Felsgarten.
Roman von Clara Bück er.
(Schluß.)
VIII.
Die Wirkung auf die versammelten Hörer dieses Schreibens äußerte sich verschieden. Während Tauchlitz' Mißmuth vor Hildes geistiger Regsamkeit wich, schüttelte Hollmann den Kopf und Irmgard sprach einfach von einem Strudel, wohinein die leichtsinnige Schwester sich stürzte. Fast klang ihre Empörung wie Neid.
Heinrich allein blieb still. Sein Herz zuckte und krampfte sich unter diesen Eindrücken.
Könnte er den Brief im Stillen lesen, jedem Satze und Zeichen nachspüren! Jndeß, als ihn das Glück begünstigte, als Irmgard das Schreiben mit spitzen Fingern von sich geschoben und Tauchlitz es vergessen hatte, flimmerten die trotzigen Schriftzüge Hildes vor seinen Augen, fühlte er sich unfähig zu lesen, wo ihre Hand, ihre Blicke geruht hatten.
Was war er, was that er, um so viel Entfaltung ihrer persönlichen Macht zu verdienen? Nichts, nichts, konnte er thun, nur sie mit allem Ungestüm, in wildester Sehnsucht in seine Arme wünschen.
1898.
Nr. 116.
Samstag bete 30 Juli
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atm das Kindchen noch nicht gehen, Hör' ich öfters fragen, Kann doch schon so lange stehen, „Lieber Vater" sagen. Doch die Mutter liest entzückt In des Kindes Sternen, Ist im Vorgefühl beglückt, Daß es geh'n wird lernen.
So hab' ich gefragt mein Herz, Kannst du noch nicht tragen Deinen auferlegten Schmerz, Kannst doch „Vater" sagen? — Schaue nur mit Hellem Blick Zu den ew'gen Sternen, Und du wirst dein herb' Geschick Lächelnd tragen lernen.
Johanna Ambrosius.
Der Besitz bedeutet ein Leben, des Lebens Werth. Sollte er es erst bei dem Onkel wagen? Nein, erst sollte sie ihm ein Recht geben und wissen, daß er völlig der Ihrige war.
Wulffen stürzte nach seinem Zimmer, aber ein Brief kam nicht zu Stande. Wirre, regellose Phantasien füllten seine Blätter.
Ich will ihren nächsten Brief abwarten; vielleicht finde ich zwischen den Zeilen ihren Wink: Komm zu mir, löse mich endgiltig von der schönen Leerheit — tröstete Heinrich sein zerrissenes Gemüth.
Ahnte sie denn nicht sein Leiden? Weshalb schrieb sie ihm nicht? Er wollte es, sie mußte an ihn denken oder seine Seele war stumm und taub und hohl.
Aber Hilde fühlte als Mädchen zu keusch, als Erwachende zu scheu — nein, sie schrieb ihm nicht, sie litt eher zehnfach. Dann konnte sie wenigstens den Vater benachrichtigen. Sie mußte doch annehmen, daß er zitterte auf ein Wort — ein Wort nur!
Daß Niemand, nicht einmal die scharfe Irmgard ihm in diesen Wochen seine Seelennoth ansah — Stockfische allerseits! Freilich mag Hilde sich froh fühlen, solchem Kreise zu entrinnen- der neue beschäftigt sie gewiß längst mehr.
Wahrscheinlich entdeckte sie inzwischen dort menschliche Werthe — hatte er jenen nicht ebenfalls angehört sowie sich eingebildet, ihnen für immer ergeben bleiben zu können? Eine Einbildung, die Wahrheit geworden wäre, hätten sie ihn überhaupt gewollt und ausgenommen. Vielleicht rühmten sie sich dessen, vielleicht erhielt Hilde Aufklärungen, die ihrem Vertrauen, ihrer zarten Anhänglichkeit den Todesstoß gaben.
Arme, Süße, Holde — nein, das darfst Du nicht erleiden. Dafür sollst Du lieber Bescheid über mich wissen und wieder an mich glauben!
Wild riß der Aufgeregte seine Briefbogen heraus und schrieb ohne Anrede:
„Noch darf ich Sie nicht nennen, denn die Namen, die ich Ihnen schulde, wollen ein Recht durch Sie haben. Bis dahin schenken Sie mir aus Mitleid nur einen Hauch des Trostes, Sie schweigen ja wie das Grab selbst — nein, wie elend das Papier vermittelt, was in uns ringt!
Verzeihung, Sie adelten es längst durch Ihre Kunst, beschämen Sie es nochmals mit Ihrem Gemüth, lassen Sie wenigstens Ihre Feder einen Verschmachtenden erquicken.
Ich liebe Sie, Hilde, ich liebe Sie."
Dieses tolle Briefblatt ging wirklich an seine Adresse ab und — wurde verstanden. Gleichsam der Zauberschlag gegen


