Ausgabe 
30.6.1898
 
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s ist nichts erbärmlicher in der Welt, als ein unentschlossener Mensch, der zwischen zwei Empfindungen schwebt, gern beide vereinigen möchte und nicht begreift, bah nichts sie vereinigen kann, als eben der Zweifel, die Unruhe, die il,n peinigen.

Goethe.

Die Perle der Nordsee.

Schilderung einer Sommersahrt von Otto Bruhnsen.

------- (Nachdruck verboten.)

Grün is bet Lunn, Road is de Kant, Witt is de Sunn: Deet is bet Woapen Van'thillige Lunn "

Friesisch.

Hochsommerferien auf Helgoland liegen hinter mir. Mein seit Jahren lebhaft hervortretendes Verlangen, die be­deutenderen der Nordseebädcr aus eigener Anschauung kennen zu lernen, ist endlich befriedigt worden. Diese, was Helgo­land anbetrifft, recht intim gewordene Bekanntschaft hat mir großen Genuß eingetragen. Schwer, überaus schwer, ist mir der Abschied von dem meerumtosten, romantischen Klippen- eiland geworden. Meine Gedanken schweifen oft zurück nach der mit weißen Brüsten sich aus den grünblauen Meeres- fluthen hebenden Düne, wer, dessen Herz für Naturschönheit erglüht, vermöchte sich leichten Kaufes den berauschenden Umarmungen der Nordseenixe zu entziehen?

Seit Wochen weile ich wieder in den Mauern der großen Stadt, staubige Straßen, in denen der Sommerbrand eine Tropenhitze erzeugt, umgeben mich, am Jungfernsticg regnet gelbverbranntes Lindenlaub rauschend auf mich herab, . . . ihr Götter, der Kontrast ist reichlich scharf!

Noch dringt wie aus weiter Ferne das Rauschen der Brandung an mein Ohr, noch empfinde ich, sobald ich wich träumerischer Ruhe überlasse, das lebhafte Gefühl des Schaukelns auf der ruhelosen Meerfluth, noch höre ich, wachend und träumend, melancholisch klagenden Mövenschrei.

*

*

Ein feiner Sprühregen begleitete mich an Bord des seefesten Ballin-Dawpfers, auf dem ich mich am Frühmorgen des ersten Ferientages einschiffte- bleiernes Gewölb jagte am Himmel, Bleiglanz ruhte auf dem Wasser.

Der Sonnenuntergang am vorhergehenden Tage war doch so vielversprechend gewesen! Unmuth wollte mich über­mannen, ärgerlich schnippte ich mit den Fingern, während ich das Verdeck abschritt. Mtine Reisegenossen musternd, machte ich mir obendrein bittere Vorwürse über meine Sorglosigkeit, die mich die Fahrt in leichtem Reisehabit an­treten ließ, während meine beobachtenden Blicke überall auf dichtoermummte Gestalten, auf langschleppende Hohenzollern- Mäntel und Havelocks stießen. In den Trägern dieser Wandelnden Mustercollection schienen sich mir gewiegte Practiker vorzustellen, Leute, die nicht zum ersten Mal in ihrem gesegneten Leben eine Seereise unternahmen, die vielmehr geneigt schienen, den Sommeraufenthalt in einem fashionablen Seebade eigentlich als etwas ganz Alltägliches anzusehen. Ihre gleichmüthigen Mienen wenigstens be­rechtigten zu diesem Schluffe.

Nun, da mochte ich später schöne Erfahrungen in Bezug auf meteorologische Verhältnisse auf der Unterelbe, in der See und auf den Inseln mit nach Hause bringen.

Während ^zene in der Gegend von Schulau anfingen, dickbäuchige Cognacflaschen aus den geheimnißvollen Tiefen ihres Handgepäcks hervorzuziehen, betrachtete ich in grimmiger Laune mein winziges Touristenfläschchen mit Steinhäger, das eine sorgliche, treue Hand mir noch in letzter Stunde aufgenöthigt hatte, und goß einige herzstärkende Tropfen in den Metallbecher.

In zwiefacher Hinsicht zeigten sich mir die Practiker somit bereits überlegen, das war ja ein recht vielver­sprechender Anfang meiner Fahrt!

Ich musterte verdrießlich die Ufer zu beiden Seiten der breiten Wasserstraße. Da gab's nicht viel zu sehen. Sonnenlicht und des Himmels Bläue fehlten den wie Coulissen an dem spähenden Blicke vorüberziehenden Landschaftsbildern, selbst das malerisch gelegene Blankenese war, ohne reundliche Eindrücke zu hinterlassen, vorübergeglitten. Zugig war's auf dem Promenaden - Deck, so sehr, daß ein karten- pielendes Trio hübsch Obacht auf die bunten Blätter geben mußte, die über Bord zu wehen der frische Morgen­wind sich alle Mühe gab.

Ich stieg in den Salon hinunter und belegte im Voraus ein Plätzchen, wo bei eintretender Seekrankheit dem schaden­rohen Meergreise sein Opfer werden sollte. Die Schiffs­mannschaft hatte vorsorglicherweise das für solche Zwecke Erforderliche bereit gestellt. Daß der alte Neptun tribut­heischend bei mir anklopfen werde, davon war ich fest über­zeugt. Die Practiker würde er verschonen, auch darin