Ausgabe 
26.5.1898
 
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brachen sei. Ein Jeder fliegt auf seine Stube an den Büchertisch und lernt seine Lection für den morgenden Tag.

Um zehn Uhr muß jeder Cadett zu Bette sein. Em Offizier mit einer Laterne sieht genau nach, ob auch Jeder in den Federn liegt.

Zehn Minuten nach zehn Uhr allgemeines Schnarchen.

Die Sommermonate von Mitte Juni bis Ende August bringen ein wenig Abwechslung in die tägliche Monotonie der Herbst- und Wintertage. Dann beziehen die Cadetten, mit Ausnahme der zweiten Klasse, welche für diese Zeit be­urlaubt ist, ihre schon eingangs beschriebenen luftigen Zelt­wohnungen.

Im Lager werden keine Jnstructionsstunden ertheilt, außer in Tactik und Strategie. Jeder Tag gleicht auch hier wieder dem andern an Reihenfolge des Dienstes und strengster Handhabung der Disciplin. Jedes Zelt muß zu jeder Zeit in vollkommenster Ordnung sein. Uebertretungen werden strenge geahndet.

Auch hier beginnt der Tag mit einem Schuß aus der Reveillekanone und zwar um fünf Uhr Morgens.

Das Trommler- und Pfeifercorps marschirt durch die Zeltgassen und weckt die etwa Säumigen durch seine er­regenden Rythmen. Dann erfolgt ein langer Trommelwirbel, der das Ende der Reveille anzeigt.

Jetzt allgemeiner Aufruhr in den Zelten!

Cadetten mit Waschschüsseln eilen, sie am Brunnen zu füllen, und kehren mit den gefüllten zurück. Hurtig eilt man in die Uniform und ehe noch der letzte Trommelschlag verhallt ist, stehen drei Compagnien mit ihren Offizieren in Reih' und Glied.

Eine Stunde vor Sonnenuntergang wird nun West- Point während dieser zehn Wochen ein vielbesuchter Ort. Von den vielen Villen und Sommerwohnungen am rechten Ufer des Hudson kommen oft ganze Schauren in Wagen und Omnibussen, entweder, die Cadetten und Offiziere persönlich zu besuchen oder die interessante Lagerstadt in Augenschein zu nehmen.

An drei Abenden der Woche ist es den Sabettin er­laubt, sich unter die Besuchenden zu begeben und sich mit ihnen zu unterhalten, zu welchem Zwecke sie ein paar Stunden srüher vom Dienst dispensirt werden.

Am 28. August verschwindet die fröhliche Zeltstadt. Die Beurlaubten kehren aus ihrer Heimath zurück und wieder wird es lebendig in den Casernen, wieder beginnt der stets sich gleichbleibende Dienst der Herbst- und Wintertage.

Da sich nun unsere Aufmerksamkeit wieder den massiven Baulichkeiten zuwendet, so können wir bequem noch einen Blick in die Zimmer der Cadetten werfen.

Diese Zimmer dürfen nie verschlossen werden, sondern müssen der Besichtigung stets geöffnet und gewärtig sein Zu jeder Tagesstunde darf der Offizierdu jour" eintreten und wehe dem Cadetten, wenn das forschende Auge des In­spizierenden einen Staubflecken auf dem Spiegel über dem Kaminsims oder auf der Garderobe bemerkt oder wenn irgend etwas im Zimmer nicht genau an Ort und Stelle sich befindet! Der betreffende Delinquent erhält 48 Stunden Zeit, eine schriftliche Entschuldigung aufzusetzen. Hat er keine anzugeben, so wird er dem Vergehen gemäß bestraft, entweder durch bloße Notirung, oder durch Arrest oder durch Nachexerzieren oder durch alle drei Strafen zusammen.

Hat ein Cadett im Verlaufe von sechs Monaten hundert Strafen (!) sich zugezogen, so wird er ohne Gnade ftis- pendirt. Für sieben schwere Strafen wird er entweder zu Gefängnißstrafe verurtheilt oder vor ein Kriegsgericht gestellt.

Während der Sitzung desselben und den ganzen Tag über werden Doppelposten in dem Corridor aufgestellt und Offiziere beobachten den Delinquenten und berichten die ge­ringste Widersetzlichkeit oder Widerspenstigkeit dem Gerichte.

Das Gleiche geschieht mit dem Verurtheilt en während der ganzen Dauer seiner Strafzeit.

An Möbeln enthalten die Zimmer nichts als zwei Tische unter der Gaslampe und zwei Stühle. Der Fußboden ist unbedeckt, und die Fenster sind nur mit einem hellgrauen Vorhänge versehen. Ein roh gezimmertes, braun gestrichenes Regal dient als Aufbewahrungsort für die nöthigste Wäsche des Cadettcn. Auf den einzelnen Brettern dieses Regals, und zwar am vorschriftsmäßigen Platze, liegen die sauber gefalteten und aufeinander gelegten Taschentücher, Hemden, Leibbinden, Strümpfe u. s. w. Die im Gebrauch befind­lichen Bücher liegen auf dem Tische, die andern im Regal. An einer Wand steht ein einfacher hölzerner Waschtisch, auf welchem stets umgestülpt, wenn außer Ge­brauch, die Waschschüssel zu finden |ift. Auf dem Fußboden zur Seite des Waschtisches stehen zwei verzinkte eiserne Sinter, der eine mit Wasser, der andere mit Gemüll und Spülicht angefüllt, lieber dem Kamin hängt ein einfacher, kleiner Spiegel und eine Uhr und auf dem Sims liegt ein Exemplar des Exerzierreglements und der Stundenplan jedes Cadetten.

Der Stundenplan ist eine, mit den Jnstructionsstunden seines Etgenthümers bedruckte Karte und zeige dem in- spicirenden Offizier in Abwesenheit des Stubeninsassen, wo er ihn zu vermuthen resp zu finden hat und ob er mit ober ohne Entschulbigung abwesend ist.

Die Gewehre stehen auf einem Gestell und direct über denselben auf einem Brette die entsprechende Kopfbedeckung. Koffer oder Kästen dürfen nicht im Zimmer stehen. Alles muß leickt zu sehen sein und es dürfte ziemlich schwer halten, im Zimmer etwas Verbotenes zu verlegen.

Am Fuße des einfachen Bettgestelles, in eine Linie ge­ordnet, gereinigt und geputzt stehen die Stiefel. Im kleinen Alkoven an langen Haken hängen in vorschriftsmäßiger Ordnung, der Mantel ober Morgenrock, ber Leibrock, die Bluse, bie Beinkleiber, ber Wäschesack und das Nachthemd.

Alles ist in peinlichster Ordnung und wenn auch das Zimmer auf den Besucher einen höchst ärmlichen, dürftigen Eindruck wacht, so wird derselbe doch wieder dadurch ge­mildert, daß keines von ihnen, und sei es von Millionäcs- söhnen bewohnt, vom andern sich irgendwie unterscheidet.

Viel Aufmerksamkeit und Zeit wird ber körperlichen Entwickelung unb Kräftigung burch gymnastische und equestrische Exerzitien gewidmet. Namentlich bildet Reiten eine sehr beliebte Hebung und Erholung.

Diese Exerzitien finden täglich von 11 bis 12 Uhr, mit Ausnahme des Sonntags, auf dem Reitplätze statt. Regnet es zufällig ober ist es sehr kalt im Winter, so reitet man in ber eigens hierzu errichteten großen Reitbahn. Die Fertigkeit in biesem Zweige ber militärischen Hebung wird außerordentlich weit getrieben. So sieht man die jungen Leute in vollster Barriere ans und in den Sattel springen, schwierige Hindernisse nehmen und mit Säbeln nach mit Lederpolster versehenen Pfosten hauen. Wilde Pferde werden eingebrochen durch einfaches Aufschnallen des Sattels, An­legen des Zaumzeuges und Aufspringen und Mattjagen des rasenden Thieres. Wenn dann im Frühjahr die junge Reitschaar unter dem Commando eines Cavallerieoffiziers ihre Terminübungen vornimmt, muß man über die Kühnheit und Sattelfestigkeit des Einzelnen geradezu staunen.

Man muß gerechterweise zugeben, was practische Leistungen anbetrifft, darf sich die Militärschule zu West- Point getrost jeder europäischen, selbst einer deutschen Militärakademie an die Seite stellen. Sie hat Männer und Helden hervorgebracht, welche sich einen ruhmreichen Platz in der Kriegs- und Weltgeschichte für alle Zeiten er­rungen und gesichert haben.

Redaction: E. Burkhardt. Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.