Ausgabe 
1.2.1898
 
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Ich bitte," nahm er wieder das Wort,ich bitte, t Herr Referendar, nun einmal Ihr Gedächtniß genau zu Prüfen. Es ist eine Frage von höchster Wichtigkeit, die ich Ihnen jetzt vorlegen werde. Ihr Bruder wohnte bei Ihren Eltern, bevor er sich verheirathete, in derselben Wohnung, die Ihre Eltern und auch Sie noch jetzt inne hatten. Sie | sowohl wie Ihr Bruder, jeder hatte seinen eigenen Corridor- | schlüssel, nicht wahr?"

Jawohl!"

Als nun Ihr Bruder fortzog, hat er seinen Schlüssel abgegeben oder hat er ihn, vielleicht aus Unachtsamkeit, mit in seine Wohnung genommen?"

Darüber weiß ich wirklich nichts zu sagen."

Nun bitte, besinnen Sie sich einmal ganz genau, HerrMeferendar! Hat Ihr Bruder, wenn er gelegentlich zu Ihren Eltern zum Besuch kam, jedesmal geklingelt, um sich Einlaß zu verschaffen?"

Gewiß! Wie sollte er sonst....."

Ist Ihnen nicht erinnerlich, daß er das eine oder das andere Mal sich vermitteltst seines Drückers, den er vielleicht zufällig bei sich hatte, die Corridorthür selbst geöffnet hat?"

Der Gefragte strich sich mit einer unwillkürlichen Geberde über die Stirn. Ihm war ganz heiß. Seine Gedanken verwirrten sich, er zitterte vor Aufregung. Ohne auf die Frage des Beamten zu antworten, stieß er erregt hervor: Aber um Gotteswillen, Herr Commissar, Sie werden doch nicht etwa meinen Bruder im Verdacht haben?"

Der Beamte erwiderte nichts, sondern zuckte nur die Achseln und mahnte dann:Bitte, wollen Sie meine Frage beantworten, Herr Referendar?"

Nein", rief der Gefragte voll zornigen Eifers, niemals hat er die Corridorthür selbst geöffnet. Er besitzt gar keinen Schlüssel mehr . . . unmöglich! Er ist ja seit Jahr und Tag von Hause fort. Mit Ihrem Verdacht be­finden Sie sich in einem gewaltigen Jrrthum. Mein Bruder ist schuldlos, mein Bruder ist gar nicht im Stande, so etwas zu thun Und er hatte gar keinen Grund . . . ."

Ich danke Ihnen, Herr Referendar," schnitt der Be­amte dem Aufgeregten das Wort ab,ich habe Sie nichts mehr zu fragen."

Otto wollte noch etwas sagen, aber die verabschiedende leichte Verneigung des Commissars veranlaßte ihn, ohne eine weitere Erwiderung das Bureau zu verlassen. Auf der Straße schritt er in halber Betäubung dahin. Er war wie vor den Kopf geschlagen. Entsetzlich . . . furchtbar! Nun war Alles vorbei. Was nützte es ihm nun, daß bis­her Alles so gut gegangen war, daß ihn, ihn selbst Niemand verdächtigte? Wenn man einen Anderen, noch dazu seinen Bruder für schuldig hielt, dann . . . dann konnte er nicht anders, dann mußte er sich selbst anzeigen und Carriäre... Zukunft . . . Alles war dahin.

Er schritt hastig vorwärts, wie Jemand, den seine Gedanken mit Gewalt weiter treiben. Er wunderte sich gar nicht, als er Plötzlich merkte, daß er in die Straße, in der Carl wohnte, eingebogen war. Ja, zu ihm wollte er, ihm sagen ... ja, was würde er ihm sagen?

Beunruhige Dich nicht, Carl! Niemand soll Dir ein Haar krümmen. Ich will den schimpflichen Verdacht von Dir nehmen, denn ich selbst bin es gewesen, ich selbst!" Das Haar klebte ihm auf der Stirn und die Zunge lag ihm schwer und trocken im Munde. Er zögerte einen Moment. Ein furchtbarer innerer Kampf schnürte ihm die Brust zusammen. Aber er gab sich innerlich einen Ruck, ballte die Hände ineinander, biß die Zähne zusammen und trat in das Haus ein.

Er fand den Bruder im Kreise seiner kleinen Familie. Frau Helene saß auf dem Sopha und hielt den kleinen Fritz auf ihrem Schooß. Ihr Gesicht strahlte vor Mutterglück. Der kleine, rothwangige, dralle Kerl strampelte und quietschte vor Vergnügen.

Carl begrüßte den Eintretenden herzlich und freudig. Von Unruhe und Sorge keine Spur. Weder Carl noch Helene schienen auch nur die geringste Ahnung zu haben, was sie bedrohte.

Otto fühlte, wie der Druck, mit dem er eingetreten war, von ihm wich. Hier athmete Alles Freude und Zu­friedenheit. Wer nur einen Blick hier hinein that, der konnte sich ja unmöglich des Eindruckes entschlagen, daß hier Unschuld und Rechtlichkeit wohnte, daß hier unmöglich ein gemeines Verbrechen seinen Ursprung haben konnte.

Carl war sehr aufgeräumt.

Du Otto", sagte er und deutete aus eine Zeich­nung, die vor ihm auf dem Tische lagsieh Dir das Ding hier einmal genau an! Das ist ein neuer Brenner . . . zum Patent habe ich ihn schon angemeldet. Meteor werde ich ihn nennen. Feiner Name, was?! Sagt mit einem Wort alles. Na, die Sache wird sich machen, sage ich Dir. Nächstens gehts los. Ich habe mich nämlich nach einem Compagnon umgesehen. Der Abschluß ist schon so gut wie sicher. Der Mann schießt zwanzigtausend Mark ein. Dann sollst Du mal sehen, wie wir ins Zeug gehen werden. Ganz Berlin, ach was, ganz Deutschland wird mit meinem Meteor glücklich gemacht."

Er lachte herzlich, um plötzlich ernst werdend, fortzu­fahren:Machst ja ein so finsteres Gesicht, Otto? Die dumme Diebstahlsgeschichte, wie? Ist immer noch nichts heraus? Nichts? Kann mir denken, daß Du keine guten Tage zu Hause hast. Vater geht wie ein brüllender Löwe umher, nicht? Wie konnte Mutter aber auch so unvorsichtig sein!" Damit war der leidige Gegenstand für ihn abgethan I und er ging wieder auf das Thema ein, das ihn ganz und gar beschäftigte. Er erläuterte dem Bruder in allen Einzel­heiten an der Hand der Zeichnung seine Erfindung, und Otto hörte ihm mit wirklicher Antheilnahme zu und be­mühte sich aufrichtig, obgleich er sonst für technische Sachen wenig Interesse besaß, in das volle Verständniß des Mechanismus des Meteorbrenners einzudringen. Er empfand es wie eine wahre Wohlthat, seine Denkkrast einmal von einem Gegenstand, der mit der Diebstahlgeschichte nichts zu thun hatte, ganz in Anspruch nehmen zu lassen.

Als er sich eine Stunde später verabschiedet hatte, trat er als ein Anderer auf die Straße heraus.

Die Munterkeit, die Sorglosigkeit, die freudige Zuversicht, die der Bruder der Zukunft entgegenbrachte, hatte eine wunderbar beruhigende Wirkung auf ihn ausgeübt. Nein, noch wollte er die Hoffnung nicht aufgeben. Es würde, es mußte sich ja sehr bald zeigen, wie gegenstandslos, wie sinnlos der Argwohn des Polizeicommissars gegen Carl war.

Otto hatte eine gute Nacht und frisch und zuversichtlich machte er sich auf den Weg nach dem Justizministerium, wo das Examen stattfand. Was er sich vorgenommen, gelang ihm mit Aufbietung seiner ganzen Willenskraft: alles, was nicht zu dem Programm des Tages gehörte, that er von sich ab. Sein ganzes geistiges Vermögen, fein ausschließ­liches Interesse concentrirte er auf das Examen. Er ließ nicht eine Frage aus, seine Antworten erregten die Aufmerksamkeit der Examinatoren. Es war nur eine Stimme unter den gestrengen Herren:

Referendar Köster hatte das beste Examen gemacht, eines der besten, die je gemacht worden waren. Man mußte ihn der besonderen Aufmerksamkeit des Ministers empfehlen."

Unten vor der Thür traf er Carl, der wartend auf und ab ging. Der Bruder stürzte sogleich auf ihn zu. War im Patentamt . . . sprudelte er lebhaft hervor und da dachte ich ... na wie ist's denn ausgefallen, gut natürlich?"

Sehr gut! Als Bester bestanden!"

Als Bester? Da gratulire ich Dir von Herzen."

Sie drückten einander die Hände und dann zog Carl seinen Bruder zum nächsten Droschkenstand.

Heute leisten wir uns einmal eine Droschke" sagte