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der Noth muß man nicht mit dieser kühl abweisenden Miene eine helfende Hand zurückstoßen! Ich suche Ihnen eine kleine Wohnung, recht behaglich —"
„Ich danke Ihnen, Herr Consul!"
Wenn er ihr nicht vorhin gleich den Weg vertreten und ihr beim Sprechen die Tasche spielend aus den Fingern genommen hätte, würde sie davon gestürzt sein.
„Sie thun Unrecht, an sich und an mir" — flüsterte er. „Sie ahnen nicht, welch' ein stilles wohlthuendes Gefühl es für mich wäre, Sie die — Schroffheit meiner Frau vergessen zu machen. Nur momentan, ohne jeden Anspruch auf Dank."
Elegant, kühl — aber innerlich erwartungsvoll, stand er da. Diese Nacht hatte er eine Thorheit des alten Mannes verhütet, sich eine Hoffnung gerettet, daß sie sich so schnell verwirklichen sollte, war ihm freilich nicht in den Sinn gekommen.
„Die Gelegenheit" murmelte er, denn dies Wort liebte er, „zu einer anderen Stellung wird dann besser abzuwarten sein." Und er dachte dabei an ein Zukunftsbild- wenn er in den Club träte, würde man sagen: „Consul, zum Kuckuck, wo hat man denn den Fund gemacht? Ist ja ganz apart — wahrhaftig großartig."
Das Blut stieg ihr ins Gesicht, wie ein Bann fiel es ihr von ihren müden Gliedern, und der Kopf hob sich mit der alten, hochmüthigen Bewegung:
„Ihre Frau hat mich beschimpft — Sie erniedrigen mich st
„Thörtn," klang es leise auf sie hernieder, und Herrn Conrad Lunds Haltung war dabei so correct wie immer.
Mit einem Ruck hatte sie ihm die Tasche entrissen und wollte fort, da stand ein neues Hinderniß vor ihr, Walther. Er hielt in der einen Hand ein zusammengefaltetes Papier, die andere gekrümmt, als umschließe sie einen leicht entgleitenden Gegenstand. Er war ganz Ernst, Höflichkeit.
„Die gnädige Frau schickt das Zeugniß, den rückständigen Gehalt, „die gnädige Frau wünscht, daß es Fräulein von Arabin ferner gut gehen möge," — diesen Ausspruch schaltete er, weil es ihm besser klang, beim Abgang eines jeden Fräuleins aus eigener Machtvollkommenheit ein, — „und was mich betrifft, so übernehme ich die Nachsendung der Sachen, wenn Sie mir Ihre Adresse geben wollen.",
Nun fiel schon ein hellerer Schein durch das runde Fenster — der Tag war da.
„Meine Adresse," murmelte sie und blickte in das grauweiße Licht, „ja — ich weiß noch nicht, wo ich bleibe — ich habe noch keine!"
„Walther, eine Droschke für Fräulein von Arabin!"
Der Diener verbeugte sich — der Herr des Hauses trat ein paar Schritt zurück, blieb aber dann, wie um eine Höflichkeitspflicht gegen die Gehende zu erfüllen, abwartend stehen.
„Wohin fährt das Fräulein?" fragte Walther.
„Ich — weiß — es nicht."
Sie blickte mit großen Augen in das unbewegliche, glatte Gesicht — „ich weiß es nicht."
„Hm!" Als sei es respectwidrig, dämpfte Walther diesen einzigen Laut der Theilnahme, der ihm entschlüpfen wollte. Dann sagte er geschäftsmäßig: „Vielleicht kann ich Ihnen dienen — ich kenne da eine ehrenwerthe Familie, Mutter und Tochter — am Ende fände das Fräulein da einstweilen einen Unterschlupf."
„Ja, ach, ja!"
„Bitte!" Er ging voran, mit derselben Haltung, als führe er eine hochgestellte Besucherin aus der Villa hinaus.
Jacqueline wehrte, als der schrille Pfiff nach einem Wagen erklang, Ebbas Zeugniß ab.
„Das brauche ich nicht mehr."
„Der Rückstand" sagte Walther, die Goldstücke emporhaltend.
Ja — das war ihr Recht — es war gut, daß Ebba Lund auf den Versuch einer Entschädigung verzichtete.
Sie ließ sich in den Wagen heben, Walther nannte dem Kutscher Straße und Nummer und rief Jacqueline einen Namen zu.
„Ich bin in zehn Minuten selber da, Fräulein."
Es war gut, Alles gut! Sie schloß die müden Augen — vorläufig nur nicht weiter denken.
Walther schob ein paar Goldstücke in die Tasche, faltete sorgsam das Blatt zusammen und ließ es nachfolgen. Für ihn gab es nichts Unbrauchbares — Schriftliches — sei es auch nur, um sich eine Handschrift in's Gedächtniß zu rufen.
Der Consul spitzte, als Jacquelmes Kleidersaum unten von der Treppe verschwunden war, die Lippen.
„Das ist ein Prachtstück von einem intelligenten Diener, der Kerl da! Wird sich noch ganz unentbehrlich machen."
* *
Bruno Hallsberg machte in dem Zimmer, in welchem er jetzt seine Patienten empfing, die Fenster auf, im Sonnenschein draußen, auf den knospenden Bäumen lärmte eine Spatzengesellschaft, sie schwirrte hastig auseinander, und gruppirte sich dann wieder von Ast zu Ast hüpfend. Im Nebenzimmer hatte er seinen Thee stehen und die Zeitungen liegen — er war übernächtig, denn man hatte ihn in der vergangenen Nacht zwei Mal gerufen, nach sehr weit auseinanderliegenden Stadtgegenden — zu Kindern. Beide Male war es unnöthig gewesen! Auf der langen Nachtfahrt hatte er sich die Stunden vergegenwärtigt, in welchen er mit Line Arabin an Hennys Bett gesessen — nun warS genau einen Monat her. Wenn sie sich vorgebeugt hatte, um dem Kinde etwas zu reichen, so hatten ihre Kleider ihm Knie und Füße gestreift. Kein Blick hatte ihn getroffen aus den ernsten, dunklen Augen, so sehr er das auch gewünscht hätte — dann aber! O, des unvergeßlichen Momentes, in dem sie Beide gefühlt, daß sie zu einander gehörten, zu einander müßten!
„Wir lieben uns!" das stand fest in ihm, als er das Zimmer, das Haus verließ, um nach wenigen Stunden wiederzukehren. Noch einmal hatte der scheue Vogel mit flatterndem Flügelschlag von ihm hinweggestrebt, aber das war nur ein ohnmächtiger Versuch. Nie im Leben war wohl die Frau Ebba irgendwo unzeitiger eingetreten, als in das Mansardenzimmer in jener frühen Morgenstunde. Lines Augen waren gesenkt gewesen, als er ging — aber er würde ja wieder kommen und tiefer hineinsehen.
Als er wieder gekommen war, hatte Ebba am Bett gesessen, ein feurigrother Schlafrock von starrer Seide raschelte um sie her, wie störend das war, es mußte den kranken Augen der kleinen Patientin weh thun, diese leuchtende Farbe, über die der einsallende Sonnenstrahl huschte. Aber er mochte die Mutter nicht von dem Platze vertreiben, sie ließ ja die Andere schlafen — und seine wilde Ungeduld mußte sich der Vernunft fügen.
Zur Abendstunde traf er die Fischer.
„Das Fräulein ist krank?"
„Nein — bewahre!"
Und Henny richtete sich in den Kiffen auf. „Will sie nicht kommen?" fragte sie verlangenden Tones.
„Will nicht!"
Sie wich ihm aus, er wußte es wohl, aber — auch nur letzter Trotz, der weichen mußte vor dem mächtige» Gefühl der Liebe. Ungeduldig im Innern, ruhig nach Außen, so betrat er die Villa und so gab er fich, wenn er Ebba Lund gegenüberstand. Aber am sechsten Tage war es aus mit seiner Selbstbeherrschung, er sagte im Nebenzimmer zu der schönen Hausfrau: „Fräulein von Arabin verstand des Kindes unausgesprochene Wünsche —"
„Das — sagen Sie einer Mutter?"
„Verzeihen Sie, gnädige Frau, aber Sie werden den ganzen Tag unmöglich hier oben sein — und j gdtte einige Instructionen, für deren Befolgung mir die alte Fischer keine genügende Gewähr bietet "


