmers oben im Hügelland von New-Hampshire. Dorthin wird sie gehen, oder ich glaube sogar, sie ist bereits dahin abgereist. Ist es nicht sehr bedauerlich, nachdem sie eben erst in die Gesellschaft eingetreten war?"
Man sah Herrn Leroy Studevant an, daß die Mittheilung von dem Unglück des Fräuleins Hathaway von mehr als gewöhnlichem Interesse für ihn war. Seine Wangen


