Ausgabe 
29.5.1898
 
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Hätte sie ihre Freiheit noch einmal! Nein, nur keine .

Lüge!

M a i e n.

Skizze von S. Roberts.

------- (Nachdruck verboten.)

Smaragdgrün, mit zartem, schleierartigem Blattwerk geschmückt, thürmen sich die weißstämmigen junken Birken auf den Wagen der Landleute, die sie in die Stadt zum Verkauf bringen. Wie viele sie aber auch mit sich führen, sie finden alle ihre Liebhaber, auch nicht das unscheinbarste Aestlein bleibt übrig. Pfingsten steht ja vor der Thür, und oa will Jeder keine Maien haben. Die Höchsten dieser Erde wissen zur Zeit keine schönere Decoration für ihre stolzen Paläste, als die holden Boten des Wonnemonats, in den behaglichen Wohnungen des Mittelstandes sind sie liebe, will­kommene Gäste, und auch in die Hütten der Armen zaubern sie ein wenig von dem Sonnenschein, der auf den lenze«- duftigen Zweigen seinen Abglanz zurückgelassen hat. Zu kemer anderen Zeit des Jahres ist das Baumgrün so lieblich wie jetzt! Die kommenden Monate tauchen es in kräftigere sattere Tinten, aber diesen zartgoldigen Ton giebt ihm nur der Mai.

Wer wollte sich d'rum auch verwundern, daß wir uns zu Pfingsten gerade diesen Zimmerschmuck ausgesucht! Wo die Sitte ursprünglich sich herschreibt ob von dem Mai­feld, auf dem die fränkischen Könige mitsammt ihrem Hvf- lager aus blumenübersäeter, von abgeschnittcnen Bäumen und Aestcn umkränzter Au' ihre Feste feierten, ob von dem alten Brauchs um den geputzten, mit Geschenken behangenen Mai bäum ländliche Spiele und Tänze aufzuführen wer weiß es! Mögen auch noch so viele Versionen darüber bestehen, ste kümmern uns in diesem Fall nur wenig der Gedanke zum Frühlingsfest uns junge grünende Zweige zu holen, liegt so nahe, daß er keiner Erklärung bedarf.

*

:r, Jahren schon, gerade so lange, wie er auf Erden rst, liegt der kranke Knabe auf seinem Bett, dessen Linnen nicht weißer sind, als das schmale Gesicht mit den über­natürlich glänzenden Augen. Er ist nie draußen in Waid und Feld gewesen, er hat von der Welt Nichts gesehen, als em enges Stübchen, in dem die Mutter vom frühen Morgen bis in die Nacht bei der Nähmaschine sitzt. Die lange, graue Mauer dort drüben verbirgt ja Alles, was jenseits in der Welt vorgeht. Keinen Sonnenstrahl läßt sie hervorkommen, und leise nur wie ferneres Meeresrauschen dringen hinter ihr die wechselvollen Geräusche der Großstadt zu den Be­wohnern der ärmlichen Dachwohnung herüber. Dennoch

gekleidet war. Man war so gefällig, so wenig neugierig, so wohlthuend zurückhaltend.

.Hetzer begriff die kurzen Andeutungen Walthers schnell, Fräulein von Arabin sollte sich hier aufhalten, bis sie eme neue, ganz zusagende Stelle gefundenbillig und gut sollte sie es hier haben undna, Du lieber Gott", fand sich nicht gleich etwas nach Wunsch für das gnädige Fraulein, so eilte es ja nicht.

Glücklicherweise ist man ja in der Lage, einen kleinen Ered t zu gewähren auf das ehrliche Gesicht, die feinen Manieren des Fräuleins und die Garantie des guten Herrn Walther Sibber hin, der ein Freund des verstorbenen Meher in Schlesien gewesen ist. Man hat doch ein Herz, man weiß doch, in welche Lage ein Mensch kommen kann! Und hier in dem großen Berlin, wo jeder sich mit den Ellbogen durchkämpfen muß. Ja, wenn Meyer nicht gesorgt hätte für einen anständigen Nothpfennig!"

Wir sind stille Leute tagsüber geht Olga in ein Confectronsgeschäft, wo sie Verkäuferin ist. Drüben das Zimmer hat ein Cousin vom Lande inne, ein kleiner Beamter, ein stiller Mann, der ist auch immer auf seiner Canzlei. Durch nichts wird das Frälein gestört werden, durch nichts"

(Fortsetzung folgt.)

_ , Wie hätte ihr früher ein Loos an Bruno Hallsbergs Seite als ein Glück erscheinen können? Sie hatte erst die ganze Leere des Lebens in Reichthum ohne Liebe, ohne innere Befriedigung durchkosten müssen, um zur Erkenntniß zu gelangen.

,/Ja, ja," sagte nun die Kubaitz,das Leben ist unter­schiedlich und die Menschen auch. Und man lernt allerlei Leute kennen. Habe ich der gnädigen Frau mal von dem schwarzen Fraulein erzählt, nun ihn der Herr Doctor ge­nannt hat, ist mir der Name wieder in den Sinn gekommen,

Jacqueline?" die kleine Gestalt wandte sich blitzschnell und trat der Andern ein Paar Schritte entgegen.

Ja natürlich ne, was die Welt klein ist. Nun wissen Sie auch bereits davon sie wunderte sich für Ebbas Geduld viel zu lange.

Der Doctor?" schleuderte sie ihr herrisch entgegen.

Na, damals, wie doch der Vater starb und es so schlimm mit der stand und kaum noch für das nöthige Geld und denn keine Idee, wovon es weiter gehn sollte! Du lieber Gott, solche haben ja nie was Ordentliches gelernt, wie Unsereiner, der sich raus hilft mit Waschen und Ver- miethen und wie es gerade kommt. Da gab mir der Herr Doctor zwanzig Mark na, junge Herrn, die gucken ja gern nach nem hübschen Gesichte. Ich sollte es ihr an nichts fehlen lassen. Und wie ich es ihr gesagt habe, da hat sie dem Herrn Doctornen Brief geschrieben, daß er nicht wieder gekommen is. Wie habe ich mir denn träumen lassen, daß ich noch so ne Mission kriegen sollte und nach ihr suchen heute hat er es gesagt"

- ^chen," wiederholte Ebba Lund und ein

seltsamer Ausdruck kam um ihre Lippen, es war kein Lächeln e§ u>ar wie ein Zucken und ihre Augen schlossen sich halb.

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tv er will es ja nun, und ich kann es versuchen. Die Polizei ist ja da und die Stellenbureaus und irgendwo muß sie doch geblieben sein"

Ebba Lund richtete sich auf.Lassen Sie das nur, meine gute Frau, Jacqueline Arabin ist nach Italien abgereist." v

//Ja, denn soll ich es wohl lassen," meinte die Kubaitz, denn darin kann ich ihr nich nach, das wird der Herr Doctor auch wohl nicht verlangen."

Guten Abend."

Sie war verabschiedet, das sah sie deutlich und sie war auch enttäuscht, an die Nothlage der Henzens schien die reiche Frau nicht zu denken und Heimlichkeiten wegen dem Doctor hatte sie auch nicht.

Edba Lund reckte beide Arme in die Höhe und ballte die kleinen Hände so hatte sie als Kind gethan, wenn sie ihren Willen haben wollte. Und das wußte sie jetzt sie w.'ch Keiner, einer Line Arabin nicht und einer Unbekannten nicht sie wollte ihn für sich erringen, vor aller Welt!

* * *

Sie suchten immer aufmerksam zu fein, die Wirthin und ihre Tochter- da hatten sie ihr wieder ein Paar blühende Azalien an die Fenster gestellt.

Tölles, gebildetes Fräulein wie Sie," sagte ie Frau Meyer,die sollte wahrhaftig nicht in einer Hinter­stube wohnen." w

Am ersten Tage war Line wie betäubt gewesen, sie hatte sich hier in dem Zimmer umsorgen lassen, als sei sie e-ne Kranke und das Gesicht Walthers, das sonst immer solch widerwärtiges Lächeln gehabt, wenn er ihr in der Villa be- gegnete oder etwas an sie auszurichten hatte, war ihr plötz­lich trostreich erschienen. Er besprach Alles mit der Frau Meyer und ihrer hübschen Tochter, die zierlich frisirt war, eine sehr schlanke Taille hatte und nach der neuesten Mode