Ausgabe 
26.3.1898
 
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Doch wohl nicht, Herr Doctor," begann der Andere, z aber Holten ließ ihn nicht ausreden, sondern fiel ein: j

Ich bedauere aufrichtig, daß Sie sich vergeblich bemüht ! haben, mein Herr. Ich habe keinerlei Veranlassung, mein Leben zu versichern, denn ich bin ein ganz alleinstehender Mann."

Der werden Sie ja wohl nicht immer bleiben," ver­setzte mit berufsmäßiger Zuvorkommenheit der Versicherungs­beamte,Sie befinden sich jedoch im Jrrthum. Ich bin nicht zu Ihnen gekommen, um Sie aufzufordern, Ihr Leben zu versichern, obwohl ich einen solchen Auftrag selbstverständlich bereitwillig entgegennehmen würde."

Aber was führt Sie sonst zu mir?" fragte Doctor Holten nicht ohne Zeichen der Ungeduld.Verzeihen Sie, meine Zeit ist beschränkt, ich habe noch einige Krankenbesuche zu machen."

Ich werde mich so kurz wie möglich fassen," erwiderte Ringleb, ließ sich, ohne des Doctors Aufforderung abzuwarten, aber mit einer entschuldigenden Verbeugung auf den für die Patienten bereitstehenden Sessel nieder und sagte:Sie sind doch der Bruder des vor einigen Tagen in Rapshagen verstorbenen Fräuleins Anna Holten?"

Doctor Holten, der im Begriffe gewesen war, sich ebenfalls niederzulassen, blieb bei dieser Frage stehen, öffnete erstaunt die Augen und entgegnete:

Der bin ich allerdings, aber ich kann mir nicht denken, daß meine Schwester"

Es ist Ihnen allerdings nicht bekannt, daß Fräulein Holten ihr Leben bei uns versichert gehabt hat!" fiel Ringleb schnell ein.

Der Doctor machte eine so heftige Bewegung, daß der Stuhl, auf den er sich mit der Hand gestützt hatte, ein Stück weiter rückte.

Meine Schwester soll ihr Leben bei Ihnen versichert haben? Aber, mein Herr, das ist ja gar nicht denkbar. Wie sollte das junge, gesunde Mädchen auf den Einfall gekommen sein?"

Sie war verlobt m.d wollte nicht mit leeren Händen tn die Ehe kommen."

Und zu diesem Zwecke sollte ihr zukünftiger Gatte die Antwartschaft auf eine Erbschaft im Falle ihres Todes haben?"

So ist es, Herr Doctor, und zwar auf eine ganz ansehnliche. Das Leben Ihrer Fräulein Schwester ist mit Hunderttausend Mark bei uns versichert."

Doctor Holten fuhr sich mit den Händen in das Haar und über das Gesicht, als ob er sich überzeugen wolle, daß er wache und nicht träume und sagte dann:

Hunderttausend Mark! Verzeihen Sie, ich kann das immer noch nicht glauben"

Würde ich zu Ihnen kommen, um Ihnen eine solche Mittheilnng zu machen?" fragte Ringleb mit unerschütterlicher Gelassenheit.

Und Sie wollen mir nun mittheilen, daß ich Anspruch auf diese Summe habe?" schrie Doctor Holten mit einer Empörung, als würde ihm zugemuthet, einen Antheil an einem Straßenraub zu nehmen.Ich will mit der ganzen Sache nichts zu thun haben."

Sie brauchen sich nicht so zu wehren, Herr Doctor," erwiderte der Versicherungsbeamte mit einer Höflichkeit, die doch eine leise Beimischung von Spott hatte.Die ver­sicherte Summe bekommt nur Derjenige ausgezahlt, der im Besitze der Police ist, und das" er machte eine Kunst­pauseist im vorliegenden Fall der Herr Amtmann Daniel Göbener auf Rapshagen, der ja auch die Einzahlungen besorgt hat."

Stephan war mit einem Satz auf den Versicherungs­beamten zugesprungen. Ihn an beiden Schultern packend und schüttelnd, schrie, nein, keuchte er:

Was was sagen Sie da, mein Herr? Amt­

mann Göbener hat meine Schwester versichert? Die Summe von Hunderttausend Mark sällt ihm zu?"

Vielleicht können Sie darüber mit ihm prozessiren? Es ist nicht aussichtslos, die Sache zu bestreiten," entgegnete Ringleb und suchte sich den Händen des Doctors zu ent­ziehen, der aber schon beschämt von ihm abließ.

Sie sassen meine Erregung ganz falsch auf," sagte er, sich mühsam zur Ruhe zwingend,es handelt sich bei mir" nicht um den Besitz des Geldes, sondern um ganz andere Dinge."

Wie ermüdet setzte er sich in den Stuhl und fragte mit einer Stimme, die plötzlich rauh und heißer klang:

Amtmann Göbener aus Rapshagen hat meine Schwester versichert. Wann ist denn das geschehen?"

Im October vorigen Jahres."

Wo?"

In unserem Bureau in Stettin. Er hatte sich vorher schriftlich mit uns in Verbindung gesetzt und kam dann mit der jungen Dame, um sie von unserem Vertrauensarzt unter­suchen zu lassen und dann das Geschäft abzuschließen."

Und er gab an, daß meine Schwester die Verlobte seines Sohnes sei und er sie versichere, um um"

Ihr auf diese Weise eine Ar: Mitgift zu sichern, die im Falle ihres Todes ihrem Gatten und den auS dieser Che etwa entspringenden Kindern zu Gute kommen sollte," half Ringleb ein, da der Doctor vergeblich nach dem rechten Aus­druck zu suchen schien.

Wie verhielt sich denn meine Schwester dabei?"

O, sie war hocherfreut und dankbar, schien ein Herz und eine Seele mit dem Schwiegervater zu sein, der auch sehr liebevoll mit ihr umging."

Holten stieß ein kurzes, bitteres Lachen aus.Hatten Sie denn gar kein Bedenken gegen den Abschluß dieser Versicherung?" fragte er dann.

Wie sollten wir? Es war ja Alles in Ordnung und unser Vertrauensarzt, Doctor Köppen, hatte erklärt, Fräulein Holten könne, nach ihrer Constitutron zu urtheilen, hundert Jahre alt werden," antwortete Ringleb. Er hielt es sür übeiflüssig zu erwähnen, daß sein College Brenner allerdings Bedenken geäußert hatte, die von ihm verlacht worden waren.

Doctor Holten seufzte.Ein solches ärztliches Urtheil ist leider noch viel deutungsreicher als das Orakel von Delphi- mein College ist in diesem Falle in der glücklichsten Lage, nicht ad absurdum geführt werden zu können. Sie werden also dem Amtmann die versicherte Summe auszahlen?"

Ringleb räusperte sich.Das kann doch nicht so ohne Weiteres geschehen. Bei einem nicht natürlichen Tod pflegen wir die Auszahlung zunächst zu beanstanden und Erhebungen anzustellen. Der Herr Amtmann hat uns geschrieben, den Todtenschein und Abschrift des Protokolls über die gericht­liche Todtenschau eingeschickt und die Auszahlung der vollen Summe verlangt, ich bin jedoch vorher nach Greifswald ge­fahren, um unter der Hand Erhebungen einzuziehen und zunächst zu Ihnen gekommen, Herr Doctor."

Jetzt kommen Sie zu mir?" schrie Holten und sprang heftig auf.Jetzt, wo das Unglück geschehen. Warum haben Sie sich nicht vorher an mich gewendet?"

Aber, Herr Doctor, wie konnte ich das? Herr Amt- I mann Göbener und seine künftige Schwiegertochter verlangten die strengste Geheimhaltung, die Verlobung sollte auch für die Geschwister des Brautpaares ein tiefes Geheimniß bleiben."

Und was wünschen Sie jetzt denn eigentlich von mir?"

Ihren Rath, Herr Doctor. Sie sind der nächste An­verwandte der verstorbenen jungen Dame. Es kann Ihnen nicht gleichgiltig sein, wenn durch einen Proceß deren Name noch verunglimpft werden sollte."

Herr, was wollen Sie damit sagen?" fuhr Doctor Holten auf.

Bitte, bitte, Herr Doctor, laffen Sie uns die Ange­legenheit ruhig behandeln," sagte Ringleb beschwichtigend.