198
„Bei Tage kann ich ihn nicht ausgraben," sagte der Knecht kleinlaut, „geht'S denn gar nicht anders? Ich möchte mir den Verdienst doch nicht gern entgehen lassen."
Der fremde Herr überlegte. „Der Vogel ist für mich eine Rarität, weil er den Tod des Mädchens verschuldet hat, ich bin nämlich Sammler," erklärte er, wie durch die Gier nach dem Besitze der Seltenheit, die bis jetzt beobachtete Vorsicht aus den Augen lassend. „Ich werde ein paar Nachtstunden daran wenden und mir ihn abholen. Wo können wir uns treffen?"
„Hä, hä!" lachte Krischan, „da braucht's Ihnen denn auf ein fünf Mark mehr oder weniger nicht anzukommen."
„Bist ja ein ganz geriebener Bursche!" lachte der Herr. „Na, es soll so sein. Ich werde zwanzig Mark geben. Hier ist Draufgeld." „Er legte dem Knecht ein Fünfmarkstück auf die schnell dargereichte flache Hand. „Wann und wo?"
„Hier!" sagte Krischan, der sich durch keine nähere Angabe verrathen mochte, um elf Uhr, dann geht der Mond auf."
„Ich werde Pünktlich zur Stelle sein," versprach der Herr und entfernte sich mit kurzem Gruß, während Krischan mit seinem Grasbündel sehr nachdenklich nach dem Hofe zurückkehrte. —
Auf dem nahen Kirchthum von Rapshagen hob die Uhr zum Schlagen der elften Stunde aus, als Krischan mit einem Grabscheit in den Händen auf der für das Zusammentreffen verabredeten Stelle erschien.
Es war dem sehr früh ausstehenden und hart arbeitenden Burschen nicht leicht geworden, sich auf seinem Lager wach zu erhalten, bis der mit ihm die Kammer theilende Jochen fest eingeschlafen war. Die Aussicht auf den so gut wie mühelosen Gewinn hatte ihm aber die erforderliche Widerstandskraft verliehen und sobald das Schnarchen seines Mitknechtes ihm die Gewißheit gegeben, daß diesen vor Anbruch des Tages so leicht nichts wieder wecken könne, hatte er sich erhoben, sich angekleidet und war hinausgeschlichen.
Es war eine feuchtwarme Frühlingsnacht. Der Regen, welcher während der späteren Abendstunden gefallen war, hatte zwar aufgehört, aber der Himmel war mit blauschwarzen Wolken bedeckt, die wie große Fetzen eines gerissenen Tuches sich hin und her bewegten, und durch deren Lücken der Mond zuweilen einen hellen Schein auf die im tiefen Schweigen liegenden Felder goß.
Jetzt schlug die Uhr elf und plötzlich, der Knecht wußte nicht recht, wo sie hergekommen waren, stand nicht der eine Mann, mit dem er am Nachmittag verhandelt hatte, vor ihm, sondern er war noch von zwei anderen begleitet. Obwohl es warm war, hatten alle Drei Mäntel um die Schultern und die großen, breitrandigen Filzhüte tief in die Stirn gedrückt.
„Das sind meine Freunde, mit denen ich morgen nach Rügen reisen will," raunte der Eine dem Knecht zu, „wir wollen nachher zusammen nach Greifswald und haben nicht viel Zeit zu verlieren. Also sputen wir uns."
„Der Amtmann wird doch von der Geschichte nichts erfahren?" fragte Krischan nun doch ängstlich und kratzte sich verlegen hinterm Ohr.
„Ohne Sorge. Dem kann's wirklich gleich sein, wo der Papagei ein Ende genommen hat," erwiderte Derjenige, welchen Krischan als seinen Auftraggeber erkannte, und dessen Begleiter fügte hinzu:
„Ich gebe noch fünf Mark extra für das nächtliche Vergnügen. Bin wohl schon beim Fuchsgraben gewesen, aber Papageiengraben, das ist was Neues. Vorwärts."
Sie brauchten nicht weit zu gehen.
Krischan hatte den Papagei ganz in der Nähe des Paddemeichs, in dem er seinen Tod gefunden, eingescharrt
und zwar hatte er es sich bequem gemacht, indem er eine s kleine Grube benutzt hatte, in welche kurz vorher gelöschter ■
Kalk geschüttet worden und nachdem derselbe verbraucht, offen geblieben war. Die Erdschicht, die er darüber gehäuft, war auch nicht sehr hoch und so kam die Vogelleiche in verhältnißmäßig kurzer Zeit zum Vorschein und war in Folge ihrer Lage in den noch in der Grube befindlich gewesenen Kalkresten besser erhalten, als man nach der Zeit, während welcher sie bereits jn der Erde gelegen, hätte vermuthen dürfen.
Während einer der Männer, die der Ausgrabung schweigend und mit einem Ernst, welcher der Sache kaum angemessen schien, zugeschaut hatten, den Papagei in einen zu diesem Zwecke mitgebrachten, großen Beutel aus Sackleinwand steckte, händigte der andere dem hocherfreuten Krischan ein blankes Zwanzigmarkstück ein, der Dritte goß ihm aber stark Wasser in den Wein, indem er in beinahe strengem Ton sagte:
„Du kannst es, wenn nöthig, beschwören, daß dies der Papagei ist, dem Fräulein Holten in den Teich nachgesprungen ist?"
Krischan erschrak so, daß das Goldstück beinahe seinen Händen entglitten wäre.
„Be— beschwören soll ich das? Wo denn?" stammelte er, ward aber sogleich durch seinen Auftraggeber beruhigt:
„Ach, mein Freund sagt das ja nur so, um ganz sicher zu gehen- ängstige Dich nicht, mein Sohn."
„Wo sollte denn ein anderer Papagei hierher kommen?" fragte Krischan voll Bestürzung.
Zum ersten Male wurde ein Lachen laut: „Sehr richtig, sie leben ja in Pommern nicht in wildem Zustande!" hieß es.
Sie geboten dem Knecht, die Grube wieder sorgfältig zu schließen und mit Rasen zu bedecken und entfernten sich erst, nachdem sie sich überzeugt, daß dies ordentlich geschehen sei, einen Feldweg einschlagend, der sie nach kurzer Zeit in den Wald führen mußte.
Krischan blickte ihnen nach, und sein einfältig erscheinendes Gesicht nahm einen wahrhaft ergötzlichen Ausdruck der Schlauheit an.
„Die denken mich dumm zu machen," sagte er, den Finger in den Mund steckend und mit dem Kopf ein paar Mal in der Richtung nickend, in welcher die Herren sich entfernt hatten, „wollen mir weis machen, sie geben fünfundzwanzig Mark aus, blos um einen ekeligen Vogelbalg zu haben, wo jeder Mensch lieber Geld giebt, daß er ihn los wird."
„Da steckt was Anderes dahinter. Sie wollen dem Alten was an's Zeug flicken, darum die große Heimlichkeit."
„Der Doctor Holten denkt, ich hätte ihn nicht erkannt, weil er sich in seinen Mantel gewickelt und den großen Schlapphut aufgesetzt hat?" fuhr er in seinem Selbstgespräch fort, „und wo der dabei ist, da bedeutet es für den Alten, wie für den Jungen nichts Gutes- es heißt sogar, er hätte Beiden den Tod geschworen."
„Ob mir der Alte was anhaben kann, wenn's herauskommt, daß ich den Papagei ausgegraben habe?" überlegte er, um sich dann zu beruhigen: „Ach, was kann er mir denn thun? Schimpfen und toben thut er so wie so den ganzen Tag und einstecken lassen kann er mich deshalb nicht- es ist ja kein Diebstahl.
Von mir soll übrigens Niemand was von der Geschichte erfahren," gelobte er sich, „und kommt der Alte dadurch in die Patsche,' dann freut's mich, daß ich ihm dazu verhalfen, hätt's auch umsonst gethan. Besser ist's freilich schon, daß er mir fünfundzwanzig Mark eingebracht hat."
Er zog das Geldstück aus der Tasche, liebäugelte damit, steckte es wieder ein, und ging dann nach dem Gutshause zurück, um sich möglichst geräuschlos wieder in seine Kammer zu schleichen.
(Fortsetzung folgt.)


