Ausgabe 
29.1.1898
 
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tefyct ? Nein! Das that er nie, wenn er so große Summen bei sich führte . . . principiell nicht!

Vielleicht hatte er es zu Hause liegen lassen? Er er­innerte sich zwar nicht, das Geld herausgenommen zu haben. Aber es war ja doch möglich. Ihm war schon ganz wirr vor Aufregung und er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Auch in seiner Erinnerung begannen sich die Dinge zu verwirren. Vielleicht hatte er doch das Geld zu Hause aus der Tasche genommen und dann hatte er in der Eile die Hälfte liegen lassen. Daß er sich auch gerade heute ver­schlafen mußte!

Er nahm seinen Hut, stammelte zu dem ihn erstaunt beobachtenden Cassirer etwas wievergessen" undliegen lassen" und war wie der Wind davon.

Zu Hause langte er keuchend und pustend, mit erhitztem, verstörtem Gesichte an.

Hast Du's gefunden?" rief er der erschreckt Entgegen­eilenden zu.

Was denn, Vater?"

Na, das Geld, die viertausend Mark."

Sie schüttelte mit dem Kopf und wußte nicht, was sie von ihm denken sollte. Er stürzte an ihr vorbei, in die Küche und durchsuchte jeden Winkel. Aber nichts, nichts! Und nun in die Schlafstube und zuletzt in- das Wohnzimmer. Aber auch da nichts!

Ganz zerschmettert sank er auf das Sopha nieder und stierte vor sich hin. Wieder bemühte er sich krampfhaft, jede Minute, seit er das Geld eincassirt, in seiner Erinnerung zu durchforschen.

Da kam ihm plötzlich ein Gedanke und mit einem Ruck war er auf seinen Füßen und zu seiner Frau hin. Er Packte sie am Arm und sah ihr in die Augen, durchdringend, in angstvoller Spannung.

Hast Du's vielleicht genommen, Mutter?"

Sie brauchte ein paar Secunden, um sich von ihrem Schreck zu erholen.

Ich ... ich soll viertausend Mark genommen haben? Du bist nicht recht gescheit, Vater. Was sollte ich denn mit dem vielen Gelde aufangen?"

Na, vielleicht hat er wieder Schulden, der Goldsohn und Du hast's ihm zugesteckt."

Der alten Frau schlug nun doch die Röthe der Ent­rüstung in's Gesicht.

Du solltest Dich schämen, Vater," grollte sie,so was auch nur zu denken. Wenn er auch 'n bischen leichtsinnig war, so schlecht ist er, so schlecht ist Dein Sohn nicht, daß er seine Mutter zur Diebin machte."

Sie hob ihren Schürzenzipfel an die Augen. Aber der Alte, der vor Aufregung und Rathlostgkeit ganz rabiat war, schrie sie zornig an:Laß doch das Heulen! Hilf mir lieber suchen! Das Geld muß ja doch da sein, es muß!"

Von Neuem begannen sie die ganze Wohnung umzu­kehren, bis Frau Köster sich plötzlich mit dem Ausruf unterbrach:Vielleicht hast Du's beim Hausverwalter liegen lassen."

Der alte Köster schlug sich vor die Stirn. Daß er nicht gleich daran gedacht hatte! Da war es gewiß, da mußte es ja sein!

Wie ein Wilder stürmte er davon, ohne sich die Zeit zu nehmen, seiner Frau auch nur einen Abschiedsgruß zuzunicken.

Der Verwalter war sehr ungehalten, als der alte Köster mit dem sonderbaren Verlangen erschien, ihm die viertausend Mark, die er bei ihm gelassen, herauszugeben. Ob er Köster vielleicht einen über den Durst getrunken habe? Er müsse sich doch erinnern, daß er selbst jede einzelne Rolle und jedes einzelne Päckchen laut zählend in seine Tasche gelegt, wie er's immer zu thun Pflegte.

Allerdings, jetzt erinnerte auch Köster sich. Ganz ge­knickt saß er auf dem Stuhl, den der Verwalter ihm vorher angeboten, bis ihn plötzlich der Gedanke auftrieb: was

würde man im Geschäft von ihm denken, wenn er so lange ausblieb?! Müßte man nicht glauben, er käme überhaupt nicht wieder, er sei durchgebrannt?!

(Fortsetzung folgt.)

Meine erste chinesische Mahlzeit?)

In den ersten Tagen meines Aufenthalts in Canton machte ich die Bekanntschaft eines der reichsten und vor­nehmsten Kaufherren der chinesischen Millionenstadt und stattete ihm in seinem aus Dutzenden von Hallen und Häusern be­stehenden Heim meinen Besuch ab. Kaum war ich wieder in mein Hotel, auf der Insel Schamin gelegen, zurückgekehrt, so fand sich auch schon ein langbezopfter Bote mir einem großen rothen Papierblatt bei mir ein, auf welchem einige chinesische Hieroglyphen verzeichnet waren. Mein Dragoman las:Am 6. Tage des Mai wird ein bescheidenes Fest das L cht Deiner Gunst erwarten. Grüße von T. T." also eine Dinereinladung, wie ich sie gewünscht hatte. Nur war die Stunde nicht angegeben. Mein Dolmetscher erklärte mir, diese würde später mitgetheilt werden. Am Morgen des 6. Mai erschien in der That wieder ein Diener mit einer zweiten rothen Karte, auf welcher die Speisestunde, 7 Uhr Abends, angegeben war.

Als ich eine halbe Stunde früher im Begriffe stand, meine Sänfte zu besteigen, erschien ein Abgesandter meines Gastgebers, um mich nach dessen Haus zu geleiten. Am Eingänge zu seiner mit einer hohen, grauen Ziegelmauer umschlossenen Wohnung empfing mich der Wirth in eigener Person mit einer tiefen Verbeugung, indem er gleichzeitig die zusammengeballten Hände zur Stirne erhob. Er war in einen langen Talar von schwerer Seide gekleidet und trug auf seinem bezopften Haupte den schildförmigen Tataren­hut mit langer, rother Seidenquaste. In seinem Empfangs­salon, geschmückt mit herrlichen Ebenholzschnitzereien, Lampions und Vasen mit künstlichen Blumen, befanden sich bereits einige chinesische Gäste, sowie ein junger Engländer, der mit auf demselben Schiffe nach Canton gekommen war. Wir wurden allen Anwesenden vorgestellr, und diese beeilten sich, die gewöhnliche Frage an uns zu richten, welches denn unser ehrenwerthes Alter wäre. Vor mir, dem Vierziger, machten die Zopfträger tiefere Verbeugungen als vor dem viel jüngeren Engländer. Natürlich mußten auch wir uns nach dem ehreri- werthen Alter der Chinesen erkundigen. Mr. Clark, mein Engländer, schien überrascht, als unser Gastherr ihm sein Alter als Sechziger nannte, und auf die Frage nach der Ursache seines Staunens ließ Chark ihm sagen, er sähe viel jünger aus, er hätte ihn nicht für so alt gehalten. Conster- nation auf all-n Gesichtern. Diese europäische. Höflichkeits- form zog hier entschieden nicht, Clark hätte besser gethan, ihm zu sagen, daß er ihn für einen Achtziger hiebe. Während es in Ländern, die uns Europäern näher liegen, Sitte sein soll, daß besonders die Damen vor ihrem Alter einige Jährchen abzwacken, hören es die Chinesen sehr gerne, wenn man ihnen ein paar Jahre mehr giebt.

Sieben Uhr. Schon hatten wir auf Damengesellschaft verzichtet, als plötzlich aus dem benachbarten Raum sechs höchst elegant gekleidete junge Damen trippelten, mit Füßchen kaum so lang wie mein Zeigefinger, mit Perlenschnüren und Schmetterlingen in dem glattgekämmten, glänzend pomadi- sirten Haar, weißgeschminkten Gesichtern und brennrothen Lippen, reizend kleine Wesen, deren Erscheinen sofort ave Gesichter aufheiterte. Hinter ihnen schritten ebeusoviele noch

*) Wir entnehmen den vorstehenden Abschnitt dem int Verlage von I. I. Weber in Leipzig erschienenen Werke: China und Japan, Reisen, Studien und Beobachtungen von Ernst von Hesse-Wartegg. Der Preis dieses reich illustrirten Werkes beträgt 18 Mark.