Ausgabe 
26.4.1898
 
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Es ist Denkern, die zu den ersten aller Zeiten gehören, Arie Kant und Laplace, nicht gelungen, Weltbildungshypo- rhesen zu construiren, welche nach den Erkenntnissen unserer -neueren Astronomie in allen ihren Theilen bestehen können. Wenn wir es im Folgenden trotzdem versuchen, den bestehenden Hypothesen noch eine neue hinzuzufügen, so geschieht dies nicht in der Anmaßung, etwas Besseres als das bisher Be­stehende damit zu geben, sondern nur in der Meinung, daß der einfache auf atomistischer Grundlage aufgebaute Ge- Lankengang vielleicht gelegentlich eine Anregung zu ein- Zehenderer Forschung bieten könne.

Um der Bedingung zu genügen, möglichst wenig Bor- Aussetzungen zu machen, wollen wir nichts anderes an­nehmen, als waS wir wirklich und unstreitig vor Augen sehen, nämlich, daß das Weltgebäude von einer großen Anzahl von Körpern in allen Dimensionen und mit allen Geschwindigkeiten durchlaufen wird, und dabei aus bekannten Gründen ausschließen, daß diese Dimensionen und Ge­schwindigkeiten jemals unendlich werden können Da die Wirkungskräfte, welche die Physik und die Astronomie der Materie zuspricht, nicht ganz klargestellt ist, wollen wir ihr zunächst gar keine Kräfte zuerkennen, es sei denn, daß mau Lie Raumausfüllung der kleinsten Theile dieser Materie, d. h. ihrer Atome, für eine Kraft ansehen will. Da wir ferner eine krummlinige Bewegung nach den bisher üblichen Ansichten nur unter der fortwährenden Wirkung einer Kraft entstanden denken können, so schließen wir diese für unsere unbewiesenen Annahmen aus. Genau präcisirt sind also die letzteren: 1) Es giebt Raumtheile, in welche andere ihres Gleichen nicht einzudringen vermögen, d. h. absolut feste Aromez diese mögen jede beliebige äußere Form haben und Deshalb in der Massenhaftigkeit ihrer Wirkungen durch­schnittlich als Kugeln anzusehen sein. 2) Diese Atome be­legen sich geradlinig und gleichmäßig schnell durch den Raum, und zwar zunächst im Durchschnitt mit einer Geschwindigkeit, welche mindestens gleich der der Fortpflanzung des Lichtes ist.

Um allein aus diesen beiden Axiomen heraus das Welt- gebäude und seine Entwickelung zu construiren, gehen wir Lon der Thatsache des offenbaren Augenscheins aus, daß die Atome ungleichmäßig über den Weltraum vertheilt sind. Es ziebt an einigen Stellen ungeheure Maffenansammlungen, zwischen denen noch weit größere nahezu leere Räume vor­handen sind, welche nur von den freien Aetheratomen durch- lchwirrt werden- diese erzeugen die Wirkungen der Gravi­tation und des Lichtes, die wir vorhin unter der Voraus­setzung jener nämlichen beiden Axiome bereits näher entwickelt haben. Es würde für unsere Aufgabe selbst ganz gleichgültig lein, bei welchem Gebilde von Massenansammlungen, von Lenen wir den verschiedenartigsten tm Weltgebäude begegnet ftnb, wir unseren Erklärungsversuch beginnen wollen. Von Lieser Freiheit Nutzen ziehend, wählen wir den einfachsten Zustand der Materie aus, den das Weltall aufweist, einen ganz unregelmäßig geformten Nebel. Sein Vor­handensein verräth uns, daß an der betreffenden Stelle des Weltraumes die umherschwirrenden Aetheratome aufangen, me§r ganz frei zu sein- sie sammeln sich hier an und müffen deshalb die Bedingung vorfinden, sich gegenseitig derart zu beeinflussen, daß sie bei einander bleiben. Diese Vorbedingung aber ist die von vornherein vorhandene un­gleiche V-rtheilung der Materie. Wir brauchen nicht zu wiederholen, wie eine solche Materieansammlung sich unter dem Einfluß der freien Aetheratome infolge der hier vor- hrndenen größeren Collisionsgelegenheit der undurchdringlichen Raumtheile allmählich verdichten muß. Diese Verdichtung des vorläufig noch aus nahezu freien Aetheratomen zusammen­gesetzt gedachten Nebels ist nur so zu verstehen, daß die durch Stoß und Gegenstoß entstehenden pendelnden Bewegungen ztch um die Witte des Nebels in der Weise gruppiren müssen, daß durch diese die meisten Atombahnen hindurchführen- dies laßt sich rechnerisch nachweisen.

Wir müssen an dieser Stelle vorläufig noch eine weitere

Voraussetzung machen, die voraussichtlich jedoch als eine theoretische Nothwendigkeit erkannt werden wird, sobald man das Wesen der Schwerkraft auf Grundlage der hier skizzirten atomistischen Anschauung weiter verfolgt. Wir müssen nämlich annehmen, daß die zunächst in dem Nebel nur hin und her Pendelnden Atome unter dem Einfluß der nach dem Centrum zu mehr und mehr sich häufenden Coüisionen ihre Bewegungen in sehr langgestreckten elliptischen Bahnen vollführen. Fassen wir die Summe der Wirkungen aller stattfindenden Collisionen als einen nach dem Centrum des Nebels wachsenden Wider­stand auf, den seine übrige Materie der Bewegung eines einzelnen Atomes derselben entgegenstellt, so müssen die ge­ringsten Unregelmäßigkeiten der Maffenvertheilung in der That aus den pendelnden Bewegungen andersgeformte er­zeugen, in denen der Körper auf einem anderen Wege zurück­kehrt, als er gekommen ist. Daß aber diese Bewegungen bei dem größten Theile der dem Massencomplexe angehörenden Atome eine nicht ins Unbegrenzte hinausgehende ist, beweist allein schon das Vorhandensein dieser Materieansammlung selbst. Die Tangentialgeschwindigkeit, welche für die Er­scheinungen der Bewegungen der Himmelskörper noch zu er­klären war, wird durch seitliche Stöße wenigstens den Atomen des betrachteten Körpers gegeben, welche ohne diese nur durch das Centrum hin uno her pendeln würden. Dieser einmalige fe tliche Stoß giebt den einzelnen Materiepartikeln Kegel­schnittbahnen von allen dankbaren Formen, in denen jedoch die elliptischen vorwalten müssen, weil der Nebel als solcher bestehen bleibt. Wir stellen uns also vor, daß in dem Nebel die noch ziemlich freien Atome sehr große Bahnen beschreiben, die den Bahnen der Kometen unseres Sonnensystems ver­gleichbar sind. Es darf von vornherein wohl selbstverständlich erscheinen, daß die Bewegungen, die wir an den großen Weltkörpern dem Wesen nach bemerken, auch bei dem aller­kleinsten Massenansammlungen bis zu den Atomen herab wiedergefunden werden müssen, solange diese sich im übrigen frei bewegen können. Es wird also im Folgenden unsere Aufgabe sein, in das Gewirr von Kegelschnittbewegungen, mit welchen die kleinsten Theile eines Nebels von der Aus­dehnung eines Weltsystems durcheinander schwirren, die Ordnung zu bringen, die wir in den verschiedenen Theilen des Himmels­raumes augenblicklich wahrnehmen.

Wie die Berdichtungsarbeit eines sich selbst überlaffenen Nebels beginnt und fortschreitet, haben wie bereits gesehen. Es ist auch leicht zu zeigen, daß der Nebel dabei allmählich Kugelform annehmen muß. Die ungewöhnlich weit über das Schwercentrum hinausreichenden Bahnen der Maffentheilchen müssen große Excentricitäten haben, d. h. in ihrem Perihel, wenn es erlaubt ist, diesen Ausdruck schon jetzt anzuwenden, dem dichtesten Theil des Nebels sehr nahekommen, bevor ihre Bewegung den größten Widerstand erfährt. Die hier sich häufenden Störungen verringern beständig die Excentricität, und erst wenn aus den elliptischen nahezu Kreisbahnen ge­worden sind, finden keine Störungen mehr statt. Sind aber alle Bahnen kreisförmig und alle Lagen derselben gleich wahrscheinlich, so ist dadurch ein kugelförmiger Nebel geschaffen.

Ursprünglich müssen auch alle Bewegungsrichtungen, also rechtläustge und rückläufige, wahrscheinlich sein- der Nebel besitzt keine Rotation. Seine Verdichtung schreitet aber deffenungeachtet beständig fort- weil unter dieser Voraussetzung ganz in der Nähe eines in einer bestimmten Entfernung vom Centrum rechtläufig kreisenden Maffen- theilchens auch ein rückläufiges vorhanden ist, mit dem es leicht Gelegenheit bekommen kann, zusammenzustoßen, wodurch die Bewegungsenergie der collidirenden Körper aufgehoben wird und beide vereint gegen das Centrum fallen müssen. Sind genau ebensoviel rechtläufige wie rückläufige Partikel vorhanden, eine Annahme, die etwas Absolutes und deshalb in der Welt sicher nicht ganz Verwirkliches enthält, so kann mit dem Körper weiter nichts geschehen, wenn er von außen keiner neuen Einwirkung ausgesetzt wtrd. Alle rechtläufigen