Muttersohn.

Roman von Arthur Zapp.

(Fortsetzung.)

Besonders qualvoll waren die Abende und Nächte. Den Tag über pflegte ab und zu die ruhige Ueberlegung die Oberhand zu haben. Er sah, daß es Niemandem einfiel, auf ihn auch den geringsten Verdacht zn werfen. Aber des Abends, wenn er allein bei seiner Lampe saß, suchten ihn folternde Schreckbilder heim. Er konnte sich eines schreck­lichen Zusammenzuckens nicht wehren, so oft eine Stubenthür ging und als eines Abends einmal noch spät die Thürklingel ertönte, sprang er entsetzt empor. Hatte irgend ein Zufall seine Schuld ans Licht gebracht und kam nun die Polizei, um ihn zu verhaften?

Am Tage vor dem mündlichen Examen wurde er zur Polizei citirt, nachdem seine Eltern schon vor ihm vernommen worden waren. Er setzte dem Criminal-Commissar, der ihn verhörte, seine Ansicht auf den Fall auseinander, wie er bereits seinem Vater gegenüber gethan hatte. Die Mutter hatte aus Versehen die Thür aufgelassen und ein Bettler, der zufällig nach ihr die Treppe hinaufgekommen war, hatte die Gelegenheit benutzt, den Diebstahl auszuführen.

Der Beamte lächelte überlegen und erklärte:Ihre Combination ist allerdings die naheliegendste, Herr Referendar, und sie wäre gewiß auch zutreffend, wenn nicht ein gewisser Umstand vorläge. Ein Bettler oder ein professioneller Dieb würde sich niemals die Zeit genommen haben, die Geldtasche auf ihren Inhalt hin erst lange zu untersuchen, noch wäre er so bescheiden gewesen, die Hälfte der Summe zurückzu­lassen. Er hätte die Tasche einfach gepackt und sich damit schleunigst aus dem Staub gemacht."

Der Angeredete blickte bestürzt auf den Sprechenden. Daran hatte er noch nicht gedacht. O Dummkopf, der er gewesen! Das mußte ja früher oder später auf seine Spur führen. Er war nicht im Stande, auch nur das Geringste

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er holen will, der wird Dein Haus Auch ohne Führer finden.

Wer bringen soll, dem mußtDu's schon Fest auf die Seele binden.

G. SB.

auf die Worte des Commiffars zu erwidern. Er fühlte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoß, und er mußte alle seine Willenskraft aufbieten, um nicht schuldbewußt vor dem Beamten die Augen zu senken. Ja, endlich brachte er es sogar über sich, während er seinen Herzschlag bis zum Halse hinauf verspürte, die Frage an den Commiffar zu richten:

Wer kann es denn aber gewesen sein?"

Der Beamte zuckte die Achseln und erwiderte:Die Untersuchung wird es hoffentlich herausbringen. Ganz ein­fach liegt der Fall nicht. Ich habe Sie, Herr Referendar, hierher gebeten, um ein paar Fragen über Ihren Bruder an Sie zu richten. Es ist Ihr Stiefbruder, nicht wahr?"

Ja."

Wie sind Ihre Beziehungen zu ihm? Ich meine, leben Sie in guten Einvernehmen miteinander?"

Otto erröthete. Nach kurzem Besinnen entgegnete er:

Im Ganzen haben wir uns immer gut vertragen. Zuweilen kamen kleine Uneinigkeiten vor, wie das bei Brüdern ja allenthalben der Fall ist. Die Schuld daran lag wohl meistens auf meiner Seite. Mein Bruder ist ein sehr ver­träglicher und in jeder Beziehung guter Mensch."

Der Commiffar sah den Sprechenden ein wenig er­staunt an. Ist Ihnen etwas von den geschäftlichen Schwierig­keiten bekannt fuhr er in seinem Verhör fort in denen Ihr Bruder sich seit einiger Zeit befinden soll?"

Nein, nichts."

Gar nichts, Herr Referendar?"

Die Frage geschah in einem auffallend scharfen Ton. Dem Gefragten stieg das Blut ins Gesicht. .

Ich meine, ich weiß nichts Genaues darüber," sagte er und setzte zögernd hinzu . . .ich erinnere mich nur, daß vor einigen Tagen die Rede war, mein Bruder habe meinen Vater um Geld gebeten, das er in sein Geschäft stecken wollte."

Ganz recht! Das war am Tage vor dem Diebstahl. Ihr Vater schlug ihm seine Bitte rundweg ab. Es kam zu einem Wortwechsel zwischen Ihren Eltern und Ihrem Bruder. Wissen Sie, welche Summe Ihr Bruder von Ihrem Vater verlangte?"

Ich glaube dreitausend Mark."

Er verlangte drei- bis viertausend Mark," verbesserte der Beamte.

Otto fühlte, wie ein kalter Schauer ihm über den Rücken lief. Was sollte das heißen? Hatte man wirklich Carl in Verdacht? Aber der Beamte ließ ihm keine Zeit, über diese entsetzliche Möglichkeit nachzudenken.