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Ein de sitzele-AmÜsements.
Plauderei von M. Kossak.
------- (Nachdruck verboten.)
Wenn der erste April in Sicht ist, liest man in den Zeitungen häufig Inserate, welche allerhand für diesen Tag bestimmte Scherzartikel zum Berkaus ausbieten. „Neuheit!!!", „Sensationell" oder Aehnliches steht meist dabei. Unter diesen sensationellen Neuheiten findet man Streichhölzer oder Fidibusse, welche beim Anbrennen explodiren, mit Pfeffer gefüllte Bonbons, Porzellanwürfel, die das Aussehen von Zuckerstücken haben und dergleichen mehr. „Für Kinder!" sprechen die meisten Menschen und lesen ruhig weiter. Dächten sie ein wenig über die Sache nach, so möchten sie wohl zu der Ueberzeugung gelangen, daß diese „Scherzartikel" schlecht als Kinderjpielzeug taugen, insofern als ihr Resultat in der Regel eine entsetzliche Rauferei unter den Kleinen zur Folge haben würde. Es läßt sich eben kein menschliches Wesen gern zum Besten haben, und geschieht es doch, so ist es entrüstet. Nur der Ausdruck, den Jeder seinen Gefühlen gießt, wechselt. In jugendlichen Jahren schreit man und prügelt man sich, in späteren dagegen, wenn die gute Erziehung bereits ihre Früchte getragen, murmelt man etwas von „Dummerjungenstreich" und wendet sich verstimmt ab. Ganz besonders höfliche Leute unterlassen es vielleicht auch, jenes einigermaßen unparlamentarische Wort auszusprechen.
Was soll man nun dazu sagen, wenn man hört, daß in Frankreich Witze wie die vorhin erwähnten sogar in den besten Kreisen an der Tagesordnung sind? Die Höflichkeit und gesellschaftliche Bildung muß dort einen nahezu beängstigenden Grad erreicht haben, denn sonst würden die Menschen sich dergleichen nicht mit der olympischen Heiterkeit seliger Götter gefallen lassen. Vielmehr möchte man in Anbetracht der Wirkungen, welche die bewußten Scherzartikel auf uns üben, annehmen, daß ihre Salons sich in einen Tummelplatz gegenseitiger Anfeindung und übelster Laune verwandelt hätten. Ob das letztere nicht am Ense doch der Fall ist?
„Fin de siede“!" schallt's aus dem Kreise meiner Leserinnen mir entgegen. Wenn ich das Vergnügen hätte, mit einigen von ihnen mündlich diesen Ausdruck zu erörtern, so würde ich viel über ihre Blasirtheit hören, die aus Ueber- sättigung, Genuß- und Sensationssucht, die aus Nervenüberreizung entstanden/ überzeugend würde man mir nachweisen, daß diese „Krankheiten der Zeit" wie alle anderen Krankheiten Blutarmuth und daraus weiter folgernd körperliche und geistige Schwäche und Schlaffheit erzeugen müssen. Wer aber an der letzteren leidet, der vermag sich nicht mehr zu amüsiren, wenigstens nicht in normaler Weise. So würden Sie sprechen, und ich könnte eö nicht bestreiten, daß die Kette Ihrer Beweise völlig logisch klingt, aber sie muß doch irgendwo eine Lücke haben, weil — die Rechnung nicht stimmt. a
Diese selben Leute nämlich, welche zu solch' thörichten, kindischen Mitteln greifen, um sich zu unterhalten, wissen zu diesem Zweck auch noch andere ausfindig zu machen, die ungebrochene Lebenslust und ein eminentes Maß von körperlicher Ausdauer und Elasticität vorausletzen. D e Vergnügungen, welche ich im Sinn habe, sind excentrisch, man mag sie verspotten oder sich über sie entrüsten, aber drß gute Nerven und eine feste Gesundheit dazu gehören, das kann Niemand leugnen. Oder meinen Sie, daß z. B. ein Kunstreiter, der die tollsten Parforcetouren unternimmt oder ein Trapezkünstler, welcher in schwindelnder Höhe seine hals brecherischen Stücklein zum Besten giebt, bleich üchtige, mark lose Menschenkinder zu sein vermöchten: Den Berufsarten zwingt die bittere Nothwendigkeit, auch mit siechem Körper seiner Laufbahn treu zu bleiben, aber wer nie eine andere Sorge gekannt hat, als die um sein Amüsement, der wird sich das im gleichen Fall sicherlich anderswo suchen, als auf
dem Rücken eines ungesattelten Pferdes, auf dem Thurmseil oder auf einem hoch in der Luft hängenden Schwert. Denn dort ist's, wo die Angehörigen der französischen jermesse doree sich heutzutage ganz besonders wohl zu fühlen scheinen. Wer die Mittel hat, baut sich einen Circus oder sein Specialitätentheater, indem er als Director fungirt und persönlich „arbeitet." Geld wird dabei nicht verdient — wenigstens nicht von den Circusdirectoren — dagegen aber recht viel ausgegeben. Die Vorstellungen finden selbstverständlich vor einem geladenen Publikum statt. Allerdings kommts auch hie und da vor, daß man Entree nimmt, indessen geschieht dies dann für irgend einen wohltätigen Zweck. Welch' eine Lust für die Pariser Bevölkerung der unteren und mittleren Klaffen, wenn sie jene Herrschaften, in deren exclusive Cirkel sie niemals hineinkommen können, bei solchen Gelgenheiten als Kunstradfahrer, Seiltänzer und Groteskceiter bewundern dürfen!
Diese Liebhaberei der vornehmen Pariser Herren für Artistenkunststücke liefert natürlicherweise dem Klatsch viel Stoff. Man erzählt sich allerhand amüsante und pikante Geschichten, die bei solchen Veranlaffungen pasirt sind, die, ob wahr oder nicht, meist Glauben finden. Besonders hübsch ist eine, für die ich mich jedoch ebenfalls nicht verbürgen kann. Eine junge Dame von großer Schönheit, aber nur geringer Mitgift hatte das Wohlgefallen eines hochstehenden Krösus erregt. Er verfolgte sie mit seinen Huldigungen, ohne jedoch von ihr erhört zu werden — zum großen Verdruß ihrer Angehörigen, welche sich die reiche Parthie nicht gern entgehen lassen mochten. Wenn man sie drängte, die Werbung des vornehmen und reichen jungen Mannes anzunehmen, so entgegnete das Mädchen, daß sie nie und nimmer einen Gatten wählen würde, der mit beschaulichem Müßiggang seine Tage hinbrächte. Ein Marquis Soundso hätte mehr als jeder Andere die Verpflichtung, durch Leistungen von sich reden zu machen — nur, wenn er das thäte, würde sie ihm ihre Hand reichen.
Diese Aeußerung war dem jungen Mann wieder erzählt worden. „Wenn es weiter nichts ist —" sagte er — „das wollen wir schon machen." Von Stunde an übte er sich täglich im Schweiß seines Angesichts am Trapez und erwarb denn auch in erstaunlich kurzer Zeit eine recht hübsche Fertigkeit in jener luftigen Turnerei. Alle seine Freunde gaben zu, daß er dabei eine Energie ohne Gleichen entwickelte. Als er meinte, weit genug zu sein, um sich mit Ehren pro- duciren zu können, veranstaltete er in seinem Palais eine großartige Specialitäten-Vorstellung, zu der Hunderte von Einladungen ausgegeben wurden. Auf dem ellenlangen Zettel, auf dem die N-mmern derselben verzeichnet standen, nannte er sich jedoch Signor Lionardo oder Rinaldino oder sonstwie ähnlich. Er wollte seine Angebetete mit seiner Kunst überraschen. Die Ueberraschung gelang denn auch, nur war ihr Erfolg ein anderer, als ihr Veranstalteter vermuthet. Kaum hatte die junge Schöne in dem Signor Rinaldino ihren Bewunderer erkannt, als sie in Thränen ausbrach und erklärte, jetzt sei es definitiv und für alle Zeiten aus zwischen ihm und ihr. Sie habe ihn im Grunde ihres Herzens geliebt und immer noch gehofft, daß er sich zu großen Thaten auf« raffen würde, seit sie ihn jedoch in Tricots gesehen, sei ihre Liebe erstorben. Dabei blieb es und keine Bitten des Pseudo Signor-Rinaldino vermocht n sie umzustimmen.
Dieser Geschichte nach sollte man glauben, daß das weibliche Geschlecht weniger für jene excentrischen Vergnügungen inclinirte, doch ist dem nicht so. Die jungen Fräulein und Frauen ziehen es int Allgemeinen nur vor, auf anderem Gebiet zu glänzen. Einige ernten zwar Lorbeeren als Coupletsängerinnen, die meisten aber zeigen ihre Kunst auf der Rennbahn. In einem Ort des Auslandes — in diesem Fall waren die Sportsliebhaberinnen Angehörige verschiedenster Nationen — fand z. B. eine Wettfahrt statt, bei der man an Stelle der Pferde allerhand andere Thiere — Störche, Hähne, Schweine, Affenpintscher, ein Kameel, einen


