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Lollte der gefügige, lenksame Franz etwa ernstlich revoltiren und sie — oh Schmach — — dem Scandal einer aufgehobenen Verlobung preisgeben?
Ein Wagen fuhr vor. Lore und die Jungfer. Teßa machte ein mißmuthiges Gesicht. Sie hatte schon Besuch oder gar den Bräutigam erhofft.
Doch was war das? Lore kam nicht allein mit der Jungfer. Ihr zur Linken schritt eine schlanke, noch jugendlich elastisch Männergestalt. Harden! —
Wie fortgeweht war des Mädchens üble Laune. Ehe die Ankommenden ihrer gewahr werden konnten, schlüpfte sie in's nächste Zimmer und prüfte im Spiegel ihr Bild. Ein zufriedenes Lächeln huschte um ihre Lippen.
Das Mattblau des eleganten Morgenkleides stand ihr gut. Sie würde die Toilette nicht wechseln. Man überraschte sie ja, da konnte man sich doch nicht umkleiden; eine kleine Entschuldigung würde genügen! Sie setzte sich an den Flügel und präludirte. Jetzt nur kein aufdringlich lautes Spiel. Harden könnte die Absicht, nur überrascht zu scheinen, merken. —
Theodor von Harden zählte kaum dreißig Jahre- er war ein stattlicher Mann, der indes das Leben bereits reichlich genossen. Ihm waren nicht nur die Manieren und Gewohnheiten, die Moral eines Lebemannes eigen, er sah auch darnach aus. —
Ein Fremder hätte Harden trotz seines vornehmen stattlichen Aeußeren den Vierzig nahe gehalten.
Frau Lore, in einem Seidenkleide, sie trug meistens nur dunkelfarbige Seide, weil sie ihrer Meinung nach ihrer blonden Schönheit die beste Folie war, — rauschte, gefolgt von dem Cavalier, in's Gemach.
„Ah, Teßa! Du siehst, ich habe einen lieben Gast mitgebracht!"
Das Bräutchen that verwirrt- es stammelte eine Entschuldigung wegen der nicht salonfähigen Toilette. Die Schwester warf ihr keinen besonders zärtlichen Blick zu und lächelte spöttisch. Der junge Mann aber küßte der kleinen Schlauen galant die schöne Hand und betheuerte, er habe das Fräulein noch nie entzückender gefunden als gerade in diesem Costüm. —
„Ja, ja," seufzte er dann elegisch, „was doch das bräutliche Glück aus dem Menschen macht!"
Sofort glitt ein Zug der Trauer und des Schmerzes über TeßaZ Gesicht- wie zufällig wandte sie es dem Licht, dem sie es durch eine gewandte Stellung entzogen, wieder zu.
Harden mußte so doch sehen, daß das keine glückliche Braut war, die da mit dem Blick einer Märtyrerin in den nebligen Herbsttag hinausschaute. Und er sah es auch. Einige Secunden ruhte sein Blick forschend auf den vollen Zügen des Mädchens- dann glitt er zu Frau Lore hinüber, die sichtlich ungehalten die Knöpfe ihrer Handschuhe löste. Er wußte genug, und ein feines Lächeln, halb Spott, halb geschmeichelte Eitelkeit, zuckte um seine Gourmandlippen.
Männer dieser Art sind die gefährlichsten. Sie treiben ein schlaues, ein grausames, aber ein des Erfolges sicheres Spiel. —
Harden verstand sich auf dies Spiel. Er liebte die schöne, kühle Lore mit der blasirten Leidenschaft des Genußmenschen, die jüngere Schwester war ihm völlig gleichgültig- dennoch machte er ihr den Hof- er benutzte sie eben nur, um die Eifersucht der Aelteren zu wecken. —
Und Frau Lore, die Kühle, die personifizirte Vernunft, durchschaute nicht den Trick- sie war wirklich eifersüchtig auf die Schwester. Obwohl sie sich ihrer größeren Schönheit bewußt, fürchtete sie doch, Teßa könne, dank ihrer mädchenhaften Ueppigkeit, den Sieg davontragen, den Lebemann könne das Mädchen mehr als die Frau reizen. Teßa hingegen wußte sehr wohl, wie nahe sich Harden und die Schwester bereits standen- aber sie hatte, ehe sie sich Franz aufgezwungen, die Hoffnung gehegt, der Lebemann werde des Flirtens bald müde, zu ihr, dem reinen Mädchen zurück
kehren. Selbst jetzt noch, wo sie doch schon beS Vetters Verlobte, wollte sie den hübschen Schmetterling gänzlich fret- geben. Für den Nothsall war ihr selbst der Geliebte hrer Schwester als Gatte lieber, als ewig die „verfloffene Braut" zu spielen. So führten beide Frauen denn einen zwar stillen, aber darum nicht minder erbitterten Kampf um den hübschen Schmetterling. Daß er sie Beide durchschaute und sich im Geheimen über Beide ein wenig lustig machte, das ahnte wohl keine von ihnen. Heute hatte ent- chieden Frau Lore ihren schlechten Tag. Harden hatte zwar während ihres Beisammenseins in der Equipage den verliebten Galan ganz zur Zufriedenheit der schönen Frau gespielt- jetzt aber fand er kaum einen Blick für sie, wie sie sich voll innerer Empörung gestehen mußte. Er schien nur Auge und Ohr für Teßa zu haben.
„Die Kokette, die Falsche!" schalt sie heimlich, und die allzeit Kühle verlor ihre Ruhe- sie wurde nervös und bald war sie dem Weinen nahe. Sie liebte diesen Mann, der ihr den Verliebten und den Herrn zugleich zeigte- sie liebte ihn eben gerade seines Leichtsinnes, seiner guten Manieren, seiner Unmoralität halber.
Ein Anderer, ein Mann, der ihr vielleicht ein willenloser Sclave gewesen, ihr nie den Herrn gezeigt, hätte wohl kaum solche Macht über ihr Herz erlangt- aber Harden, der vor ihren Augen mit einer Anderen kokettirte, sie bald seinen reizenden Engel, seine blonde Fee nannte, bald kühl und fremd behandelte, hatte es verstanden, sie zu unterjochen. Im Grunde war sie seine Sclavin- er war ihr Herr und Meister. —
Während sie jetzt von einem Gegenstand zum Anderen wanderte, dort etwas zurechtschob, hier eine Falte an der Portiöre ordnete, sah sie mit scheelen Augen auf das tändelnde Paar. Ihre grauen Augen wurden schwarz vor Zorn- ihre Brust hob und senkte sich stürmisch- nur mit Mühe hielt sie an sich, damit sie keine Scene heraufbeschwor.
Die kalte Lore war wie verwandelt. Harden entging nichts. Er beobachtete genau, während er Teßa die Cour schnitt und sich dabei in eine immer heitere Stimmung hineinscherzte.
„Reizend, meine süße kleine Lore!" dachte er und nahm sich vor, die Eifersüchtige später durch eine verdoppelte Zärtlichkeit für die erduldeten Qualen zu entschädigen. Aus der Seele des gemarterten Weibes aber rang sich in dieser Stunde ein jäher Entschluß empor.
Mit einer Entschlossenheit in den Mienen und einer an ihre sonstige kühle Ruhe gemahnenden Haltung, trat sie zu dem Paar.
Der Schwester, wie zufällig den Rücken kehrend, sprach sie, ohne ein Zucken ihres Gesichtes, zu Harden gewandt:
„Ich werde mich in mein Zimmer zurückziehen. In einer halben Stunde erwarte ich Sie in meinem Boudoir!" ohne den verblüfft Dreinschauenden eine weitere Aufklärung zu geben, rauschte sie mit der Haltung einer Königin hinaus. —
Teßa war starr. Harden schien nachdenklich - aber der zufriedene Ausdruck schwand nicht aus seinen Zügen- er schien vielmehr, nachdem er eine Weile sinnend verharrt, in noch rosigerer Laune als vorher zu sein.
„So plaudern wir also die nächste halbe Stunde noch ein Bischen gemüthlich zusammen!" meinte er, Teßa, die sich erhoben, mit einer Handbewegung zum Platznehmen einladend- dem Mädchen aber schien plötzlich alle Lust vergangen zu sein, ihm die Zeit bis zur Audienzstunde zu verkürzen.
Mit einer durchsichtigen Ausrede entschuldigte und verabschiedete sie sich etwas hastig von ihm und ging auf ihr Zimmer, wo sie ihren Zorn gegen die Schwester, deren Handlungsweise sie zu durchschauen meinte, freien Lauf ließ.
Theodor, der schöne Theodor, wie ihn eine Dame der demi-monde getauft hatte, war beileibe nicht so dumm, eine halbe Stunde im Alleinsein verstreichen zu lassen, ehe er sich


