Ausgabe 
29.5.1898
 
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schaut deS Knaben Auge gespannt und sehnsüchtig durch die niedrigen, altersblinden Fenster, denn dort oben rechts, wo ein winziges Stückchen Himmel hervorguckt, erscheint zuweilen etwas Lichtes, Grünes. Wenn der Wind über die Dächer streicht, weht er die Zweige der alten Linde über das düstere Gemäuer. Noch viele, viele solcher Bäume soü's in der Welt geben so hat's die Mutter dem Kleinen erzählt ach, wie schön muß doch die Welt sein! Er weiß! daß er sie nie sehen wird, und hat sich d'rum still in das Unabänder­liche ergeben, heute aber am Samstag vor Pfingsten bricht's plötzlich und unvermittelt aus ihm hervor:Ach Mutter könnt' ich nicht zu morgen einen grünen Zweig haben?"

Wie kommst Du darauf, mein Liebling?" fragt die blasse Frau, erstaunt von ihrer Arbeit aufblickend.

Steh, Mutter der Baum drüben wird gerade zu Pfingsten stets so schön grün, und an einem Fest will man doch etwas Besonderes haben."

Die Mutter antwortet nicht, sie überlegt im Stillen, wie sie es wohl anfangen könnte, dem kranken Kinde seinen Wunsch zu erfüllen. Jetzt während des Tages darf sie sich nicht entfernen, denn die Wäschestücke, an denen sie arbeitet, müssen heute noch fertig werden, und wenn sie ausgeht, um sie an das Geschäft abzuliefern, dann sind die Leute mit den Birken schon fortgefahren.

Jndeß sie noch so trübe sinnt, wird die Thür auf- geriflen und ein kleines Mädchen mit frischen, rosigen Wangen und offenem Blondhaar stürmt herein, einen grünen Baum hinter sich auf dem Boden schleifend.Maien", ruft sie fröhlichhier, Heini, bring' ich Dir Maien. Wir waren im Walde, Vater, Mutter, die Geschwister, wir Alle mit dem Wagen haben wir sie geholt so viele! Hier nimm, wir haben noch genug!"

Sie hat die Birke dem Knaben an's Bett geschleppt. Der streicht liebkosend mit den abgezehrten Händchen über das grüne Gezweig. Ein glückliches Lächeln spielt um seinen Mund, über das Gesicht hat sich ein heller Farbenschimmer ergossen. So sehr beschäftigt ist er mit seinem neuen Besitz, daß er ganz die kleine Geberin vergißt. Endlich erinnert er sich ihrer wieder.Wie gut Du bist, Mieze", sagt er mit zitternder Stimme,ich danke Dir." Und aber- und abermals wiederholt er:ich danke Dir."

Mieze aber steht verwundert da. Sind das nicht Thränen, die in ihres armen kleinen Spielgefährten Augen glänzen? Daß ihr Geschenk solche Freude Hervorrufen würde, darauf hat sie nicht gerechnet. Ein unklares Ahnen, was de« kranken Knaben ihre Maien bedeuten, zieht durch ihr Herz, aber mit der ganzen natürlichen Scheu eines ge­sunden Kindes gegen Alles, was mit Krankheit und Leiden im Zusammenhänge steht, wehrt sie sich gegen die in ihr aufsteigende Rührung.

Ich muß nun nach Hause" ruft sieunsere Fränze hat sich verlobt, und da wird der Kuchen heut' schon angeschnitten.

Dann läuft sie zur Thür hinaus, kaum sich Zeit nehmend, dem kleinen Freund und seiner Mutter Adieu zu zu sagen. Erst daheim bei den Geschwistern wird sie die unbequeme Empfindung von vorhin wieder los. Die freuen sich auch über die Maien, aber weinen thun sie deswegen doch nicht ach nein. Jubelnd tanzen sie um sie herum, indeß die erwachsene Schwester und ein großer junger Mann die kleineren Zweige hinter Spiegel und Bilder stecken und die größeren Stämmchen in Tönnchen mit Wasser stellen. Aus den letzteren wird dann in einer Zimmerecke eine Art Laube gebaut, in der die Beiden, nachdem sie mit ihrem Werk fertig sind, Hand in Hand sitzen, sich küssen und darüber scherzen, wie seltsam es doch sei, daß gerade beim Abschneidrn der Maten ihre Herzen sich gefunden.

Nach welchen Grundsätzen find Erzengnisie der Nahrungsmittel »Industrie zu beurtheilenf Professor Dr. Moritz, Vorstand der Münchener medicinischen Universal- Poliklinik, sagt hierüber auf Seite 243 seines umfangreichen WerkesGrundzüge der Krankenernährung" (Stuttgart, F. Enke's Verlag):Nährgehalt, Schmackhaftigkeit, geeignete Form für die Aufnahme, Verdaulichkeit und Preiswürdigkeit sind die Gesichtspunkte, die in Betracht gezogen werden müssen." Gilt nicht eigentlich ein gleiches für jede Speise, die der Mensch zu sich nimmt? Und gewiß wird Niemans bestreiten wollen, daß eine große Reihe von Speisen (unter Anderem Suppen, Fleischgerichte, Gemüse, namentlich Hülsen­früchte) in ihrem vollen Nährwerthe erst dadurch zur Geltung kommt, daß ihnen durch einen kleinen Zusatz von Liebig's Fleisch-Extract Schmackhaftigkeit und Bekömmlichkeit verliehen wird. Deshalb hat es sich auch in den Küchen der ganzen civilisirten Welt so rasch eingebürgert.

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Hühneraugen. Ein einfaches Hausmittel gegen Hühneraugen ist nachstehendes: Abends vor dem Schlafen­gehen lege man die Krume eines halben Weißbrodes so lange in ungemischten Essig, bis sie hinlänglich durchzogen ist und bindet davon über Nacht ein Stückchen als Umschlag auf das Hühnerauge, resp. die Frostballen. Die Semmel trocknet von außen nach innen ganz hart ein, so eine luftdichte Kruste bildend, unter welcher der Essig, die Haut allmählich er­weichend, in dieselbe eindringt und die Entzündung aufhebt. Am anderen Morgen wird der Schmerz vorüber sein und man wird in den meisten Fällen sogar das Hühnerauge herausschälen können, wo nicht, so muß das Verfahren zwei bis drei Mal wiederholt, dann aber einige Tage ausgesetzt werden.

Hrrmsristisches.

Bauernregeln, so den Regenschirm betreffen. Stellt man einen Regenschirm in die Ecke irgend eines Clubzimmers, so zeigt das an, daß der Schirm bald seinen Eigenthümer wechseln wird. Findet man statt des eigenen seidenen einen fremden baumwollenen, so ist er vertauscht worden. Wird ein Regenschirm von einem Herrn so über eine Dame gehalten, daß alle Tropfen über den Herrn sich ergießen, so bedeutet das: ich bin verliebt! Nimmt aber der Herr den größten Theil des Schirmes für sich in Anspruch, so sagt dieses: Wir sind verheirathet! Wird ein Schirm unter dem Arm getragen, so ist anzunehmen, daß der hinter ihm Kommende ein Auge verliert. Wird er gerade hoch genug gehalten, um vorübergehenden Männern die Hüte zu ruiniren, so heißt das: ich bin eine Dame! Das Aus­leihen eines Schirmes bedeutet: Hochgradige Gedankenlosig­keit. Wer weiß noch was?

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Geistesgegenwart. Vor einiger Zeit kam ein Landwirth in ein kleines Filderort, um sich daselbst eine Magd zu dingen. Schon war er mit der Mutter der zu dingenden Magd über die Bedingungen im Reinen, als die Mutter plötzlich fragte:Ja, sagen Sie, muß meine Tochter auch in den Kuhstall?"Jo, freili wurd se ab und zua nei müassa," meinte er.Ja, ja, dann ist es nichts, guter Mann," meinte die Frau, meine Tochter kann nicht in den Kuhstall!" Der Landwirth sah sich in der keineswegs übermäßig reinlichen Wohnstube um und meinte dann lächelnd: Jo, jo, i han's schau g'merkt, daß i se net brauche ta; in mei'm Kuahstall muaß es nämlich säuberer fei als in uirer Stuba/ Sprach's und ließ die verdutzt dreinschauende Mutter mit I ihrer Tochter allein.

Redaktion: C. Burkhardt. Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.