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’° ^riete' aI§ hier in der Militärschule zu West-Point.
Die Stellung eines Schülers dieser Anstalt hat ihre ganz besonderen Vorzüge. Er kennt nicht die Sorgen und Entbehrungen, welche die Studenten anderer Institute zu tragen und durchzumachen haben. „Uncle Sam" kleidet, nährt, behütet und bezahlt ihn noch obendrein. Freilich mutz er während des vierjährigen Cursus in der Akademie ein sehr zurückgezogenes Leben führen und sich einer strengeren Disciplin unterwerfen, als sie in anderen Anstalten des Landes geübt wird- doch erhält er dafür auch eine ausge- Mchnete milrtärische und wissenschaftliche Erziehung und Bildung und spater eine einträgliche Stellung im öffentlichen L) lenste.
Der Unterrichtscursus umfaßt, wie schon erwähnt, die Dauer von vier Jahren und schließt in sich nicht nur alle Zwerge militärischer Bildung, sondern auch Chemie, moderne Sprachen, namentlich Französisch und Spanisch- dieses letztere sehr genau und eingehend, da viele Cadetten nach Absolvirung tyres Examens nach den südwestlichen Staaten und Territorien in die Besatzung der Forts commandirt werden, deren umwohnende Nachbarschaft hauptsächlich aus Spaniern besteht
Der gelegentliche Besucher der Akademie freilich sieht vor Allem nichts Anderes als militärische Uebungen, tadel- Normen, blitzende Waffen und hört ab und zu mtli- tarische Signale und Marschmusik- wer aber in die Geheimnisse dieses vierjährigen Aufenthalts eingeweiht ist, weiß, welche hohen Anforderungen er an die Energie und Mannheit jedes Cadetten stellt.
Das Cadettencorps besteht aus einem Bataillon zu vier Compagnien. Der Oberstcommandirende ist ein hochgestellter Offizier der Armee. Ihm zur Seite steht je ein Offizier m leder Compagnie. Außerdem besitzt jede Compagnie eine bestimmte Anzahl Subalternoffiziere und Corporale, welche aus den Reihen der Vorgeschritteneren gewählt werden.
Das Corps ist in vier Klassen abgetheilt. Nach tadel- losem Dienst m der vierten Klasse, gewöhnlich von der Dauer eines Jahres, ist der Cadett zum Corpora! erwählbar und erhalt, wenn erwählt, goldene Litzen an seiner Uniform. Hat der neugebackene Corpora! das zweite Jahr mit gleicher Treue gedient, so erhält er den Rang eines Sergeanten. Aus der Anzahl der Sergeanten bestimmt der Oberstcom- Mandirende die beiden fähigsten und zuverlässigsten zum ^ersten Sergeanten" der Compagnie und zum „Sergeant- Major" des Bataillons.
Erst nach zwei Jahren harter Arbeit und treuen Dienstes kann der Cadett einen Urlaub von zwei Monaten, gewöhnlich im Julr und August erhalten.
Sofort nach Eintritt in die Anstalt begiebt sich der Cadett seiner sonstigen Unabhängigkeit und wird ein Untergebener der Bundesregierung. Gehorsam, blind und stumm zu sern, tst hinfort seine unabwendbare erste Pflicht. Er muß sein ganzes Leben nach dem Grundsätze regeln, daß Derjenige, welcher befehlen will, erst muß gehorchen gelernt haben.
Em Tag folgt dem andern in erbarmungsloser Monotonie. Rur am Samstagnachmittag und Sonntag herrscht ein wenig Freiheit der Bewegung. Am Samstagnachmittag rst der Cadett vom Dienst befreit bis zur Parade, die Abends stattfindet, und darf nach derselben einer zwanglosen Abendunterhaltung unter seinen Kameraden beiwohnen. Sonntags darf er eine halbe Stunde länger Morgens schlafen, muß aber zur festgesetzten Zeit die Kirche besuchen und wird dann für den Rest des Tages bis zur abendlichen Parade beurlaubt. Doch hat er sich zum Mittagessen in der Speisehalle emzufinden
Gehen wir jetzt zur Schilderung des täglichen Dienstes über und laden wir den Leser ein, uns zu folgen.
Es ist halb sechs Uhr Morgens.
„Bumm —!" so donnert ein Schuß aus der Revetlle- kanone über die friedlichen Schläfer hin.
Horch!
Trommeln rasseln, Pfeifen kreischen, Trompeten schmettern!
Es ist Zeit aufzustehen.
Sofort wird's in den Casernen lebendig. Eine Scene wildester Eile, ern Tohuwabohn wildesten Durcheinanders folgt.
Es ist keine Zeit zu verlieren!
Eine Verspätung von auch nur einer Secunde wird dem Cadetten ohne Erbarmen angeschrieben.
Man springt in die Kleider, die beim Schlafengehen schon bereit gelegt wurden, schlüpft in ein Paar weiche, lose Pantoffeln, ergreift seinen Mantel und sein Käppi, stürzt aus den zehn Corridors die Treppe hinab und formirt sich in vier Compagnien.
Die „first Sergeants" verlesen die Namen. —
Während des Tages geschieht die Namenverlesung mindestens zehn oder zwölf Mal, so daß der Cadett nur wenig oder gar keine Gelegenheit hat, sich vom Dienst zu drücken oder überhaupt unpünktlich zu sein. Der Sergeant, der die Namen zu verlesen hat, lernt diese bald auswendig, so daß er gar kein Buch dazu mehr nöthig hat und wird mit der Stimme eines Jeden so bekannt, daß man ihn nicht tauschen kann dadurch, daß aus Kameradschaftlichkeit etwa ein Anderer sein „Hier!" an Stelle des Abwesenden ruft. —
Die Namenverlesung dauert gewöhnlich eine halbe Minute.
Während der folgenden Viertelstunde werden nun die Zrmmer in Ordnung gebracht für die Morgeninspection.
Zehn Minuten darf die Morgentoilette dauern.
Um halb sieben Uhr stellt man sich in Reih und Glied und marschirt unter Trommel- und Pfeifenklang nach der Speisehalle.
Hier hört man zwanzig Minuten lang nichts, als das Klirren von Messern und Gabeln, Klappern von Tellern und Tassen und wundert sich, mit welcher Eile und Präcision die Cadetten essen und trinken.
Jeder Tisch wird von dem Capitän einer scharfen Untersuchung unterworfen und wehe dem Cadetten, der auf seinem reinen Tischtuch einen Kaffeefleck gemacht hat! Diese horrende Pflichtverletzung wird sofort notirt!
Um acht Uhr nehmen die Studierstunden, Instructionen ihren Anfang und dauern ununterbrochen bis ein Uhr.
Dann tritt man wieder in Reih und Glied und marschirt unter Trommelrasseln und Pfeifenklana zum Mittageffen in die Speisehalle.
Zwanzig Minuten lang wieder Klirren von Messern und Gabeln, Klappern von Tellern und dieselbe Präcision im Essen und Trinken, wie am Morgen.
Nach dem Diner hat der Cadett freie Zeit bis fünf Minuten vor zwei Uhr. Während dieser Pause macht man entweder einen Spaziergang oder spielt eine Parthie Tennis, Baseball oder Fußball. '
Um zwei Uhr beginnen die Instructionen wieder und dauern bis vier. Faule und schläfrige Schüler werden mit äußerster Strenge zur Arbeit angehalten.
Jeden Samstag Nachmittag wird das Zeugniß jedes Cadetten öffentlich im Plakat am schwarzen Brett angeschlagen und so der allgemeinen Lcctüre preisgegeben.
Etwas nach vier Uhr, im Frühjahr und Herbst, finden dann Artillerie- und Jnfanterieexerzitien statt für alle Klaffen mit Ausnahme der dritten, welche sich während dieser Zeit im Reiten übt und vervollkommnet.
Dann folgt die abendliche Kleiderparade, bei welcher die am vorhergehenden Tage begangenen Vergehungen und Uebertretungen durch Verlesen zur öffentlichen Kenntniß gebracht werden.
Nach Verlesen der sogenannten „skin list“, des „Sündenregisters" folgt zum letzten Male für den Tag der ""ch d" Speisehalle unter Trommelraffeln und Pfeifenklang.
Eine halbe Stunde nach dem Abendessen verkündigt ein Trompetensignal, daß die Lernzeit für die Cadetten ange-


