Ausgabe 
30.6.1898
 
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ffünf Francs bezahlt erhalten. JnAusnahmesällen, bei besonders «ohlgeformten und ergiebigen Modellen steigt die Remune­ration auch auf zehn Francs und darüber. Die männlichen Modelle haben den weiblichen gegenüber das Voraus, daß sie sich nicht so bald verändern. Während weibliche Gestalten im Allgemeinen schon nach vier bis fünf Jahren unbrauchbar geworden sind, dauern männliche oft ebensoviele Jahrzehnte. Mn Italiener, Fonsco, nannte sich auf seinen Karren den .König der Modelle",' er begann zusitzen" als er zwei Jahre alt war und saß noch mit sechs und siebenzig. Gelon, ein anderes Modell, ist gegenwärtig drei und sechzig Jahre alt und seiner ungemein robusten Formen wegen noch immer sehr gesucht. Mezecino, ein Italiener,sitzt" schon sechzig Jahre zuRömern",- seine Adlernase, sein reines, klassisches Profil und die energischen Züge seines Gesichts scheinen mit dem Alter an Charakteristik nur zu gewinnen. Salem, ein ehemaliger Negerprinz aus Timbuktu, ist das begehrteste Modell fürschwarze Stoffe". Er hat den Krieg 1870/71 mitgemacht und obgleich er mit dem Kreuz der Ehrenlegion decorirt ist und eine kleine, aber ausreichende Pension bezieht, hat er doch zu demModellhandwerk" seine Zuflucht genommen, um seine Einnahme zu vergrößern. Gustave Boulanger hat ihn viele Jahre ausschließlich beschäftigt.

Wenn auch das männliche Modell nicht s > viele Ncben- rinkünfte haben kann, so ist doch auch ihm Gelegenheit gegeben, seine Lage aufzubessern. Das erfolgreichste Mittel dazu sind Kinder, welche man, iobald sie laufen können, in die Ateliers einzuführen strebt, wo sie als Engel oder Genien reichliche Verwendung finden. Die Kinder, wenn man nicht etwa ver- heirathet ist und selbst welche hat, beschafft man sich für einige Sous den Tag von den vielen Bettlerfamilien, welche in den Miethskasernen der Arbeiterviertel wohnen und glücklich sind, wenn sie etwas verdienen können.

Andere Modelle, welche an der Malerei Geschmack gefunden haben, widmen sich der Kunst ganz und gar. So hat gegen­wärtig ein Italiener, Namens Colorossi, nach ernsten Studien ein Atelier eröffnet, welches von den Meistern, denen er frühergelessen", unterstützt wird und eine stattliche Anzahl von Schülern anfweist. Socci, ein anderer Italiener, ist der Properirende Inhaber einer sogenannten Modellagentur, welche die Ateliers mit dem erforderlichenMaterial" ver­sorgt, nnd von die en sowohl als auch von den Modellen selbst oft recht erkleckliche Proviisionen einheimst. Fast alle Männlichen Modelle sind Italiener und wohnen Haupt ächlich in den Eues des Boulangers, de Saint Victor und der Avenue de Maine. Bon hier aus versammeln sie sich dann alle Montag in der Morgenfrühe auf der erwähnten Place Pigalle.

Einige Maler von Ruf gebrauchen nur äußerst fetten solcheprofessionellen" Modelle. Jean Beraud z. B. nimmt seineArbeiter" direkt aus den Werkstätten. L'Hermitte holt sich WineBauern" vom Felde und Renout seineMa­tra en" direkt von der atlantischen Küste.

Sehr oft macht der Maler auch Gebrauch von sogen, sosie" oder frappanten Ähnlichkeiten. Das berühmteste sosie" war seinerzeit ein alter Obstkcämer des Quartier Latin, der Viktor Hugo auf ein Haar ähnlich sah. Er hat fast zu allen Porträts gesessen, die man in den Kunsthand­lungen antrifft.

Ich sagte vorhin weiter oben, daß das weibliche Modell nicht lange vorhält. Davon giebts nun auch Ausnahmen. Die berühmteste von diesen war Josephine. Dieses Modell saß volle 45 Jahre ihres Lebens in den Ateliers der Por- zellanmanufactur von Sevres und erhielt schließlich eine Pension Don der Regierung. Während der ganzen Zett ihrer Täthig- keit bewahrte sie sich eine solche Körperfrische, daß sie nie ein Schnürleib zu tragen für nöthig hielt.

Nicht immer, doch aber sehr oft, sind die weiblichen Modelle auch verheirathet. Dies war der Fall mit einer Deutschen, Namens Cölestine Gurr, welche nach dem Kriege L871 mit ihrem Gemahl nach Paris kam und kurze Zeit

darauf von Cabanel für sein Atelier engagirt wurde. Sie war gerade nicht besonders schön von Angesicht, sobald aber die Hülle von ihrem Körper fiel, glaubte man eine lebende Venus vor sich zu haben, von solch klassischem Ebenmaaß waren ihre reizenden Formen. Es war daher ganz erklärlich, daß ihr Gatte voller Eifersucht auf seine Gattin war und sie nicht ohne seine Begleitung in die Sitzungen gehen ließ.

Obwohl er selbstredend von der Kunst so gut wie nichts verstand, mußte er doch jede Messung, jede Veränderung der Stellung, jede neue Attitüde seines Weibes mit Argusaugen überwachen, zu welchem Zwecke er sich einen alten P lsterstuhl in eine entferntere Ecke des Ateliers gezogen hatte und dort so lange unter den theils witzigen, theils sarkastischen und selbst anzüglichen Bemerkungen der jungen Künstler ausharrte, bis er seine Gattin von dem Postamente herab und hinter dem Vorhänge in ihre Gaderobe steigen sah. Dann erhob er fick, half ihr beim Toilettemachen und verließ mit ihr unter dem Gelächter der Studenten den Saal. Diese wünschten sich den lästigen Aufpasser zum Teufel und beredeten sich, wie sie ihm das Wiederkommen vertreiben könnten. Zu dem Zwecke lösten sie die Beine des Polsterstuhles, so daß dieselben, beim geringsten Versuch sich zu setzen, nachgeben und den Sitzer zu Falle bringen mußten. Gleichzeitig brachten sie eine Menge Nadeln im Polster selbst an und stellten den so präparirten Stuhl in seinen Winkel. Als dann am nächsten Tage Herr Gurr 'einen gewöhnlichen Platz einnehmen wollte, gab es einen donnerähnlichen Krach. Mit markerschütterndem Schrei sprang Herr Gurr auf die Füße und befühlte unter dem brü tenden Gelächter der anwe enden Kunstjünger seine Rock chöße" mit allen Symptomen eines herannahenden Schlagflusses, griff eiligst nach Hut und Stock und eilte an die friiche Luft, aus welcher er jedoch nie wieder in das Atelier zucückkam. Seine Gattin er chien seitdem stets allein, wie man cs gewünscht hatte.

Viele Modelle, welche ihre Profession längere Zeit auf­gegeben haben, verspüren auf einmal wieder nostalgische Schmerzen, d. h. Heimweh und kehren zu ihrem alten Beruf zurück. Madame Lucienne, welche einen Laden auf dem Boulevard Raspail eröffnet hatte, liefert zu dieser Behauptung ein charakteristisches Beispiel. Nicht lange nach ihrem Auftreten als Modell verheirathete sie sich und lebte sechs Jahre lang in glücklichster Ehe. Dann aber verließ sie plötzlich ihren Gatten und wurde wieder Modell. Kurze Zeit darauf verschwand sie. Sie hatte sich, wie man sagte, von einem reichen amerikanischen Kunstschüler über den Ozean entführen lassen.

Wirklich tadellose Modelle werden von Tag zu Tag seltener. Viele Meister haben ihre eigenen Modelle, welche für Niemand sonst sitzen dürfen. So hat Gerome ein Modell, welches ihn auf allen Studien- und Vergnügungsreisen im Sommer begleitet und im Winter in einem kleinen Paradies auf dem Boulevard Clichy wohnt. Eine Belgirin, Namens Alice, welche zuerst im Atelier Puvis de Chavannes auftauchte, ging zu Henner über, dem sie jetzt zu seinen Nuditäten sitzt. Martha, welche am Senegal geboren ist, sitzt Benjamin Con­stant zu seinen Orientalinnen. So gießt es noch eine ganze Reihe von Modellen, welche von den größten Meistern fast ausschließlich verwendet werden und im Allgemeinen glänzende Remunerationen beziehen und ein vornehmes Leben führen.

Was aus den Modellen wird, wenn sie zu verblühen anfangen, lieber Leser? Entweder sie heirathen, wie Madame Lucienne, und lassen sich entführen, oder wenn sie ehrlich bleiben wollen, greifen sie zur Nadel, um sich als Näherin durchzuhungern, oder sie reichen ihrem früheren Meister die Hand und bleiben ihm treu, oder sie werfen sich dem Laster in die Arme und verwahrlosen und beschließen ihr Elend entweder in der Seine oder mit einer Dosis Cyankalium.

So leben und sterben die Modelle der Pariser Maler, und wie manches Original, dessen maskirtes Conterfei die Salons der modernen Kunsthandlungen schmückt, liegt begra­ben und vermodert auf dem Armenkirchhofe der großen Seine-