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durch den betäubenden Lärm, der empordrang, klang ihm die Stimme der Mutter, die ihn mahnte, nach dem Landstädtchen zu kommen, wo sie sich als Wittwe niedergelassen, von wo aus eine feierliche Aufforderung des Magistrats an ihn ergangen war.
Ja, nun war es einmal geschehen, nun kam es ihm feige vor, die Flinte ins Korn zu werfen. Und dann — endlich mußte der Erfolg kommen. Er sah ja andere Collegen ihn zwingen! Freilich, die Einen heiratheten Professorentöchter und wurden Assistenten ihrer berühmten und einflußreichen Schwiegerväter. Andere führten Erbinnen heim, so kamen sie zu Geld und Familienbeziehungen, die ihnen eine Praxis verschafften. „Aerzte und Rechtsanwälte sind die gesuchtesten Artikel auf dem Heirathsmarkt," hatte ihm noch kürzlich ein College gesagt, und ihm ermnthigend auf die Schulter geklopft.
Er sah sich in dem Zimmer um — wohlig aber einfach, so abweichend von der augenbestechenden Einrichtung so vieler Aerzte — ja, wenn er wollte! Aber eine Verbindung aus Berechnung schließen? er, der Sohn seiner Eltern, die sich in inniger Liebe gefunden, für dieselbe gestritten und sie als höchstes Lebensglück gepriesen hatten?
Da malte er in sein Buch „Fräulein von Arabin" und strich den Namen so lange durch, bis gar nichts mehr daraus zu lesen war.
Die Kubaitz trat ein.
„Guten Abend, Herr Doctor!"
„Sie?" und nun zog er noch einen dicken Strich über das Geschriebene hin.
„So schnell, wie ich nur gekonnt habe," keuchte sie. „Hier ist der Brief!" Damit holte sie feierlich das Couvert unter ihrem rothbraunen Tuch hervor und legte es auf die Kante des Tisches. Die Tinte war nämlich noch naß.
Er hielt seine Blicke eine Sccunde lang auf die festen Schriftzüge, die ihm unbekannt waren, gerichtet, während die Botin mit lächelnder Miene dabei stand.
Als er geöffnet hatte, fielen ihm drei Goldstücke entgegen.
„Mit bestem Dank für die ärztliche Behandlung des Barons Arabins einliegendes Honorar von vierzig Mark, sowie die Rückerstattung der an Frau Kabaitz verauslagten Summe.
Hochachtungsvoll
Jacqueline d'Aarabin-Reville."
„Ah!" Er stützte den Kopf auf die Hand und sah unverwandt auf die Zeilen, als habe er Mühe, Buchstaben um Buchstaben zu entziffern.
„Ist was zu bestellen, Herr Doctor?" fragte endlich die Wittwe.
„Nein!"
Wieder eine Pause.
„Vielleicht was mitzunehmen?"
„Nein!"
Ticktak machte die große Schlaguhr einige Mal, dann kam die Kubaitz wieder ein paar Schritte vor. „Das muß ein Jeder sagen, Herr Doctor, daß man sie gern haben kann, das Fräulein nämlich —"
Keine Antwort — er hatte die Mappe über das Geld gerückt.
Und wissen Sie, schwatzen und austragen is bei der Kubaitzen nich — die Hand ins Feuer, Herr Doctor! Privatangelegenheiten sind Privatangelegenheiten, fünfzehn Jahre sind Kubaitz und ich Portiers in Berlin gewesen, von einem Hause ins andere, da lernt man die Welt besser kennen, als wenn Einer Seereisen macht. Darauf können Sie sich verlassen!"
Er hob den Kopf: „Sind Sie denn noch immmer da?" „Nein, ich meinte ja man — und nun gute Nacht, Herr Doctor!"
Ec zerknitterte den Brief, als die Thür ins Schloß gefallen war und glättete ihn dann wieder sorgsam —
„Arme Jacqueline — arme, einsame Line, das mußte ich ihr anthun? Und kann und darf mich nicht vertheidigen —" * * *
Der Geruch von Waschlauge erfüllte den Corridor der Kubaitzenschen Wohnung. Die Küche, welche hart neben der Eingangsthür lag, war geöffnet — auf vem Heerde derselben brodelte es in einem großen Kessel, ein Waschfaß stand auf einem Holzgestell, die beiden Frauen, welche daran hantirt hatten, waren jetzt davon zurückgetreten. Die eine saß bereits an dem mit Wachstuch belegten Tische vor der Kaffeetasse, die andere trocknete den Seifenschaum von den bloßen Armen. „Schenk Dir ein, Henzen, schenk ein, wer arbeitet, will auch essen."
„Ich bin so frei, Kubaitzen!" Dann nahm sie einen tüchtigen Schluck und seufzte: „Plagen muß sich Unsereins ja nun wohl bis an sein Lebensende. Und wenn man denkt, daß wirs besser anlegen konnten!"
Die Hausfrau rückte einen Brettstuhl an den Tisch.
„Was meinst Du denn eigentlich damit?" fragte sie.
„Wir sind mal ein paar ansehnlich; Mädchen gewesen, in Cottbus," sagte die Henzen.
(Fortsetzung folgt.)
Die Entwickelungsgeschichte der Wetten.
Haben wir es in den vorstehenden Betrachtungen versucht, uns ein anschauliches Bild von der Wirkung und Fortpflanzung der U iversalkraft zu verschaffen, welche die Bewegungen der Myriaden von Weltkörpern im endlosen Raum, auch ihre inneren Bewegungen, durch die sie sich allmählich zusammenziehen und Licht und Wärme ausstrahlen, hervorruft und damit ohne Zweifel den Gestirnen ihren Entwickelungsgang vorschreibt, so bleibt uns doch noch die Entstehung jener anderen Bewegungsart unerklärt, durch welche die kreisenden W-ltkörpcr der Gravitationskraft die Wage halten, wir meinen die Centrifugalkraft. Diese trägt jedoch den Namen einer Kraft mit Unrecht, denn es bedarf nur eines einmaligen Anstoßes, um unter dem Einfluß der Schwerewirkung die Kegelschnitte zu erzeugen. Die tangentiale Bewegung würde bis in alle Ewigkeit bestehen bleiben, wenn die Schwerkraft aufhörte- ein Planet würde also, könnte man die Sonne plötzlich verschwinden laffen, bis in alle Ewigkeiten geradlinig weiterfliegen, wenn nirgends im Universum irgend eine Kraft noch weiter auf ihn wirkte. Es handelt sich also, wenn man die Bewegungen der Materie im Weltgebäude verstehen will, nur noch darum, die Ursache des einmaligen Anstoßes, der irgendwann in den Vorzeiten der Entwickelungsgeschichte der Weltsysteme eingetreten sein kann, aufznfinden.
Wie haben wir uns also die Entwickelungsgeschichte der Welten zu denken? Außerordentlich viele Hypothesen sind hierüber aufgestellt worden, meist von Leuten, denen es an dem nöthigen Ueberblick der erklärungsbedürftigen Thatsachen und ost auch an jener Klarheit des Gedankenganges fehlte, welche bei Ausstellung von Hypothesen mehr' als bei irgend einer anderen Geistesarbeit erforderlich ist, um nicht in die bedenklichsten, von ihren Urhebern aber nicht als solche erkannten Irrwege verwickelt zu werden. Es giebt nichts Leichteres, als für, eine beobachtete Wahrnehmung irgend eine Ursache vorauszusetzen, welche sie erklären soll, und dann sür alle anderen Wahrnehmungen immer wieder neue Ursachen zu finden. Von einer guten Hypothese dagegen verlangt man, daß sie bei möglichst wenigen Voraussetzungen möglichst alle Erscheinungen des betreffenden Wahrnehmungskreises erklärend miteinander in Zusammenhang bringt. Von dem Aussteller der Hypothese ist also in erster Linie zu verlangen, daß er alle in Betracht kommenden Erscheinungen völlig beherrscht.


