Ausgabe 
26.2.1898
 
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Ach, Daniel, das wäre ja sehr, sehr gut, das würde mich herzlich freuen!" ries die Frau mit großer Lebhaftigkeit und faltete die Hände.

Er sah sie mit einem Blicke an, der sie völlig ein­schüchterte und fragte langsam:

Warum denn? Was hast Du Dich darüber zu freuen?"

Ich meinte ich fürchtete, der Amtsrath und Meta könnten doch denken, daß Adolf" stammelte sie und mit ärgerlichem Lachen fiel Göbener ein:

Ach, Du denkst, die wird sich um Deinen Jungen tobt grämen und der Amtsrath raust sich die Haare aus, weil er nun keinen Schwiegersohn für seine hübsche, reiche Tochter findet?"

Das nicht- es war aber so oft davon die Rede, daß aus den Kindern ein Paar werden sollte," entschuldigte sich die Frau.

Na, ist's etwa meine Schuld, daß nichts daraus wird?" fragte der Amtmann grob.Mir wäre die Meta schon recht gewesen, aber Ihr habt ja alles Mögliche gethan, daß nichts aus der Sache wurde. Adolf hat sich gar nicht mehr um Wenzels gekümmert, seit ihm Anna im Kopfe steckt. Läßt sich von dem Streber, dem Stephan, die reiche Braut vor der Nase wegschnappen und nimmt dessen bettelarme Schwester."

Aber Daniel, das ist doch nun abgethan," sagte die Frau, die gern noch mehr über Holten und Meta Wenzel gehört hätte, es aber doch für gerathen hielt, von dem gefährlichen Thema abzulenken.

Du memst, weil ich die Dummheit zugegeben habe, dürfe ich auch nicht mehr darüber schelten," entgegnete er kurz und rauh.Da solltest Du mich doch besser kennen. Den Mund lasse ich mir nicht verbieten. Hören sollen sie's jeden Tag und jede Stunde, damit sie nicht übermüthig werden und immer hübsch zu Kreuze kriegen."

Frau Göbener seufzte.

Zu Kreuze kriegen! Das war ihr Loos gewesen, so lange sie neben dem Manne mit dem groben, gedrungenen Körperbau, den großen, harten Zügen und den kalten, ver­schlagenen Augen gelebt hatte, das war das Loos Aller, welche in einem Abhängigkettsverhältniß zu ihm standen und es nicht lösen konnten wie die Dienstboten, von denen selten einer längere Zeit auf Rapshagen aushielt,- das war auch das Loos, das sie noch für Jahre für den Sohn und Anna voraussab. Konnte sie es doch immer noch nicht fassen, daß Daniel überhaupt seine Zustimmung zu einer, wenn auch ganz geheinz zu haltenden Verlobung des Paares ge­geben hatte.

Auf dem Vorsaal wurden Stimmen laut und Göbener rief:Da kommen sie und wollen eine Rührscene mit Dir aufführen. Ich hab' von dem Kram heute schon mehr als genug und will lieber in die Scheune gehen und nach meinen Dreschern sehen. Sag' Anna, ich schenk' ihr den Dank, sie soll mich ungeschoren lassen."

Er entfernte sich durch eine Thür, welche derjenigen entgegengesetzt war, durch die im nächsten Augenblick Adolf und Anna Hand in Hand und mit glückstrahlenden Gesichtern eintraten.

III.

Während der alte Göbener sich zu seiner Frau begeben und dieser in seiner Weise die große Neuigkeit mitgetheilt hatte, hatte Adolf Anna aufgesucht, um ihr die Freuden­botschaft zu bringen.

Ein günstiger Zufall fügte es, daß er sie in dem sehr einfach, aber gefällig ausgestatteten Zimmer antraf, das ihr nebst der daranstoßenden Schlafkammer als Wohnung eingeräumt worden war.

Das Gutshaus Rapshagen war ein großer, weitläufiger Bau und enthielt eine ganze Anzahl unbenutzt stehender Räume, die selbst der Spürsinn des Amtmanns nicht ge­winnbringend zu machen wußte- es war daher selbst seinem

Geiz nicht als tadelnswerther Luxus erschienen, das junge Mädchen so bequem einzuquartiren.

Guten Morgen, Adolf!" rief dem Eintretenden schnarrend ein großer, grüner Papagei entgegen, der in einem halb offen stehenden Bauer saß- gleich wandte sich eine mittelgroße, schlanke Frauengestalt, die beschäftigt ge­wesen war, Wäsche in einen Commodenkasten zu packen, hastig zu ihm herum und eine wohllautende Stimme sagte vor­wurfsvoll aber sanft:

O Adolf, das ist nicht recht, ich habe Dich gebeten und Du hast mir versprochen, nie hierher zu kommen und"

Sie hielt plötzlich inne. Sein Gesicht hatte einen Ausdruck, der ihr kund geben mochte, daß es eine besondere Veranlassung war, welche ihn hergeführt hatte.

Schon hatte er denn auch die Thür hinter sich ge­schloffen und war, ihr die Arme entgegenbreitend, mit dem Jubelruf auf sie zugeeilt:

Anna, Anna, zürne nicht, ich bin ja so unaussprechlich glücklich. Mein Vater"

Der Lump, der Schelm!" kreischte der Papagei, die Beiden achteten jedoch nicht auf ihn. Anna stieß einen Schrei aus, ließ den Stoß frisch geplätteter Taschentücher, den sie in den Händen hielt, zu Boden fallen und sank dem Geliebten an die Brust.

Dein Vater willigt ein?" fragte sie mit halb erstickter Stimme.O mein Gott, wie danke ich Dir! Wie gut bist Du!"

Sich aus Adolfs Armen aufrichtend, faltete sie die schlanken, wohlgeformten, aber die Spuren harter Arbeit tragenden Hände und schlug die hellbraunen Augen wie betend zur Decke empor.

Unwiilkürlich folgte der junge Bauführer ihrem Beispiel und ein paar Minuten herrschte tiefe Sülle im Zimmer. Selbst der Papagei verhielt sich ruhig, als begreife er, daß er diesen feierlichen Augenblick durch sein Geschwätz nicht stören dürfe.

Anna strich sich ein paar Mal über die breite, niedere Stirn und das hellbraune, glattgescheitelte, am Hinterkopf zu einem schweren Flechtenknoten aufgesteckte Haar, als müsse sie durch eine solche Bewegung sich aus einer Traum­welt in die Wirklichkeit zurückrusen, ein süßes Lächeln um­spielte den lieblichen, aber blassen Mund und immer noch zaghaft fragte sie:

Adolf, sage mir doch, tote das gekommen tst!"

Weiß ich es denn selbst?" erwiderte Adolf Göbener, legte den Arm um die fein gerundeten, schön abfallenden Schultern des jungen Mädchens und führte sie zu dem mit geblümten Sitz überzogenen kleinen Sopha. Voll Zärtlichkeit in das reine Oval ihres Gesichtes mit dem mattweißen Teint und den anziehenden Zügen schauend, wiederholte er:

Weiß ich es? Du kennst ihn ja, man darf nicht viel fragen, sondern muß sich mit den Thatsachen abfindcn und die sind in diesem Falle sehr gut!'

Trau! Schau wem!" schrie der Papagei.

Still!" gebot der Bausührer, dem Papagei mit der Faust drohend und Anna sagte inbrünstig:

Er willigt ein! Er willigt ein! Das sollte mir genug sein, aber ich möchte doch mehr wissen. Was sagte er?"

Anna ist neugierig!" rief der Papagei.

Beide mußten lachen, schnell aber überflog ein Schatten das Gesicht des jungen Mannes, in dem die Stirn und die starkgebogene Nase, sowie die grauen Augen auf Intelligenz und Eigenwillen deuteten, während das jglatlgeschorene Kinn und der nur von einem dunkelblonden Bärtchen auf der Oberlippe bedeckte Mund auf keine allzugroße Beharrlichkeit schließen. Er konnte und wollte dem geliebten Mädchen die Worte des Vaters nicht wiederholen und antwortete ausweichend:

Du kennst ja seine Art. Ohne Brummen und Schelten hat wohl noch Niemand etwas von ihm verlangen können. Selbst meine Schwester Minna nicht, die bet ihm doch noch das Meiste