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Du unbedachterweise meinen Gast verletzen, und dos bliebe nachher nur bedauerlich. Also Wulffen ist nicht allein des Geldes wegen, sondern mehr aus Rücksicht auf seine Verlobte hier."
Hilde sah aufmerksam, nicht anders, den Sprechenden an, der ihr Alles im Einzelnen erzählte. Ihre plötzlich warm leuchtenden Augen, ihre rothen Lippen gaben Zeugniß von einem lebhaft pochenden Herzen.
„Wulffen übernahm die Vermittelung zwischen den Erders und Dir gern?" fragte sie.
„Verzweifelt, wie mir schien, doch ehrlich. Seine Leidenschaft zwingt ihn wohl."
//Ich sagte schon einmal, gieb ihm, was dem Mädchen zukommt- doch Du wirst das ja besser wissen. Er thut mir leid."
Tauchlitz konnte sein Staunen schwer beherrschen. Hatte er denn ganz verlernt, in Frauenherzen zu lesen?
Er wußte wirklich nicht, welche Ruhe er dem thörichten Mädchen gegeben hatte. Jener Blick galt also nicht ihr, sondern der Erinnerung an die Geliebte, ihre Freundschaft blieb unverletzt.
VII.
Beinahe ein Monat verfloß in gleichförmiger Weise. Wulffen ließ sich in Tauchlitz' Sammlungen einführen und ging ihm eifrig zur Hand, wenn seine Gedanken besänftigt das stille Sitzen vertrugen. Oft stürmte es freilich unerträglich in ihm und solches Tosen suchte er auf einsamen Gängen für sich allein zu verwinden.
Gegen Abend kam Hilde heute von einem Ausgang mit Irmgard heim. Sie erzählte, daß Hollmanns nachher vorsprechen würden.
„Ich glaube, Ernst will Schach mit Dir spielen- für Herrn Wulffen, Irmgard und mich haben sie Theaterkarten besorgt. Genau weiß ich es nicht."
„Sieh, sieh", sagte Tauchlitz, „sie strengen sich ja gewaltig an."
Damit blieb die Sache erledigt. Zum Abendessen stellten Hollmanns sich höchst angeregt und lustig ein. Wie vorausgesagt, setzte der Oberlehrer sich mit Tauchlitz ans Schachbrett, Irmgard lud Hilde und Wulffen ein, mit ihr ins Theater zu kommen.
„Wir haben gute Darsteller, trotz Ihres Berlin führe ich Sie hin," äußerte die Lebhafte unterwegs, „Hilde freilich meint, sie sind der Sachen nicht werth, die sie geben. Nun sollen Sie entscheiden."
„Das wird mir schwer fallen, denn ich verfüge nur über meinen Geschmack, verehrte Frau; weder Ihre geschulte Ansicht, noch das hochgespannte Kunstgefühl Fräulein Hildes sind mir gegeben."
„Kennen Sie das auch schon?" fragte Irmgard.
Wulffen wurde jeder Antwort enthoben, das Hausmädchen der Hollmanns stürzte eben über die Straße.
„Frau Oberlehrer! Ach, was ist es gut, daß ich Ihnen noch treffe. Der Kleine ist hingefallen und hat sich den Mund ausgefallen, er blutet so sehr."
„Was paßt Ihr denn nicht auf?" rief Irmgard. „Kann man keine Minute den Rücken wenden? Bitte, Hilde, geht voran, ich werde erst einmal nachsehen."
„Bewahre, wir gehen mit," bat Hilde, „ist cs ungefährlich, kommen wir immer noch zurecht, und leidet das Würmchen, so —"
//Es ist an mir genug," entschied Irmgard. „Bitte, Herr Wulffen, Sie thun mir den Gefallen, meine Schwester zu begleiten."
Hilde schwieg, einsilbig ging sie neben Heinrich weiter.
„Um solch bischen Wunde machen Sie aber ein mächtiges Aufhebens- da haben wir als Jungen anders getobt," suchte er zu trösten und erzählte einzelne seiner, wie Franzens Stretche.
Lachend hörte Hilde ihm zu,- warf sie auch dazwischen,
daß die Kwder noch klein und zart wären, so forschte sie doch zutraulich nach seinen Kindheitserlebnissen, daß er wie verzaubert auf sie sah. Allerdings sollte sie ihm sein Empfinden nicht wieder anmerken, sonst verscheuchte er sie aufs Neue.
„Wi'viel glücklicher Sie aufgewachsen sind gegen uns," bedauerte sie eben, „Sie durften stets sich selbst leben auch in Ihren Dummheiten — mich engen die Anderen noch heute ständig ein."
„Warum lassen Sie sich denn einengen? Warum zeigen Sie sich nicht so stark wie Sie sind?"
„Stark fühle ich mich erst —"
„Nun?"
„Seit Sie gekommen sind und mir eine Fülle neuer Eindrücke und Anregungen gebracht haben."
Ihre Augen leuchteten zu ihm auf, daß ein Entzücken und ein «schmerz ohnegleichen ihn zerrissen.
„Hier ist Irmgards Wohnung wieder!" bemerkte Hilde.
Ihrer inneren Leidenschaft gehorsam waren sie auch im Sturmschritt am Theater vorbeigerannt und hatten auf einem Umwege Hollmanns Wohnung von Neuem erreicht.
„Wir wollen Sie abholen und aufrichtig gestehen, daß wir kein Theater mögen. Sie kann zu uns mitkommen, dort will ich —"
„Was wollen Sie?"
„Auch einmal ich selbst sein. Sie werden ja sehen. Für jetzt lassen Sie mich danken, daß — nein, nein."
Auf ihr leises Klopfen oben kam das Mädchen und erzählte, die Wunde des Kleinen sei doch schlimmer gewesen, der Doctor hätte sie zugenäht und wäre eben erst gegangen. Frau Oberlehrer bliebe bei dem Kinde, das jetzt schlafe.
Hilde bestellte Grüße und sie würden nun ebenfalls nach Hause gehen- dann waren sie wieder unten.
Wulffen bot ihr den Arm, sie legte ihre Hand hinein. Sie sprachen nichts mehr — Einer war von des Anderen fühlbarer Nähe unterjocht und gefangen.
Ein Bild der Beständigkeit saßen die beiden Schachspieler einander gegenüber, als sie nach einer inhaltreichen Stunde wieder bei ihnen eintraten.
Hilde hatte die Straßensachen draußen abgelegt, ihr bleiches Gesicht und die glühenden Augen bildeten einen Gegensatz, der selbst die Blicke der Spieler festh-elt.
„Laßt Euer Schach," sagte sie, „wir können die Stunde jetzt anders nutzen."
Dann erzählte sie, Hollmann beruhigend, den Unfall in seinem Hause.
„Den Abend harmlos im Theater zu verbringen, wäre danach unmöglich gewesen, kaum vorher befand man sich in der Stimmung dazu. Laß mich die Gelegenheit im anderen Sinne brauchen, Papa, ich möchte mit Dir sprechen - ich bitte, Ernst, bleib einen Augenblick. Irmgard erwartet Dich noch nicht, auch könntest Du ihr gleich meine Entschlüsse mittheilen, dann brauche ich sie nicht zweimal durchzureden."
Sie ließ sich etwas vom Tisch entfernt nieder, auf ihr stummes Bitten nahmen die Drei ihr gegenüber Platz.
„Herrn Wulsfens Anliegen hat mich beschäftigt, unö wenn Sie nachträglich zugeben, daß innerliche Beziehungen zwischen Ihnen und der Künstlerfamilie nicht mehr bestehen, so haben Sie im Interesse der Gerechtigkeit dennoch ein Einleiten der heiklen Frage für nöthig befunden. Aus dieser selben Gerechtigkeit heraus möchte ich sie zu Ende geführt wissen."
„Aber, Hilde! Was kümmert Dich das?" fragte Tauchlitz streng.
Sie hob den Kopf.
„Mich? Zuerst! Du, Papa, hast für Deine Person nichts zurückbehalten von einer Frau, die Dich bis aufs Blut gekränkt hat. Irmgard ist verheirathet, nachdem sie ihr mütterliches Erbtheil erhielt- sie kann solche Summen aus ihrem Haushalt nicht wieder herausziehen. Bleibt also mein Theil und den bringe ich der Dame."


