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er sich in langen, langen Jahren mühsam von seinen karg- | lichen Einnahmen erspart hatte. Aber ihm blieb kein anderer Ausweg.
Der alte Köster gerieth in einen förmlichen Wuthanfall, als ihm Carl Tags darauf sein Anliegen vortrug. Gerade weil es von seinem Aeltesten kam, der ihn noch nie in Anspruch genommen, entrüstete es ihn um so mehr. Er geberdete sich sörmlich, als sei es auf einen räuberischen Uebersall abgesehen und als wolle man ihn seines letzten Pfennigs berauben. Ob es denn nicht genug sei, daß er für Otto schon mehr als die Hälfte seiner Ersparnisse ge opfert. Nun kam auch noch der Aelteste und verlangte Geld von ihm. Dreitausend Mark! Ob Carl denn ganz und gar übergeschnappt sei? Dreitausend Mark! Ob man ihm denn gar keinen Pfennig mehr lassen wolle? Am Ende würde man ihm noch den letzten Rock ausziehen und zu Gelde machen.
Vergebens war es, daß Carl ihm ruhig auseinandersetzte, zu welchem Zweck er das Geld benutzen wollte, und daß sich ein großer Gewinn erzielen lasse. Der Alte schalt nur noch ärger. Zu so waghalsigen Speculationen gebe er sein Geld nicht her, und wer es nicht selbst dazu habe, solle die Hand davon lassen. Mit fremdem Gelde zu speculiren sei gewissenlos. Aber die heutige Jugend kenne keine Bescheidenheit, keine Ausdauer. Die wolle im Handumdrehen, ohne rechte, andauernde Arbeit reich werden. Er — Carl — sollte sich schämen, von seinem alten Vater den letzten Groschen erpressen zu wollen.
Dem so schmählich Gescholtenen stieg zuletzt ebenfalls der Zorn zu Kopfe, und seine Empfindungen machten sich in ein Paar bitteren Worten Luft. Natürlich er — Carl — war ja der Stiefsohn. Für ihn sei nie Geld vorhanden gewesen. Von Klein auf habe man ihn zurückgesetzt. Er habe keine hohe Schule besuchen dürfen. Mit vierzehn Jahren habe er schon selbst sein Brot verdienen müssen, damit nur ja Alles an den Goldsohn gewandt werden konnte. Selbst für dessen leichtsinnige Streiche sei Geld dagewesen. Damit der Referendar den vornehmen Herrn spielen könne, müsse er auch jetzt wieder zurückstehen. Ob er nun mit den Seinen in Noth geriethe, darum kümmerten sie sich nicht, wenn nur Ottochen nichts abginge. Aber diese Ungerechtigkeit werde sich noch einmal an den Eltern selber rächen.
Die Mutter hatte sich bis jjetzt ganz Passiv verhalten. Auf der einen Seite empfand sie Carls Begehren, wie einen Eingriff in die Rechte ihres Jüngsten. Sie hatte die dunkle Empfindung, daß Otto noch einmal das Geld des Vaters bis zum letzten Pfennig benöthigen würde. Und nun lagt Carl und wollte den Rest für sich in Anspruch nehmen. Auf der anderen Seite aber besaß sie Gerechtigkeitsgefühl genug, um nicht gegen Carls Verlangen directen Einspruch zu erheben. Erst seine höhnenden Worte veranlaßten auch sie, sich in den Streit zu mischen.
„Du solltest Dich schämen", schalt sie, „Dich immer an Deinem Bruder zu reiben. Kann denn Otto dafür, daß Du jetzt in der Bedrängniß bist? Weil er Gaben hatte und Du nicht, deshalb haben wir ihn auf die hohe Schule geschickt und Dich nicht. Hab' ich's Dich je empfinden lassen, daß Du nicht mein rechter Sohn bist? Hab' ich Dich nicht mit Liebe [gepflegt und großgezogen wie den Andern? Hab ich nicht an Deinem Bett gewacht wie Du krank warst? Und nun kommst Du mir so? Vater wird wohl wissen, was er thut, wenn er Dir das Geld verweigert. Mit Otto ist das ganz was anders. Das ist kein Risico, keine Speculation. Jeder Groschen, den wir für seine Ausbildung hergeben, trägt einmal seine sicheren Zinsen. Du solltest Dich schämen, ihm jede Mark zu neiden und uns jeden Groschen vorzuhalten, den wir an ihn wenden."
In Carl flammte brennende Entrüstung empor. Statt der erwarteten Hilfe, bittere, scheltende Worte. Das Gefühl erlittenen Unrechts, die Sorge um die Zukunft, das Bewußtsein, daß er der Unterstützung des Vaters nicht unwerth und die Fürsprache der Mutter gerade um Ottos willen
wohl verdient habe, Alles daS wirkte zusammen, um ihn in einen Zustand fiebernder Aufregung zu versetzen. Er schnellte herum und schritt zur Thür. Da drehte er sich noch einmal um und rief voll bitteren Zornes zurück: „Meinetwegen, wickelt ihn doch in Watte den Muttersohn und vergoldet ihn Euch und macht Euch zum Narren mit ihm. Er wird's Euch schon noch mal vergelten, wie Jhr's verdient!"
XII.
Otto befand sich in verzweifelter Stimmung.
Seine Wechselschulden waren mit Zinsen und den Kosten, die die mehrfachen Prolongationen verursacht hatten, auf viertausend Mark gewachsen. Herr Holzapfel, der zuerst die Gefälligkeit und Sanftmuth selbst gewesen, zeigte sich plötzlich hart und gefühllos wie ein Stein, und während er früher den leichtsinnigen Schuldenmacher immer in dem Glauben gelassen, daß er sich gedulden würde, bis Otto eine Anstellung erhalten hätte, erklärte er plötzlich, daß er noch vor dem Assessorexamen bezahlt werden müsse. Vergebens war alles Bitten und Flehen, der Manichäer blieb unerbittlich. Herr Holzapfel entpuppte sich als derselbe hartgesottene Geldmann, als den Herr Vogel aus der Jägerstraße sich einst erwiesen . . . Wenn Otto nicht zahle, so bleibe ihm weiter nichts übrig, als die Anzeige an den Herrn Präsidenten zu erstatten, und dann sei es mit dem Assessorexamen vorbei. Otto würde dann gar nicht zugelassen und mit der schönen Gartiere sei es ein für allemal aus.
Otto war außer sich. Er wüthete gegen den Wucherer, gegen sich und seinen Leichtsinn, ja, sogar gegen College» von Markwald ließ er sich zu heftigen Vorwürfen hinreißen, sodaß es zwischen ihnen Beiden zum förmlichem Bruche kam. Freilich, Ottos Situation wurde dadurch nicht im Geringsten gebessert. Markwald konnte ihm überhaupt nicht helfen, der hatte mit sich selbst zu thun.
Die tiefste Muthlosigkeit erfaßte den Leichtfuß. Wenn der Wucherer seine Drohung wahr machte und die Sache an die große Glocke hing, dann erfuhr auch der Kammergerichtsrath Göring davon, und dann war es nicht nur um seine Carriöre als Jurist geschehen, dann würde auch nie etwas aus der Verwirklichung der süßen Träume, mit denen sich seine Phantasie während der letzten Monate so lebhaft beschäftigt hatte. Was er in Constanzens Augen bei jedem Besuch deutlich las, was aus ihren Mienen, ja aus ihrem ganzen Wesen zu ihm sprach, ließ sein Herz in wonnigen, stolzen Schauern hoch aufklopfen. Und darum mußte er um jeden Preis verhüten, daß der Wucherer ihn vor bestandenem Examen verklagte. Wenn er erst einmal Assessor und der Verlobte Constanze Görings war, dann konnte Herr Holzapfel immer sprechen. Was hatten dann die viertausend Mark Schulden zu besagen? Selbst wenn er dann auf die Staatscarriere verzichten mußte, als Assessor standen ihm alle Wege offen. Als Referendar, ohne das Staatsexamen bestanden zu haben, war es nichts. Als Asseffor aber besaß er die Antwartschaft auf eine große Anzahl ehrenvoller und gut besoldeter Stellungen.
So schwer es ihm wurde, er entschloß sich, seinem Vater offen seine Lage zu entdecken. Freilich, der würde schelten und toben und ihm die ehrenrührigsten Dinge in's Gesicht sagen, aber schließlich würde er doch zahlen. Gewiß, das würde er. Soviel Einsehen und soviel Interesse für seine — Ottos — Zukunft würde er doch noch besitzen. Aber trotz dieser trostreichen Versicherung, die sich der leichtsinnige Schuldenmacher selbst gab, verschob er die Ausführung seines Entschlusses von Tag zu Tag. Wenn er sich seines Vaters Ueberraschung, seinen Zorn vorstellte, wenn er sich die Erinnerung zurückrief, wie er damals wegen seiner ersten Wechselschulden gewüthet hatte, da lief ihm jedesmal ein eisiger Schauer über den Rücken. Wäre es damals nicht fast dazu gekommen, daß der Alte Hand an ihn gelegt!
Schließlich machte er sich dennoch eines Mittags auf


