Ausgabe 
29.1.1898
 
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de- Alten Besten, wenn er es lieh, wenn er sich die Möglich­keit verschaffte, seine CarriZre weiter zu verfolgen.

Mit zuckenden Fingern nahm er eins, zwei, drei, vier Packete. Mehr brauchte er nicht. Nicht um die Welt hätte er mehr genommen. Drei oder vier Packete blieben in der Tasche zurück. Er begehrte ja nur die Mittel, die ihm der geizige Alte schnöde vorenthielt, sich und seine Zukunft zu retten . . . nichts weiter.

Was er sonst noch that, geschah instinctiv, ohne Ueber- legung, ohne Reflexion. Das Geld schob er in sein Bein­kleid, dann schloß er die Ledertasche und zog den Riemen um die Schnalle. Und nur zur Thür. Gottlob! Niemand kam, Niemand hatte ihn gehört. Niemand hattejeine Ahnung, daß er überhaupt hier gewesen. Leise, vorsichtig öffnete er die Küchenthür und ließ sie hinter sich offen, damit ihn nicht das Geräusch verrieth, wenn die Thür ins Schloß ging. Ebenso die Corridorthür nur leise angelegt, ohne zu schließen.

Die Treppen hinab in rasender Hast, doch möglichst still. Glück hatte er, viel Glück! Niemand begegnete ihm, auch draußen auf der Straße nicht, kein Bekannter. An der Ecke der Brunnenstraße warf er sich in eine Droschke, nachdem er dem Kutscher mit heiserer Stimme aufs Geradewohl: Nach den Linden!" zugerufen. Nur fort, recht weit fort! Wohin .... das war ja vorläufig gleichgiltig.

Mit einem Male ... das Pferd hatte gerade ange­zogen . . . packte ihn ein furchtbarer Schreck. War das nicht Carl, der da eben schnellen Schrittes in die Rügener­straße einbog? Ja, er war es. Aber er hielt den Kopf auf die Brust gesenkt und schien offenbar tief in Gedanken versunken. Der hatte ihn nicht gesehen. Gott sei Dank!

XIII.

Carl war sehr erstaunt, als er die Corridorthür zur Wohnung seiner Eltern offen fand. Eben als er eintrat, kam die Mutter aus dem Schlafzimmer. Sie machte ihm Zeichen, daß der Vater schliefe und daß er leise auftreten möchte.

Wie bist Du denn hereingekommen?" flüsterte sie. Die Thür war offen."

So? Möglich, daß ich sie nicht ordentlich eingeklinkt habe, als ich vorhin beim Kaufmann war," erklärte sie, ohne dem Umstande weitere Bedeutung beizulegen. Sie nöthigte ihn ins Wohnzimmer.

Was bringst Du denn, Carl?" fragte sie freundlich, obgleich sie doch innerlich noch ein wenig gekränkt war wegen seiner gestrigen heftigen Worte.

Ueber Carls Gesicht zuckte etwas wie Verlegenheit und er senkte den Blick vor ihr. Aber nur ein paar kurze Secunden, dann sah er wieder auf mit treuherzigem, bittendem Blick und streckte ihr die Hand entgegen.Mutter," sagte er, stockend in seiner Gemüthsbewegung,ich komme . . . ich wollte ... es ließ mir keine Ruhe. Trage mir nicht nach, daß ich gestern so ausfallend war. Es war Unrecht von mir, das sehe ich ein. Mit seinen Eltern spricht man nicht so. Die Eltern bleiben immer die Eltern. Also nichts für ungut, liebe Mutter!"

Sie griff sogleich herzlich zu und die Güte und Milde ihres Herzens leuchteten ihr aus den Augen, während sie seine Hand wieder und wieder drückte und schüttelte.

Mein Gott," sagte sie, ihn vor sich selbst entschuldigend, Ich weiß ja, Du hast es nicht so gemeint. Wenn einen die Sorgen drücken, dann verliert man leicht den Kopf und legt nicht jedes Wort auf die Goldwaage. Wieviel brauchst Du denn, Carl?"

Er schüttelt lebhaft mit dem Kopf.

Lass' nur, Mutter! Ich habe mir die Sache überlegt. Vater hat ganz Recht. Ich bin ein erwachsener Mensch und habe kein Recht mehr auf seine Hilfe. Als Mann muß man sich selbst helfen. Und überhaupt, 'n Risico ist doch schließlich bei jedem Geschäft, wenn man's auch für noch für so sicher hält. Und ich könnte es nicht verantworten,

wenn die Geschichte nachher schief ginge. Nein, lass' nur, Mütterchen!"

Eigentlich war sie ja froh, daß er nun selbst ablehnte, aber sie hätte ihm doch gar zu gern etwas Liebes erwiesen.

Komm," sagte sie und zog ihn zum Sopha und trotz seines Sträubens mußte er sich auf den Ehrenplatz setzen. Und dann nahm sie neben ihm Platz und drückte ihm von Neuem die Hand.

Du bist immer 'n guter JuAge gewesen, Carl," hob sie an,und wir sind immer mit einander ausgekommen und wir werden uns nun doch nicht erzürnen. Mein Gott, na ja, es mag ja sein, daß ich ihn manchmal 'n bischen verzogen habe. Siehst Dues ist ja doch unser Jüngster und.. "

Carl unterbrach ihre Entschuldigungen.

Aber Mutter, ich mach' Dir doch keine Borwürfe. Das sei fern von mir. Ich weiß ja doch, was ich Dir schulde, was Du an mir gethan hast. Du hast mich ja doch zum ganz leidlichen Kerl erzogen, Mutter. Und habe ja sonst gar keinen Grund, mich zu beklagen. Mir geht's ja gut: ich habe ein liebes Kind und eine brave Frau . . ."

Ja, die hast Du," fiel sie mit aufrichtigem Eifer ein, Deine Helene . . . alle Achtung! Sie ist doch wohl und der kleine Fritz auch? Na, siehst Du. Und bleib' noch 'n bischen, ich hol' Dir 'ne Tasse Kaffee."

Carl aber wehrte ab. Er sei in der Eile und nehme das Gebotene für genossen an. Ihm sei nur darum zu thun gewesen, sein Unrecht wieder gut zu machen und sich den Druck, der den ganzen Vormittag über auf ihm gelegen, von der Seele zu schaffen. Und sie solle ja nicht vergessen, Vatern zu sagen, daß er dagewesen. Sie gab ihm bis zur Thür das Geleit. Auf der Schwelle konnte sie nicht umhin, ihn noch einmal nach seinen Sorgen zu fragen. Freilich, ein ängstlicher Blick war es doch, mit dem sie seine Antwort erwartete, und sie athmete hörbar auf, als er ihr munter, mit lächelndem Gesicht erwiderte:Darum mach Dir nur keine Scrupeln, Mutter! Ich werde schon irgendwo Geld auftreiben gegen mäßige Zinsen. In Berlin giebts ja Geld genug. Ueber den Berg kommen wir schon wieder hinweg."

Damit ging er. Sein ganzer Beluch hatte kaum fünf Minuten gedauert.

Der alte Köster hatte sich ein wenig verschlafen. Eilig rüstete er sich zum Gehen. Da fuhr ihm Plötzlich ein heftiger Schreck ins Gebein, sodaß ihm die Kniee zitterten. Seine Geldtasche! Sonst Pflegte er sie immer mit ins Schlaf­zimmer zu nehmen und am Bettpfosten aufzuhängen. Wo hatte er sie denn heute nur liegen gelassen?

Ah, in der Küche! Beim Essen da hatte er sie an den Stuhl gehängt und da baumelte sie nun noch. Wie bummlig! Hastig tasteten seine Hände von außen daratz herum. Alles in Ordnung! Die Schnalle zu, das Geld darin. Die Geldrollen fühlte er deutlich. Na, denn man zu! Er war in der Eile.Adjeh, Mutter! Wie? Carl war hier? 'n guter Junge! Ja, ja! . . ."

Aschfahl im Gesicht, mit schlotternden Knieen stand der alte Köster vor dem Cassirer der Bank. Auf dem Zahltisch vor ihm lagen zwei Goldrollen und zwei Päckchen Banknoten: im Ganzen Viertausend Mark. Und so viel er auch zählte und wieder zählte, es wurde nicht mehr. Auch in der Tasche, in die seine zitternde Hand' immer wieder hinabtauchte und die er auch mit seinen Blicken durchforschte, war nicht das Geringste mehr zu entdecken.

Achttausend Mark hatte er eiUcassirt und nun waren Viertausend da! Wo war das Uebrige geblieben?

Er Preßte die Rechte gegen die Stirn und sann und sann. War er denn tut Jrrthum? Waren es vielleicht nur Vier­tausend gewesen? Nein! Achttausend waren es! Er er­innerte sich genau. Sollte er die Hälfte unterwegs ver­loren haben? Unmöglich! Die Tasche war ganz, der Riemen festgeschnallt gewesen. Wo konnte das Geld nur geblieben sein? War er denn unterwegs irgendwo einge-