Ausgabe 
27.1.1898
 
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den Weg nach der Rügenerstraße. Die letzte Nacht über war er nicht zu Hause gewesen. Er hatte gearbeitet, wirk­lich gearbeitet bis spät in die Nacht hinein und dann hatte er sich in seinem Absteigequartier in der Hollmannstraße zu Bett gelegt. <Aeit acht Tagen hatte er es bei seinen ge­legentlichen Besuchen in der elterlichen Wohnung einzurichten gewußt, daß er dem Vater nicht begegnete. Ihm war ganz gotteserbärmlich zu Muthe gewesen und das böse Gewissen hatte ihn allzusehr geschlagen. Er hatte immer das Gefühl gehabt, wenn er den Augen des Vaters begegnete, so würde ihm der seine Sünden vom Gesicht ablesen.

Die Zähne klapperten ihm wie im Fieberfrost zusammen, während er nun die Rügenerstraße hinabschritt. Ihm war zu Muthe wie dem Soldaten, der in die todtbringende Schlacht muß. Mehr als einmal blieb er stehen und die Idee schoß ihm durch den Kopf, doch lieber umzukehren und anderswo sein Heil zu versuchen. Der Alte würde ihm ja doch das Geld nicht geben. Viertausend Mark! Davon sollte der sich mit einem Ruck trennen? Das brachte der Vater im ganzen Leben nicht fertig?

Aber wohin sich wenden, an wen? Auch hatte er keine Zeit mehr zu verlieren. Das Messer saß ihm an der Kehle. Morgen Mittag um Zwölf lief der Fälligkeitstermin des Wechsels ab und dann kam der Wechselprotest und zugleich die Anzeige an seinen Vorgesetzten.

Otto biß die Zähne aufeinander und legte den Rest des Weges in einer Stimmung zurück, wie etwa ein zum Tode verurteilter Verbrecher, wenn er sich zu seinem letzten Gange anschickt. Auf der Treppe mußte er ein paar Mal Halt machen. Obgleich er langsam, Schritt für Schritt hinaufstieg, war er doch ganz außer Athem und das Herz schlug ihm zum Zerspringen. Wenn er nur erst die Präli­minarien, die einleitenden Worte hinter sich hätte! Da kam ihm plötzlich ein Gedanke: Das mußte Mutter besorgen ja! Sie mußte mit Vater sprechen und den ersten Sturm beschwichtigen. Und wenn ihn dann die Mutter einigermaßen beruhigt hatte, dann trat er Otto aus dem Neben­zimmer heraus und sprach ein vernünftiges Wort mit dem Alten. Mein Gott, es war ja das Letzte. In acht Tagen war er ja Assessor. Der Alte würde schon mit sich reden lassen. Und wenn er ihn dann so weit hatte, dann ging er gleich mit zur Bank, um den Mammon in Empfang zu nehmen.

Aber diese tröstliche Zuversicht hielt nicht lange an. Als er vor der Corridorthür stand, ging das Zähneklappern wieder los. Die Aufregung trieb ihm dem kalten Schweiß auf die Stirn. Ein förmliches Fieber glühte ihm in den Adern und seine erhitzte Phantasie malte ihm unaufhörlich das Bild des zornigen Alten, wie er mit erhobener Hand auf ihn zugestürzt war.

Er nahm alle seine geistige Kraft zusammen. Vorsichtig und leise schob er den Drücker in das Schlüsselloch und öffnete. Auf dem halbdunklen Gang blieb er lauschend stehen. Vom Schlafzimmer her, das am Ende des Ganges lag, drangen laute Stimmen. Sie waren es Beide. Vater und Mutter. Der Lauscher athmete auf. Auf den Zehenspitzen schlich er in die Küche hinein. Hier würde er warten, bis Mutter herauskam, um abzuwaschen, während sich der Vater zu kurzem Schlummer niederlegte.

Fast eine Minute stand er still mitten in der Küche, um sich zu verschnaufen und den tobenden Herzschlag sich mäßigen zu lassen. Die Zunge klebte ihm am Gaumen. Er war innerlich wie ausgedörrt. Ah, wie erfrischend der Trunk frischen Wassers wirkte, das er vorsichtig, jedes lautere Geräusch vermeidend, in einen ihm gerade zur Hand stehenden Tassenkopf laufen ließ.

Etwas ruhiger ließ er nun die Blicke umherschweifen. Dort auf dem kleinen Tisch am Fenster standen noch die Teller mit den Speiseüberresten vom Mittagbrod. Seit die Eltern allein waren, pflegten sie in der Küche zu essen, Und da an jenem Stuhl hing die Ledertasche des Vaters.

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die er auf seinen Botengängen für die Firma um den Hals gehängt zu tragen pflegte.

Eine sichtliche körperliche Erschütterung durchfuhr den jungen Mann, und das Blut schoß ihm ungestüm in das ohnedies erhitzte Gesicht. Wer die Tausende besäße, die schon in ,bem unscheinbaren Lederwerk geborgen gewesen!

Wie ein Magnet zog ihn die Ledertasche an und un- willürlich fuhr seine zitternde Hand tastend daran herum. Ein wahnsinniger Gedanke blitzte ihm durch den Kopf. In jedem Vierteljahr kam es einmal vor, daß der Vater von den Verwaltern der großen Häuser, die die Bank in der Hauptstraße ,des Gesundbrunens besaß, die fälligen Miethen abhob. Um sich Zeit zu ersparen, pflegte der Vater dieses Geschäft kurz vor seiner Mittagspause zu besorgen, um nicht zwei Mal den weiten Weg von der Bank nach dem Gesund­brunnen machen zu müssen. In der Regel geschah dieses Einkasstren der Miethsgelder zwischen dem dritten und sechsten in jedem Ouartal. Heute war der vierte April. Wenn der Zufall es fügte, daß gerade heute der Vater die Gelder abgeholt hatte? Dann braucht er nur einmal die Hand auszustrecken, um sich in den Besitz der Summe zu setzen, deren er so dringend bedurfte.

Der Grübelnde stieß ein kurzes, trockenes Lachen auS und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Verrückt! Etwas so unsinniges auch nur denken! Mit Dingen, die überhaupt außer dem Bereich der Möglichkeit lagen, sollte sich ein vernünftiger Mensch gar nicht beschäftigen. Etwa- so Wahnsinniges, so scheußlich Gemeines kam für ihn über­haupt nicht in Betracht. Für ihn gab es in seiner Lage nur eins: dem Vater offen zu bekennen, daß er wieder Schulden gemacht habe und ihn herzlich zu bitten, noch einmal für ihn zu bezahlen. Der Vater würde wohl oder übel das Geld hergeben und die Sache war erledigt.

(Fortsetzung folgt.)

Japanische Frauentoilette.

(Schluß.)

Nur die Kinder 'werden auch im gewöhnlichen Leben in die buntesten Kleider gesteckt,- in allen Farben des Regen­bogens prangen ihre Kimonos, geschmückt mit großen, auffälligen Stickereien. Je älter das Kind, desto zarter werden die Farben, desto kleiner die Muster, und die jungen Damen tragen nur einfarbige helle Kimonos, zumeist zart rosenroth, lichtblau, lila oder taubengrau, das heute die fashionable Farbe zu sein scheint. Je älter die Dame, desto dunkler wird die Mance des Kimono, ohne jemals ganz schwarz zu werden.

Aber es giebt doch eine Klaffe von Frauen, welche sich darin gefallen, auch im gewöhnlichen Leben die geschilderten Trachten zu tragen, ja jene der vornehmen Welt darin zu überbieten- die Sängerinnen und Tänzerinnen, jene leicht­lebigen originellen Geschöpfe, welche bei den Japanern eine so große Rolle spielen.

Der Kimono wird um den Leib durch ein breites Band, den Obi, zusammengehalten, und auf dieses Band verwenden die Japanerinnen aller Stände die meiste Sorgfalt. Der Obi ist ihr größter Stolz, ihr Reichthum. Der Reisende, welcher in den ersten Tagen seines Aufenthaltes in Japan auf der Straße oder im Eisenbahnwagen, in Theehäusern oder im Theater Japanerinnen sieht, wird von diesem Kleidungsstück nicht sonderlich erbaut sein, denn wie eine wattirte Leibbinde, stets von dunklerer Farbe als der Kimono, umgürtet der Obi den zarten Leib der Japanerin, um sich rückwärts zu einem Cul de Paris aufzubauschen, der mit einem großen Kopfkissen verzweifelte Aehnlichkeit hat. Wären die Obis weiche, schmale Schärpen, wie sie die Männer in Japan um ihren Kimono tragen, das Aussehen der Japanerin würde dadurch entschieden gewinnen. Der Obi ist ein drei