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Wenn man ihn mit Fragen quälte, und so verhielt sie sich ganz mäuschenstill und wartete ab, bis er von selbst sprechen würde.
Otto stand am Fenster und drehte den Eltern den Rücken zu. Er sah auf die Straße hinab, die von den kleinen Gasflammen der Straßenlaternen nur ein spärliches Licht erhielt. Mit einem Male wandte er sich herum und sah zu seinem Vater hinüber und bewegte seine Lippen, als wollte er etwas sagen. Aber dann biß er Plötzlich die Zähne fest aufeinander und stumm kehrte er sich wieder zum Fenster um.
Ein schwüles, beklemmendes Schweigen herrschte im Zimmer, bis sich vom Sopha her die dumpfe Klage vernehmen ließ: „Daß mir auf meine alte Tage noch so was passtren muß! In meinem ganzen Leben habe ich noch nichts mit der Polizei zu thun gehabt, und nun ..."
Mit einem Ruck schnellte Otto herum und sah mit schreckensbleichem Gesicht zum Vater hinüber.
„Sie denken doch nicht etwa, daß Du ... . ?"
„Unsinn! Ich muß's ja ersetzen. Ich habe die Sache nur einfach zur Anzeige gebracht "
„Wie? Du hast's schon angezeigt?" fragte Otto in einem Ton, als würde ihm das Sprechen schwer.
„Freilich hab' ich . . ." gab der Alte zurück, immerfort finster vor sich hinstarrend.
„Aber das . . . das macht doch solch unangenehmes Aufsehen. Die Scherereien, die furchtbaren Scherereien! Die vielen Verhöre! Wir Alle müssen zur Polizei, jeder einzeln. Fatal, höchst fatal , . . scheußlich!"
Otto ging aufgeregt im Zimmer auf und ab, während sich Köster begnügte, mit den Achseln zu zucken.
„Ich . . ick an Deiner Stelle," fuhr Otto fort, „ich hätte die ganze Geschichte in der Stille abgemacht."
Der Alte schlug ein zorniges Lachen an.
„In der Stille! So! Und lasse mich ruhig bestehlen und verziehe keine Miene dazu . . . ."
„Aber es kommt ja doch nichts dabei heraus."
„Nicht? Warum denn nicht? Sie werden ihn schon fassen."
„Wen?"
„Na, den Hallunken, den Dieb."
Wäre der alte Köster nicht selbst so sehr erregt und geistig benommen gewesen, es hätte ihm auffallen müssen, wie Otto bei dem häßlichen Wort heftig zusammenzuckte und wie sein blasser Teint noch fahler wurde. Ohne seinen Vater anzusehen, zwang er mühsam die Worte auf seine Lippen: „Hat man denn schon eine Ansicht auf der Polizei?"
„Sie meinen, es müsse ein Hausdieb gewesen sein."
„Ein Hausdieb? Unmöglich! Ihr verkehrt doch mit Niemandem im Hause."
„Das habe ich ihnen auch schon gesagt, und daß in der Mittagszeit überhaupt Niemand hier gewesen ist als Carl."
„Carl hat's nicht gethan!" rief Otto mit einer so sonderbaren Hast und Dringlichkeit, daß der Alte erstaunt ausblickte.
„Natürlich nicht," sagte er und nickte semem Sohn, der den Bruder so eifrig vertheidigte, beipflichtend zu, „davon kann gar keine Rede sein."
Abermals verstrich eine Pause. Otto schritt wieder auf und ab. Zuletzt blieb er stehen und sagte zum Vater hinüber: „Weißt Du, was ich denke, Vater?"
„Nun?"
„Ein Fremder wird's gewesen sein, ein Bettler, der sich hier, während Du schliefst, hineingeschlichen hat."
„Unsinn! Wie sollte denn hier Einer hereinkommen . . . ein Fremder, am Hellen lichten Tage, ohne daß es Jemand merken würde?"
Der Alte warf sich wieder in das Sophapolster zurück und grübelte von Neuem finster vor sich hin. Ottos aber hatte sich eine merkwürdige Unruhe bemächtigt. Er trat von einem Fuß auf den anderen und räusperte sich lebhaft. Seine Blicke ruhten mit einem gespannt wartenden Ausdruck
auf dem Gesicht seiner Mutter und einmal hatte ei den Anschein, als wolle er zu ihr sprechen. Da ertönte wieder die Stimme des Alten, der seine Gedanken weiter spann: „Ueberhaupt, Mutter war doch auf den Beinen und sie hätte doch hören müssen, wenn Jemand mit'm Dietrich oder sonst wie gewaltsam die Corridorthür . . . ."
Eine heftige Bewegung seiner Frau unterbrach den Sprechenden. Frau Köster, die bequem in ihrem Stuhl zurückgelehnt dagesessen, schnellte mit einem Male wie von einer Feder getrieben in die Höhe und schlug ihre Hände mit einer heftigen, verzweiflungsvollen Geberde zusammen.
„Ach du meine Güte!" jammerte sie. „Ach du meine Güte!"
„Was ist denn?" fragte Köster und richtete sich erschrocken auf.
„Ach du meine Güte! Sei nicht böse, Vater! Ich bin ja schuld, ich bin ja schuld."
„Du?"
„Mein Gott, mein Gott! Ich habe ja in der Aufregung noch gar nicht daran gedacht. Ich habe sie ja ausgelassen ... ach du meine Güte!"
Köster wie Otto blickten mit gespanntem Interesse auf die Jammernde.
„Was hast Du aufgelassen?" fragte der Erstere.
„Na, die Corridorthür. Carl stand schon im Flur, als ich aus dem Schlafzimmer kam. Die Thür wäre aufgewesen," sagte er.
Köster war auf seine Füße gesprungen, seine Müdigkeit und Abgespanntheit hatten im Nu einer fiebernder Erregung Platz gemacht. Seine Augen sprühten Zornesfunken, eine flammende Röthe ergoß sich über sein Gesicht.
„Wie," schrie er zitternd vor Empörung, „Du, Du hast die Thür aufgelassen, die Corridorthür? Und Jeder, der Lust hatte, konnte bequem hereinspazieren! Und in der Küche hing meine Geldtasche und der Dieb brauchte nur einfach zuzugreifen! Weib!"
Er näherte sich ihr ungestüm und zum ersten Male in ihrer langjährigen Ehe vergriff sich der starke Mann an dem schwachen Weibe. Er packte sie rauh am Arm und schüttelte sie heftig. Im nächsten Moment aber fühlte auch er sich an der Schulter erfaßt. Otto stand neben ihm, sein Gesicht war todtenbleich und eine furchtbare seelische Erregung zuckte in den vibrirenden Mienen.
„Vater, ich . . . ich . . ."
Es klang wie das Gurgeln eines Ertrinkenden, dem die Luft plötzlich ausgeht.
Köster kam zu sich. Er turkelte zum Sopha zurück und ließ sich schwer darauf niedersinken. So saß er vornübergeneigt, den Kopf auf der Brust und die beiden Fäuste gegen die Stirn gepreßt.
„Ich selber bin schuld," grollte er in sich hinein, „ich selber. Warum nahm ich sie nicht ins Schlafzimmer mit!"
Frau Köster war ganz erschöpft auf ihrem Stuhl zurückgesunken und verhüllte ihr von Thränen überströmtes Gesicht mit der Schürze. Otto trat wieder an das Fenster und preßte die heiße Stirn gegen die kühlen Scheiben.
Otto ging wie im Fieber umher. Er wagte Niemandem mehr ins Gesicht zu sehen. Den Verkehr mit Markwald und Wattenfeld hatte er aufgegeben. Alle seine freie Zeit verbrachte er in der Eltern Wohnung. Appetit und Schlaf flohen ihn. Er ging die halbe Nacht ruhelos in seinem Zimmer auf und ab. „Das Examen, Mutter, das Examen," antwortete er, wenn die Mutter mit Fragen in ihn drang.
Die Gegenwart Anderer versetzte ihn in einen Zustand beständiger geheimer Erregung. Es war ihm, als richteten sich Aller Augen voll spähenden Argwohns auf ihn und der Gedanke, man könnte ihm sein Schuldbewußtsein vom Gesicht ablesen, bereitete ihm eine folternde Pein. Dazu kam, daß sich fast alle Gespräche in der Familie um den Diebstahl drehten. Jedes Wort empfand er wie ein Schlag ins Gesicht und es war für ihn eine unerträgliche Marter, äußerlich


