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er luftig — „damit Du schneller zu den Alten kommst. Na, die werden sich freuen über ihren Assessor. Ja, ja, unsere Eltern können wirklich von Glück sagen, zwei solche Söhne zu haben! Daß Du , einmal eine Excellenz wirst, ist doch sicher, na und bis zum Commerzienrath hoffe ichs auch zu bringen."
Den ganzen Tag über plauderte und scherzte Carl in dieser Weise. Auch Otto war vou Herzen froh. Wenn man ihn Sr. Excellenz empfahl, da kam er ganz sicher ins Ministerium. Darauf konnte er sich schon etwas einbilden. Nun stand er wirklich auf der Leiter zur höchsten Macht.
In der Rügenerftraße trennten sie sich. Otto stieg hinauf zu den Eltern, Carl fuhr weiter nach Hause, nicht ohne vorher versprochen zu haben, sich später mit Helene einzustellen, um das feierliche Ergebniß festlich begehen zu helfen.
Und wirklich, schon nach einer Stunde kam er in Begleitung seiner Frau. Helene brachte eine Torte mit, die sie selbst gebacken hatte, und Carl spendete ein paar Flaschen Wein, damit sie, wie er sagte, „Ottos Assessor" und seinen „Meteorbrenner" auch gebührend begießen könnten. Den ganzen Abend über herrschte eine vergnügte Stimmung,- selbst Köster vergaß für ein paar Stunden seinen Verlust und freute sich über seinen Jüngsten. Assessor! Das klang. Und das Schönste war, daß Otto nun bald eine Anstellung und Besoldung erhielt und ihm nicht mehr auf der Tasche lag.
Erst ganz zum Schluß . . . Carl und Helene rüsteten sich zum Aufbruch . . . kam ein Mißton in die schöne Stimmung. Carl zog nämlich einen Zettel aus seinem Ueberzieher und reichte ihn seinem Vater.
„Da sieh mal! ne Vorladung zur Polizeilichen Vernehmung. Da geht wieder ein halber Vormittag drauf und ich habe gerade jetzt alle Hände voll zu thun. Und wenn ich ihnen noch etwas sagen könnte, aber was weiß ich denn von der ganzen Geschichte? So gut wie nichts!"
Otto war zu Muthe, als würde er plötzlich von rauh-r Hand aus schönem Traum anfgervttelt. Er erbleichte und biß sich auf die Lippen und hatte Mühe, vor den Andern seine Fassung zu bewahren. Den ganzen Abend über hatte er nicht daran gedacht, war er mit den Fröhlichen fröhlich gewesen und hatte sich in eine glänzende, sorglose Zukunft hineingeträumt. Und nun starrte ihm wieder die grausame Wirklichkeit ins Gesicht und der Rausch, der für ein Paar- Stunden sein Elend hinweggetäuscht hatte, verflüchtigte sich im Nu.
Zum Glück gingen Carl und Helene und er konnte sich unter dem Vorwande, übermüdet zu sein, sofort zurückziehen. Mitten in seinem Zimmer stand er, die Hände gegen die Stirn gepreßt und stöhnte aus tiefster Brust. Nie mehr würde er froh, nie mehr glücklich werden. Wahnsinniger Thor, der er gewesen, daß er geglaubt hatte, durch eine Schuld eine glückliche Zukunft erschließen zu können! Welch ein froher Mensch wäre er heute, wenn er, anstatt zu der verbrecherischen That seine Zuflucht zu nehmen, sich dem Vater entdeckt hätte! Selbst wenn er dann nie die äußere Würde erlangt hätte, die ihm heute zu Theil geworden, er wäre doch ein schuldloser, ein reiner Mensch gewesen.
(Fortsetzung folgt.)
In der Roth.
Skizze von A. Grünow.
------ (Nachdruck verboten.)
KO. Es war eine Winternacht. Auf der Landstraße, die zur Vorstadt führte, heulte der Wind und trieb die Schneeflocken hin und her, die blattlosen Bäume wiegten ihre schneebedeckten Zweige und ächzten, als wollten sie jeden Augenblick brechen und herniederstürzen. Dazu war es stockfinster.
Nur an einer Stelle wurde die Finsterniß verscheucht. Eine große Lichtfülle, die aus den Fenstern einer eleganten Villa hinausdrängte, ergoß sich wie ein Heller, glänzender Streifen quer über die Straße und das Lachen, sowie das Gläserklirren und die Behaglichkeit da drinnen sprachen der ernsten Stimmung der Natur Hohn. Denn in dem Salon verbreiteten große Kronleuchter Tageshelle, aus modernen Kaminen strömte wohlthnende Wärme und zarte Blumen aus dem Treibhause erfüllten den Raum mit Frühlings- düften. —
Hier an einem großen Eichentische saßen die Sorgenlosen, denn der Besitzer des Hauses, ein reicher Mann, hatte wieder eines seiner verschwenderischen Gelage, an welchem acht Lebemänner theilnahmen. Alle befanden sich in der ausgelassensten Laune und tranken Champagner. Recht klar konnte wohl keiner von ihnen mehr denken, das verrieth das Lallen ihrer Zungen, aber des Guten wirklich zu viel gethan hatte Baron Reichen, der Plötzlich eine Sophaecke beanspruchte, um seinem Rücken etwas Halb zu geben, dabei aber niemals zugab, daß er trunken sei, sondern seinen Zustand als ein angenehmes Gelöstsein des Körpers bezeichnete.
Im Hintergründe desselben Grundstückes lag ein kleines Haus, ruhig und still, nur aus einem Fenster drang ein matter Lichtschimmer.
Der Todesengel umschwebte diese Stätte.
Wie sah es hier drinnen so ganz anders aus, als da vorn, welch ein Contrast! —
Eine winzige Lampe ließ in ihrem faden Licht die klapperigen Möbelstücke erkennen, das Feuer in dem kleinen eisernen Ofen war schon erloschen, durch die schlechtschließen- den Fenster pustete der Wind und bei jedem Windstoß nahm die Kälte hier zu. An der einen Wand stand ein dürftiges Bett, auf welchem ein todtkrankes Kind lag, es röchelte und athmete schwer, während sich von Zeit zu Zeit die kleinen Hände dehnten und krampften. Die grausige Nähe des Sensenmannes wurde mit jeder Minute wirklicher.
An diesem traurigen Lager wachten zwei Menschen, Mile, die Mutter saß auf einem Holzstuhl vor dem Bett, hielt die grobe Küchenschürze vor den Augen und schluchzte, neben ihr stand Wilhelm, der Vater, er hielt mit seiner großen Hand unablässig die kleine matte des sterbenden Kindes, gleichsam als wolle er es verhindern, daß der Grausame es hole.
Wohl hatte der Arzt ihn zu trösten versucht mit der Vorstellung, daß ihm ja noch zwei kleine Mädchen blieben und daß in den nächsten Tagen Ersatz für das Sterbende werde. —
Aber das war nun Mieze, sein Liebling und bei diesem Gedanken krampfte sich sein armes Herz zusammen. Mit ängstlicher Spannung verfolgte er jeden Athemzug des Kindes und streichelte mit seiner groben Hand innig das Haar, aber vorsichtig, ganz vorsichtig, damit er dem kleinen Kopf nicht wehe thue. —
Ein Pochen am Fenster schreckte beide auf. Es war das Stubenmädchen, welches Wilhelm mahnte, jetzt anzuspannen, da der berauschte Baron Reichen nicht mehr gehen könne. Das Mädchen verschwand eiligst, damit ihm beim Fortgehen der Gäste das Trinkgeld nicht entgehe.
Mile fuhr empor. „Wilhelm nicht fortgehen, nur jetzt, jetzt nicht", flehte sie, „sag's dem Herrn, er wird ja wohl ein Einsehen haben."
Wilhelm kämpfte mit sich. Drei Gedanken quälten ihn, seine Frau allein zu lassen, dann von Mieze zu gehen und wie er dem Herrn sein Anliegen vorbrächte. Der Baron hätte ja seinen Rausch über Nacht im Fremdenzimmer ausschlafen können — aber er wagte es doch nicht, nein, das konnte er nicht wagen, hatte doch schon oft genug jener seinen Unmuth über Wilhelm's reichen Kindersegen geäußert, ihm deutlich genug gesagt, daß ihm ein lediger Kutscher


