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gekommen!"
Ina neigte das erglühende Gesicht auf die Hand der Schwester. Leise kam es von ihren Lippen. „Die Scheidung ist vollzogen." .
„Ich dachte es mir, weil er kam," erwiderte die Kranke.
Inas Seele mußte etwas Seltsames bewegen- sie sank plötzlich neben dem Bett auf die Kniee und murmelte: „Thea, Thea, mir ist so bang'."
„Vor was?" fragte diese, liebkosend mit Aufbietung all ihrer Kraft über des Mädchens Scheitel streichend.
„Vor dem Glück!" gestand Ina.
Thea lächelte, ein mattes, himmlischen Frieden ausstrahlendes Lächeln.
„Ich denke, das ist zu ertragen, Liebling!" versuchte sie ^scherz^n ben So)p|. „Nicht so, Thea! Es
ist mir Ernst damit! Darf ich sprechen? Regt es Dich nicht auf?" .
„Sprich!" bat die Kranke, und Ina begann, erst stockend, nach und nach in sich überstürzenden Worten:
Wälze nur alle Schuld auf mein sündiges Haupt und komme I zur Sache: Du willigst also ein?" I '
Ueber Gebhardts Züge flog ein Ausdruck des Wider« I i willens, der Verachtung.
Ja!" sagte er hart. I
Der Scheidungsgrund, gegenseitige unüberwindliche Ab- I Neigung?" fragte sie über die Schulter zurück, bereits in der halb geöffneten Thür stehend. |
„Gegenseitige unüberwindliche Abneigung!" sprach er ihr nach- dann schloß sich hinter Lore die Thür.
Diesseits und jenseits ein Seufzer der Erleichterung. I Beide fühlten sich in diesem Augenblicke bereits frei. —
* ♦ -k-
Der Herbst neigte sich schon seinem Ende zu, der weißbärtige Winter stand bereits vor der Thür- er harrte nur I des Moments, da er endlich seinen Einzug in das von Stürmen nnd Regengüssen heimgesuchte Land halten dürfte. I
Thea Lentze lag im Sterben. Noch hatte die weltmüde Seele nicht ausgerungen - aber sie hatte doch bereits den Fuß auf die erste Sprosse der Himmelsleiter gesetzt. Dem I Commerzienrath und Ina schien, als habe der stillwaltende I Todesengel bereits das Antlitz der Dulderin gezeichnet. —
Es waren trübe Tage, welche die Villa Lentze jetzt sah.
Halb schien sich die Seele der Sterbenden bereits allem | Irdischen entfremdet zu haben, die andere Hälfte aber stritt I noch einen erbitterten Kampf - es war, als zöge es sie I mächtig empor zur Sphäre der Seeligen, als hielte eine I andere ebenso unsichtbare Macht sie aber auf der Erde fest. I Sie kann nicht leben und nicht sterben! flüsterte die
Dienerschaft einander zu und bedrückt schlich ein Jeder im I Hause einher, seine Obliegenheiten zu erfüllen.
Ina wich in diesen Tagen nicht vom Lager der Schwester- sie war deren unermüdliche Gesellschafterin und Pflegerin.
Heute nun war in dem Befinden der Kranken anscheinend eine leichte Wendung zum Besseren eingetreten. Thea fieberte nicht und war bei vollem Bewußtsein. Sie hielt die Hand Inas, ihrer treuen Pflegerin, umspannt und schaute mit seltsam großen, forschenden und zugleich bittenden Augen aus die Schwester.
Es lag etwas wie Trauer und doch auch Erwartung in dieser stummen Frage.
Ina mußte den Blick der Schwester verstehen. Sie drückte sanft die wachsfarbenen Finger der Leidenden.
„Er war hier, Thea! Heute Morgen!»
Thea nickte.
„Du weißt?" es klang erstaunt.
Thea setzte ein paar Mal zum Sprechen an, es schien ihr schwer zu fallen, als sie endlich sprach, hatte ihre Stimme einen fremden Klang. „Ich hörte das Mädchen auf dem Corridor seinen Namen nennen. Da wußte ich, weshalb er
„Ich habe gesündigt, Thea! Ich hatte mein Herz an einen verheiratheten Mann gehängt- jetzt ist er frei, frei vor der Welt, in ihren Augen- jetzt wird mir das Glück, das ich ersehnt- doch wird Gottes Segen darauf ruhen?
„Was Gott zusammengefügt, das soll der Mensch nicht scheiden. Steh Thea, darum bangt mir!"
Sie sah, wie Antwort heischend, zu der Schwester auf. Nach einer Weile sprach diese: v „
Bist Du gewiß, daß nur die Menschen sie geschieden? Es geschieht nichts ohne den Willen des Herrn. Vielleicht bat er selbst es so gewünscht." Die Jüngere schien dennoch nicht ganz überzeugt; der Zweifel blickte ihr aus den Augen.
,Und noch Eins, Thea," begann sie bald von Neuem, „mir bangt, daß ich ihm nicht das Glück geben kann, das er von meinem Besitz erhofft."
„Kind, er ist wahrlich nicht verwöhnt worden'/ gab die Andere ihr zu bedenken.
Ina schüttelte den Kopf, die Zweifel hatten sich doch zu tief in ihre Seele gefressen. „Es muß ja so kommen. Die Enttäuschung wird nicht ausbleiben! klagte sie. „Er tarirt mich zu hoch!" _ , .
Thea sah aus ernsten Augen auf die Schwester nieder.
„Und er verlangt viel!" schloß sie ihren Gedankengang, was sie bewegte, in Worte kleidend. „Ich vermag De n Zagen nicht voll zu begreifen und doch. ... I« Kind, ein leichter Platz wird Dir nicht zugewlesen fein. Ich Mtze I Gebhardt, aber er ist weder ein liebenswürdiger noch em selbstloser Character . . . ."
Hier unterbrach Ina sie fast heftig. „Schilt ch""icht.
I rief sie laut und dann dämpfend, „nur ich habe Schuld, nur ich! Thea, mir ist schon oft der Gedanke gekommen, daß ich nicht für die Liebe tauge. Ich verlange zu viel und kann selbst zu wenig bieten. Ich h^e das auch Hunold
gesagt- doch er sieht mit den Augen der Liebe. Wie lange?
I Thea, er schilt mich eine Pessimistin. Er hat recht. Ach>
I Liebe und doch will ich ja nichts weiter, als ihn glücklich
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Beide schwiegen. Dann fuhr Ina jählings auf., „Thea, sage mir, ist meine Liebe, diese Hetrath Sunde?
Sünde?" sprach die Kranke mit einem verlorenen Blick. „Kind", was ist Sünde? Wir glauben, recht zu thunund wir thun gerade das Verkehrte. Und wir glauben zu sündigen und thun Gutes. Ein Werk der Liebe aber will mir, nur gut scheinen. Du quälst Dich zweck- und grundlos, Liebling- Gott ist die Liebe. Er und die Liebe, sie werden Dir helfen. Sei stark im Unglück und im Glück."
„Und wenn ich Gebhardt unglücklich mache?" fragte Ina.
Die Aeltere lächelte. „Kind, Du! Thörin! Die Liebe trägt Alles. Ein liebendes Weib ist gleichsam die Verkörperung der Liebe. Du hast den Weg zu seinem Herzen gefunden. Mir ist nicht bange um Dem und sem Gluck, Liebling. Gebhardts Character ist nicht frei von Schlacken. Aber wo viel Schatten, da ist auch viel Licht!, Ihr seid
1 Beide Ausnahme-Naturen und Ihr scheint wie für einander geschaffen und bestimmt." ,
Wieder entstand ein längeres Schweigen- die Kranke schien angegriffen vom vielen Sprechen, Ina aber mit dem Egoismus des eigenen Schmerzes, hatte heute kein Auge dafür iebe „ 6 nn pe bon Neuem, „ich bin im Grunde mehr Egoistin als Du glaubst. Ich will nicht nur dem I Geliebten die Gattin, sondern auch die Genossin .sein- ich habe diese Ansicht auch Hunold gegenüber vertreten
„Nun?" .
„O, er hat mich in seine starken Arme genommen und I mir gesagt, daß er gerade solch ein Weib gesucht . .
„Nun, siehst Du wohl!" , ,
„Aber," fuhr die unverbesserliche kleine Pessimistin fort, „aber werde ich im Stande sein, ihn stets zu verstehen? I Er ist mir geistig so weit überlegen, daß ich meines Minder


