ruhige Unbefangenheit zu heucheln, während der furchtbarste Aufruhr in ihm tobte. Wenn er es nicht länger aushalten konnte, sprang er auf.
„Ich habe zu arbeiten!"
Damit entfloh er in sein Stübchen und riegelte sich ein. Und hier des Zwanges der Verstellung ledig, saß er, die Stirn in beiden Händen vergraben und sann und seufzte. O, wie er seine That bereute, verfluchte! Wie war es nur gekommen, wie war es nur gekommen? War er denn nicht Herr seiner Sinne gewesen?
Wenn der Paroximus seiner Reue, seiner Verzweiflung, seines Zornes gegen sich selbst den höchsten Grad erreicht hatte, pflegte er aufzuspringen, das Fenster aufzureißen und seinen glühenden Kopf in die frische Luft zu stecken. Hatte er sich dann etwas beruhigt, so kehrte er in das Zimmer zurück, um weiter seinen Gedanken nachzuhängen. Die unselige That war geschehen und alle Reue und alle Verzweiflung konnten sie nicht rückgängig machen. Es blieb ihm nur übrig, den Folgen ins Auge zu sehen und sich mit ihnen abzufinden. Zum Glück würde Niemandem ein dauernder Schaden daraus erwachsen. Aller Voraussicht nach würde die polizeiliche Untersuchung im Sande verlaufen, und in wenigen Wochen war die Geschichte vergessen. Seine Aufgabe, seine heiligste Aufgabe war es, die Eltern schadlos zu halten für ihren materiellen Verlust und durch ein in jeder Beziehung musterhaft sittliches Leben sein Verschulden im Stillen zu sühnen.
Wenn er der früheren üppigen Gelage im Kreise seiner Collegen gedachte, ergriff ihn ein tiefer Ekel und er fand eine wahre Genugthung darin, sich der strengsten Enthaltsamkeit zu befleißigen. Er gönnte sich nicht die kleinste Zerstreuung,- die Zehnmarkstücke, die ihm die Mutter wieder gelegentlich heimlich zustecken wollte, wies er standhaft zurück, ja, er verzichtete sogar auf den größten Theil des Taschengeldes, das ihm der Vater zu zahlen pflegte. Trotz des zurückgezogenen Lebens aber, das er führte, kam er zu keinem anhaltenden Studiren mehr. Wohl saß er täglich viele Stunden in seinem Zimmer, um zu arbeiten, aber es war ihm in der Einsamkeit unmöglich, seinen Geist anhaltend auf den abstracten Gegenstand seines Studiums zn concen- triren. Immer wieder kehrten seine Gedanken zu dem zurück, das ihn innerlich unablässig beschäftigte und die Buchstaben in dem vor ihm aufgeschlagen liegenden Buche hüpften und tanzten vor seinen flimmernden Blicken und stellten sich zu einem Wort zusammen, das ihm den kalten Schweiß auf die Stirn trieb: „Dieb! Dieb! Dieb!"
Und wenn er dann stöhnend aufsprang, sich der Länge nach auf sein Bett warf und den heißen Kopf in die Kissen wühlte, um nichts zu sehen und nichts zu hören, so gaukelte ihm die erregte Phantasie die qualvollsten Wahnvorstellungen vor. Er sah sich entlarvt, überführt, zu einer entehrenden Strafe verurtheilt, von Allen, die ihm nahe standen, verachtet, verflucht.
(Fortsetzung folgt.)
Meine erste chinesische Mahlzeit.
(Schluß.)
Ich hatte^schon gefürchtet, daß die schönen Schinken und Gänse, die vor uns in so leckerer Weise den Tisch zierten, die Mahlzeit bilden würden; gefürchtet deshalb, weil ich ja kein Messer zum Zerschneiden der Speisen hatte. Ich wurde aber eines Besseren belehrt, als die Diener jedem einzelnen Gaste aus der Küche kommende Speisen, schon in winzige Stückchen zerschnitten, in kleinen Porzellanschälchen vorsetzten. Was diese Fleischstückchen wirklich waren, konnte ich wegen der dicken verschiedenfarbigen Saucen, in denen sie schwammen, nicht ausfinden. Vergeblich bemühte ich mich, mit Hilfe meiner Stäbchen einzelne Stückchen herauszufischen,
zum höchsten Gaudium der kleinen Mädchen, bis sich endlich mein Gastgeber erbarmte und ein Stückchen mit den von ihm benutzten Stäbchen aus seiner Schale nahm und mir in den Mund schob,- er that dies nicht sowohl um mir zu helfen, sondern weil dies bei den Chinesen auch als besondere Auszeichnung gilt. Es war nicht gerade appetitlich, aber „in Rome, one must de as the Romans do“. Der Geschmack war süßlich, ölig und so widerwärtig, daß ich den Ehrenbisscn am liebsten wieder von mir gegeben hätte. Aber wie konnte ich die Gastsreundschaft so verletzen! Also herunter damit. Hätte ich nur ein Gläschen Wasser gehabt! Mit Verlangen blickte ich auf die schönen Orangen und Leitschis und Mangos, die vor mir aufgethürmt waren, dabei war ich hungrig wie ein Wolf und konnte es doch nicht über mich bringen, einen zweiten Bissen htnunterzuwürgen. Vielleicht brachte der nächste Gang, der uns etwa vorgesetzt wurde, etwas Besseres. Abermals Fleischstückchen, abermals Sauce, aber so sehr mit Knoblauch versetzt, daß ich mich mit einem geschickt erwischten Bissen vergnügte. Ich hoffte über diesen zweiten Gang dadurch Hinwegzukommen, daß ich recht lange mit meinen Stäbchen herumfischte. Ja, wenn nur meine holde Nachbarin nicht gewesen wäre! Kichernd beobachtete sie meine Versuche, dann erbarmte sie sich meiner, der dieses Erbarmen gar nicht wollte! Sie nahm ein Stückchen aus ihrer Schale und schob es mir in den Mund. So wurde ich auch während der folgenden Gänge bald von rechts, bald von links gefüttert, mein Schälchen Reiswein wurde immer wieder halbgeleert weggenommen und durch ein neues, gefülltes ersetzt. Nun bemerkte ich erst, auf welche Weise dies geschah: Auf einem Seitentischchen standen zwei Weingefäße in heißer Kohlenasche. Die halbgeleerten Schalen wurden bei jedem Gange vom Tische genommen und die Reste in das eine Gefäß zusammengegossen,- dann wurden die Schalen aus dem andern wieder gefüllt. War dieses leer erschöpft, so holte sich der Mundschenk den Wein aus dem anderen Gefäß, in welchem die zusammengesetzten Reste mittlerweile wieder warm geworden waren!
Neun Uhr. Immer noch wurden neue Gerichte aufgetragen — es mochte wohl der zwölfte oder vierzehnte Gang dieses Banketts sein, und gar keine Aussicht auf ein baldiges Ende. Die Geschichte war recht langweilig. Mein Nachbar zur Rechten schob mir unter höflichen Verneigungen immer neue Bissen in den Mund, meine Nachbarin zur Linken kicherte fröhlich weiter und trank mir zu. Die anderen Gäste begannen ihre Befriedigung über die gebotenen Leckerbissen in einer Sprache zum Ausdruck zu bringen, zu der man keine chinesische Grammatik braucht, biedere, krästige Naturlaute, die so recht von Herzen zu kommen schienen. Es war aber auch gar nicht anders möglich auf die vielen Zwiebeln, Knoblauch, die verschiedenen Oele, Fette, Wurzeln, Gemüse, Kräuter, Suppen, Leckereien, Präserven, Saucen, Fleisch- und Ftschstückchen und den warmen Wein. Meine Odaliske bestand fest darauf, mit mir zu conversiren. Sie fragte mich die allermerkwürdigsten Dinge, die von ihrem Nachbar zur Linken, meinem Dolmetscher, in erbärmliches Englisch übertragen wurden. Ich suchte meine Antworten durch Kopfnicken und Zeichen aller Art auszudrücken, um nicht meinen Dolmetscher durch englische Antworten in Verlegenheit zu bringen. Sprach ich wirklich mit ihm, so lachten die Dämchen alle laut auf und schrieen yes, yes, was es nur Platz hatte. Clark benutzte fortwährend das Taschentuch, um die in seinen Mund geschobenen Bissen auf unmerkliche Weise zu beseitigen. Sein ganzes Diner mußte unter dem Tische liegen.
Die Hitze, der odeur chinois, der in dem Raume herrschte, der warme Wein, die Gerüche der Speisen hatten den Aufenthalt für uns zwei Kaukasier geradezu unerträglich gemacht, und wir ermunterten uns gegenseitig durch Zeichen, den Tisch für einige Augenblicke zu verlassen. Der Gastherr schien diese Zeichen zu verstehen, denn er selbst stand nun auf und sprach unter einer Verbeugung gegen mich einige


