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Der Kammerdiener meldete Schulze, und Karl August läßt ihn eintreten.
Karl August: Was willst Du, Schulze?
Schulze: Vorspann, Durchlaucht, Vorspann will ich bezahlen und mich bedanken. ,
Karl August: Schon gut, Schulze, wenns wieder so trifft, hänge ich Dir wieder vor.
Schulze: Na, Durchlaucht, wenn Sie auch mit Gewalt nichts nehmen wollen, — da, so bringe ich wenigstens ein Paar schöne Erfurter Rettige, — und dabei zog er einige mächtige Rettige aus der Tasche, die der „Alte," der gern etwas Pikantes aß, dankend annahm. —
Ja, ja, — vor hundert Jahren sah's anders aus!
Belohnung. Schmierendirector: „Wer heute am bravsten spielt, kriegt morgen die Rolle, in welcher er auf der Bühne eine Leberwurst zu verzehren hat!"
Redaktion: I. V.^ermann «llc. Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.
Literarisches.
Die Kinderstube", Organ des Fröbel-Oberlin-Verein« in ! Berlin hat eine ebenso originelle, wie practische Idee zur Ausführung ; gebracht. Sie veröffentlicht in einer ihrer letzten Nummern eine Anzahl i ,,--recepte für die Puppenküche," durch deren Benutzung unserer weib- ' Nchen Jugend nicht nur eine der angenehmsten Unterhaltungen geboten, ; sondern frühzeitig der Sinn für die Hauptthätigleit in der Küche, für das Kochen angeregt wird. Diese R-cepte werden überall da, wo das Christkind kleine Puppenküchen bescheerte, gewiß practische Verwendung finden; daß in denselben die Verwendung von LiebigS Fleisch-Extract, es möge hier auf die vorgesehene Bereitung von Fleischbrühe und Sauce hinaewiesen werden, empfohlen wird, beweist wieder, wie allgemein die Anerkennung dieses trefflichen Genußmittels sich Bahn gebrochen hat.
ben einer Seite zur andern gelangen konnte, wenn man trockene Füße behalten wollte- GraS wucherte allenthalben und der Unrath lag vor den Häusern haufenweise. Eme Straßenordnung war damals noch ein unbekanntes Ding. Bis zu den Thoren war eine leidliche Pflasterung vorhanden, aber in der Peripherie der Stadt und den Vororten watete man buchstäblich bis an die Knöchel im Koche. — ®te Chaussee reichte bis Nohra, dem ersten kurmainzischen Dorfe, von da begann Feldweg, und im Sommer, bei Gewittern und Regengüssen war derselbe schwer, im Winter aber gänzlich unfahrbar. In Weimar lebte also zu jener Zeit ein Botenfuhrmann mit Namen Schulze, dieser war Gemüsehändler und besorgte mit seinem Geschirr die Commissionen. Jede Woche fuhr er nach Erfurt und brachte dann Gemüse und anderes nach Weimar. Er stand sich dabei sehr gut, denn zu jener Zeit wurde die Residenz noch nicht von allen Seiten mit derartigen Sachen versorgt. War das Wetter out, so gab es keinen bessern Weg als den von Erfurt nach Weimar, aber mit Schrecken dachte jeder Fuhrmann daran, wenn Regengüsse den Boden ausgeweicht hatten.
Es war ein schwüler Sommertag; der Himmel bedeckte sich mit drohenden Gewitterwolken und Schulze fuhr mit feinem zehnjährigen Sohne zum Thore hinaus gen Erfurt, um noch am Abend wieder nach Weimar zurückzukehren. Kaum hatte er die Stadt im Rücken, als sich ein so heftiges Gewitter entlud, daß nach kurzer Zeit die Räder immer tiefer in den schon ohnedies weichen Boden einschnitten, — öei Wagen war beladen und endlich, trotz, Prügeln und Schreien, brachten die Pferde den Wagen nicht mehr von der Stelle. Der Alte überlegte mit seinem Jungen, was da zu thun sei, aber da war guter Rath theuer, denn es wetterte ganz niedlich weiter.
Als sie nun beide rathlos dastanden, kam desselben Weges eine offene Chaise, in welcher ein Herr, in einen Mantel gehüllt, saß, vorne drauf ein Diener und Kutscher.
„Wer ist der Kerl, der dort stecken geblieben ist? fragte der Herr.
„Durchlaucht," erwiderte der Diener, „daS ist unser Gemüsehändler Schulze, der Botenfuhrmann."
„So! Na, dann spann' 'mal ab (die Chaise war vierspännig) und häng' ihm vor, meinen Wagen könnt Ihr so lang hinten anbinden, so komme ich auch gleich mit fort.
Kutscher und Diener gehorchten- in wenigen Minuten wurde der Wagen von den mnthigen Pferden in Bewegung gesetzt bis dahin, wo der Boden fest war. Es war Karl August, Herzog von Sachsen-Weimar, der Freund Göthes. Als sie oben angekommen waren, sagte er zu Schulze: „Nimm Dich zusammen, daß Du nicht wieder stecken bleibst, denn Du könntest so leicht nicht wieder Vorspann bekommen.
„Durchlaucht," rief Schulze, „den Vorspann bleib ich
schuldig."
In Nohra, dem nächsten Dorfe, wechselte Karl Augmt die Pferde, die hier bereit standen, und der Kutscher ließ die Thiere verschnaufen und Heu fressm. Indessen kam Schulze auch an; er wollte dem Kutscher ein Trinkgeld geben, dieser aber lehnte mit den Worten ab: „Laßt nur, Schulze, der „Alte" hat'S schon gut gemacht."
Am nächsten Sonntag Morgen zog Schulze seinen besten Rock an und ging zum Fürstenhause, das Schloß war damals noch nicht fertig, und meldete sich beim dienstthuenden Kammerdiener. Zwischen beiden entspann sich folgende Unter»
Kammerdiener: Was willst Du, Schulze?
Schulze: Ich will Durchlaucht meinen Vorspann be zahlen - er hat mir letzten Freitag vorgehängt.
Kammerdiener: Kerl, bist Du toll?
Schulze: Ne, noch nicht — er hat mir vorgehängt!
VcviiEehtes.
Die Kaiserin als Rosenfreundin. Die „Wiener Mode" bringt folgende interessante Notiz: (Wie das berg- entstammle Edelweiß die Lieblingsblume Seiner Majestät des Kaisers seit dessen Jünglingsjahren ist, so widmet Ihre Majestät die Kafienu ihre Gunst der edelsten und stolzesten aller Blumen: der Rose. Beim „Achilleion"-Schlosse auf Corfu ist Über Geheiß der hohen Frau ein eigener Rosenpark angelegt worden. Im Parke des stillschönen Lainzer Lustschlosses, dessen entzückende Bosquets sich vor den Blicken der neugieiigen Welt verbergen, sind Schlingrosen an den Säulen der telegraphischen und Lichtleitung zur Verkleidung verwendet. Nach einer ungefähren, dabei aber durchaus authentischen Schätzung sind im Lainzer Parke nicht weniger als 400000 Rosenstöcke zur Decoration verwendet. Auch in den mit vornehmer Einfachheit eingerichteten Gemächern des Lainzer Lustschlosses sieht man, zur Zeit, da die Kaiserin in dem idyllischen Hause SSjour hält, erlesene Rosen überall zum Schmucke benützt. Dementsprechend mußte die ohnehin schon reiche Suite der in den altberühmten Gärten von Schönbrunn cultivirten Rosen in den letzen Jahren vergrößert und ergänzt werden. Derzeit besitzt Schönbrunn in einem eigenen neuen Glashause des Reservegartens an 1000 Rosenvarietäten, von denen die gerade in Blüthe befindlichen im Kaltraume des Schönbrunner Palmenhauses ausgestellt werden, oder abgeschnitten die Appartements der Kaiserin zieren. Bei Gelegenheit sei erwähnt, daß die Rose auch am Berliner Hofe sozusagen in Rang und Würde einer Hofblume eingesetzt wurde. Bei mehreren von Kaiser Wilhelm II. veranstalteten Festlichkeiten wurde der außerordentliche Aufwand an frischen Rosen bemerkt. Kaiser Wilhelm bevorzugt namentlich die vulgär als „Maschanillrose" bezeichnete Sorte, deren Name von Niemand Anderem als dem französischen Marschall und Kriegsminister Niel (also „Marechal Niel- Rose"!) herkommt. Auch Blumen haben ihre Schicksale.


