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offnung einer bessern Zeit Geht dem Unglück nie verloren; Mit dem Kummer, mit dem Leid Mrd zugleich der Trost geboren.
Der Amtmann von Rapshagen.
Criminal-Roman von F. Arnefeld.
(Fortsetzung.)
XVII.
Seit dem Unglücksfalle, welcher das blühende Leben Anna Hottens so urplötzlich vernichtet hatte, waren mehrere Tage vergangen. Das bedauernswerthe Mädchen ruhte in ihrem frühen Grabe, und die durch das traurige Ereigniß hervorgerufene große Erregung in der Umgegend hatte sich bereits wieder beruhigt. Die Verstorbene war nur von Wenigen gekannt gewesen, das Interesse an ihr konnte daher nur ein vorübergehendes sein, zumal sich nichts ergab, wo- ’ durch der Vorfall irgend einen sensationellen Beigeschmack hätte erhalten können.
Auch Doctor Holten hatte nichts herauszubringen vermocht, was geeignet gewesen wäre, die Angaben des alten Göbener über den Hergang der Dinge Lügen zu strafen. Die Leiche war gerichtlich untersucht und einfach Tod durch Ertrinken festgestellt, in dieser Form auch der Todtenschein > abgefaßt worden. Er neigte sich jetzt der Ansicht zu, seine f Schwester habe ihrem Leben freiwillig ein Ende gemacht, ; besonders da ihm bei seinen vorsichtigen Erkundigungen bei den Dienstboten die Mittheilung gemacht worden war, das Fräulein sei in der letzten Zeit immer traurig gewesen und mager geworden.
Anneliese, welche das gute Fräulein Annchen sehr lieb gehabt zu haben schien, erzählte außerdem noch:
„Ich hatte ja lange gemerkt, wie es zwischen dem Fräulein und unserem jungen Herrn stand, wenn ich auch nicht so that, denn mit unserem Herrn Amtmann ist nicht zu spassen. Herr Adolf kam alle paar Tage und war dann bei ihr, wo sich das nur machen ließ. In den letzten Monaten war das aber anders geworden, er ließ sich nur selten sehen und war nicht mehr wie früher. Das Fräulein hatte oft rothgeweinte Augen und mußte Wohl im Stillen klagen, denn
der Papagei, der ihr immer Alles nachschwatzte, schrie jetzt sehr oft: Er liebt nicht mehr! Er liebt nicht mehr!"
„Er liebt nicht mehr!" wiederholte Doctor Holten, ! nachdem er sich bei der Magd für die Mittheilung bedankt i und sich wieder allein gesehen hatte, „seine Untreue hat sie ’ in den Tod getrieben!"
Ein namenloser Groll gegen Adolf Göbener brütete in ; seiner Brust, aber er mußte ihn in sich verschließen. Es ; hieß die tobte Schwester schmähen, wenn er, wie er anfänglich ■ beabsicht-gt, Adolf zum Duell forderte, denn, sobald er dessen i Untreue an die Oeffenttichkeit zog, legte er klar, was Anna : veranlaßt haben konnte, e-nen Selbstmord zu begehen. Das \ mußte vermieden werden, nur im Stillen konnte er dem i Wortbrüchigen seine namenlose Verachtung darthnn.
Es war dem Doctor nichts übrig geblieben, als zu j seiner regelmäßigen Berufsthätigkeit zurückzukehren.
i An einem Nachmittage im Beginn der Woche nach dem Tode der Schwester hatte er seine Sprechstunde abgehalten. Der letzte der Patienten, welche sich noch immer nicht allzu zahlreich einzuftnden pflegten, hatte sich entfernt, Stephan trug Einiges in sein Journal ein und beabsichtigte alsdann auszugehen, um einige Krankenbesuche zu machen, da ertönte noch einmal die Klingel. Gleich daran! ward die Thür des Wartezimmers geöffnet und er hörte seine Wirthin sagen: „Gehen Sie nur in das Sprechzimmer, mein Herr.
Der Herr Doctor ist noch zu Hause und allein."
Doctor Holten stand auf, öffnete die nach dem Wartezimmer führende Thür und erblickte einen sehr sorgfältig, ja, beinahe stutzerhaft gekleideten Herrn in den besten Jahren, in dessen blühendem Aussehen auch der scharfblickendste Arzt keine Spur irgend eines Leidens zu erblicken vermocht hätte. Durch eine Handbewegung lud er ihn ein, näher zu treten, schloß hinter ihm die Thür und wollte sich soeben erkundigen, womit er ihm dienen könne, als ihm der Fremde zuvor kam und in sehr artigem Tone sagte:
„Herr Docror Holten, ich komme nicht, um Ihren ärztlichen Rath einzuholen,- es ist eine andere Angelegenheit, welche mich zu Ihnen führt. Erlauben Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle."
Er überreichte Stephan eine große Visitenkarte und dieser las:
„Otto Ringlcb, Beamter der Lebensverstcherungsbank „Vorsicht", Stettin."
Ein Lächeln erhellte das jetzt immer recht ernste Gesicht des Doctors.
„Ah, ich verstehe!" sagte er.


