Ausgabe 
30.7.1898
 
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den «btein im Märchen. Mehrmals erhielt er kleine Brief- - sendungen mit verstellter Druckschrift adressirt- Keiner der Hausbewohner hätte die Absenderin errathen. Auch enthielten diese nur phantasiereiche Gebilde ohne Namensunterschrift, doch in jedem Strich und Zeichen, das, was sein Inneres allein zu enthüllen vermochte.

Schon die Ueberschrift tröstete unsagbar: Elegien einer Vergessenen. Sie hatte ihm ähnlich gelitten.

IX.

Wieder saßen der Landrath und sein Gast sich gegenüber. Seit Tagen sauste es draußen in den Bäumen, rauschte ein Regen hernieder, dem Tauchlitz nur noch mißbilligende Blicke durch die berieselten Fenster zuwarf,- geöffnet mochte er letztere nun schon gar nicht sehen, das raschelnde, stöhnende oder prall klatschende Laub der nahen Bäume ärgerte ihn. Hilde allein hatte verstanden, daraus etwas zu hören.

Heinrich hatte vor dem Raupenhause gesessen und das Futter für Tauchlitz' Pfleglinge fort bet. Jetzt trat er ans Fenster. Verstohlen beobachtete der alte Herr ihn, wobei er freilich seine eigentlichen Gedanken nicht von seinen Raupen abzog.

Was für ein vorzüglicher Cocon, fast lohnte es sich, ihn als Rarität aufzubewahren- sollte man? Freilich, das könnte ihn um ein beneidenswerthes Exemplar bringen.

Wulffen stand noch immer wie verloren am Fenster. Langweilte ihn der Aufenthalt hier? Ein solcher Gedanke war geeignet, Tauchlitz alles Blut in die Stirn zu treiben. Er Jemand langweilen! Beinahe hätten seine nervös zu­greifenden Finger die kostbare Puppe verletzt, die ihm seine Familie des Papilio Podalirius königlich vervollständigen konnte, Vorsicht!

Heinrich!"

Ja, Onkel."

Hilf mir doch mal, so, danke! Noch ein bischen Watte für dies Glas. Störte ich Dich? Nein? Das freut mich. Du warst so versunken in das ekelhafte Geplätscher draußen, daß ich ordentlich an Hilde erinnert wurde. Die hört im Rauschen der Baumkronen auch eine ganze Geschichte."

Was hört sie?"

Wie war es doch gleich? Einmal plapperte sie ja darüber. Richtig, so fings an:Siehst Du, Papa, zuerst flüstert ein Blatt mit dem anderen, heimlich wie Kinder, die einen Spaß mit dem anderen machen wollen. Da haben ihn zwei erlauscht, sie rennen, ihn auszuplaudern, die beiden nach, sie lachen, lärmen, zetern, bis richtig der ganze Schwarm um den Stamm toll, hui und husch zu greifen, zu lachen, wohl auch zu klapsen und zu kreischen."

Sie, sie allein! Gieb mir Deine Hilde, Onkel, sonst sterbe ich."

Ganz wie ein alter Mann auffährt, starrte Tauchlitz den Ungestümen an, doch dann besann er sich auf seine geistige Ueberlegenheit. Sorgsam prüfte er die guten Packungen seiner zukünftigen Falter.

Das steht bei Hilde selbst. Hat sie sich schon vergeben?"

Sie ist mir nicht ausgewichen."

Hinter meinem Rücken?"

Willst Du sie kränken? Sie ließ mich ahnen, daß ich ihr werth sein könnte nicht mehr und nicht weniger."

Was brauchst Du mich dann noch?" kam es gallebitter zurück.

Deine Einwilligung erbitte ich, Onkel, Deine Zu­stimmung. Gieß mir nichts Bitteres in dieser Stunde. Laß mich reisen. Ich will sie von da wegholen. Laß uns Beide Dir willkommen sein, nenne mich auch Dein Kind."

Unschlüssig antwortete er:Du willst doch nicht allein zu ihr? Irmgard müßte mit"

In diesem kritischen Augenblick klopfte es leicht, und Irmgard steckte den Kopf durch die geöffnete Thür. Draußen ging das Mädchen mit ihrem Regenmantel und den Ueber- schuhen durch den Vorraum.

Die Nässe! Das Wetter! Dennoch kommt man! Natürlich aus Mitgefühl für Euch Clausner, die Ihr sicher nach einer Neuigkeit lechzt uh, wie das plätschert und die Bäume biegt, so schlimm kam es mir nicht vor, als ich unterwegs war. Nun, was bekomme ich für meine Nachricht?"

Endlich saß sie zierlich und zog den Brief aus der sammetnen Tasche, die an seidener Schnur hin und her schwenkte.

Diesmal schrieb Hilde billigerweise an mich, Papa. Du erlaubst, daß ich lese?

Liebe Irmgard. Denn einmal muß ich das Wort auch an Dich richten, sonst geht es mir bei meiner Heimkehr an Kopf und Kragen.

Darin irrt sie nicht, ihr Glück!" schob Irmgard ein.

Und nun gleich zur Sache das heißt zu Ines. Sie ist im Sinne des Weibes nie zu retten. Wohl aber ist sie eine Künstlerin und es hieße den vorläufig einzigen Werth ihres Daseins vernichten, risse man sie aus den Bahnen ihrer Kunst. Wehe jedoch Denen, die irgend ein Gemüth in ihr suchen, Genußsucht regiert ihr Inneres, kein großgeistiges, nicht einmal ein Hausbaken gutherziges Fühlen lebt in ihr.

Schließlich kam ich auf den Gedanken, Tante Wulffen herzubitten.

Sie kam und nun, Irmgard, weiß ich gewiß, was wir an einer Mutter verloren. Wir Beide haben ja bloß halb gelebt.

Die Sache mit Erder nahm sie in ihre weiche, kräftige Hand, sofort bekam sie Form und Gestalt. Ines soll das Geld haben, allerdings sicher gestellt als Rente späterer Tage, oder das Gesetz würde die Angelegenheit regeln. Einver­standen? Er mußte es wohl sein.

Ich lebe mit Tante Wulffen sonst thu' und denke ich nichts mehr. Was Alles lauscht man solchem goldigen Frauenherzen ab! Manchmal ist mir dabei, als fluthe in meinem eigenen ein warmer Springquell auf, der alle Sophisterei meines Wesens bei Seite schwemmt.

Genug, genug. Schreibt, wann wir Beide kommen sollen. Kränzt die Thüren, schmückt die Tische ach nein, lieber will ich mich im stillsten Winkel verkriechen. Hilde.

Habt Ihr Worte?" schloß Irmgard.

Alles blieb still. Tauchlitz betrachtete seine gefalteten Hände, Wulffen stand längst am Fenster, Allen abgekehrt. So verstummte auch Irmgard, bis die Pause sie drückte.

Wie das plätschert! Da Thüren kränzen!" sagte sie, denn sie folgte dem Regen und Wulffens Blicken.

Heinrich wandte sich um, Tauchlitz stand auf. Mit einem Male hielten beide Männer sich umschlungen, während Irmgard erstarrte.

Ist denn Einer tobt?"

Ja," sagte Tauchlitz,meine Altbackenheit. Kinder! Ich will jung mit Euch fühlen, Heine, mit der ewigen Jugend meines Mädchens. Hol' sie Dir mit Deiner Mutter her."

Irmgard, hier ist der Verlobte unserer Hilde, hoffent­lich auch Euch willkommen."

Ein scharfer Zug huschte über die Züge der Angeredeten, dann fiel sie dem Schwager um den Hals, ehe die Braut es gethan. Ein schneller Entschluß gab ihr die nöthigsten Worte:Was Hinreisen! Depeschirt doch, mit dem nächsten Zuge treffen Beide ein und wir bleiben beisammen. Solche zerrissene Geschichte. Ihr da, Papa mit uns hier, das wäre!"

Eigentlich hast Du recht," erwog Tauchlitz,die beste Einigkeit stiften stets die Frauen. Willst Du depeschiren, Heine?"

Der eilte fort, froh, für sich allein ins Freie hinaus zu können.

Ziellos lief er herum in seiner Erwartung, obgleich der Zug erst am späten Nachmittag eintreffen konnte. Mitten aus allem holden Kummer eilte er dann nach einer Gärtnerei, Kranzwerk und Blumen für ihre Thüren zu