Ausgabe 
25.6.1898
 
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'arurn sich Geschmack und Genie so selten vereinen? Jener fürchtet die Kraft, dieses verachtet den Zaum.

Schiller.

Ina.

Novelle von S. Halm.

(Fortsetzung.)

Ihm mochten mancherlei Gedanken kommen. Den am wenigsten zutreffenden gab er Ausdruck.

Inas Hand in die seine nehmend, fragte er mit ge­dämpfter Stimme:

Ina, sagen Sie mir, that ich Unrecht, als ich Ihnen rieth, Ihre Verlobung rückgängig zu machen. Sprechen Sie ein Wort, ein einziges, ein schlichtesJa" und ich suche noch in dieser Stunde Franz auf! Er ist ein guter Junge und ich weiß, daß sein Herz, trotz seiner schnellen Verlobung mit Teßa, doch noch mit allen Fasern an Ihnen hängt. Sie schweigen, Ina? Kind, Sie verstehen, begreifen mich nicht! Lassen Sie sich sagen, daß mir das Gerede der Welt, Teßas Glück oder Unglück, nichts gilt, wenn der leiseste Wunsch von Ihnen meine Hülfe heischt. Sagen Sie mir, daß Sie Ihren Schritt bereuen, und ich führe Ihnen, jedes persönliche Gefühl, ja Vernunft und bessere Einsicht ignorirend, den Bräutigam zu."

Schwer athmend hing das Mädchen an seinem Arm. Ein Schwindel wollte sie befallen. Die Leidenschaft, die aus Gebhardts Worten vernehmlich an ihr Ohr schlug, seine Bereitwilligkeit, jedes persönliche Wünschen und Ver­langen für die Erfüllung ihres Wunsches zu opfern, ver­schaffte ihr den langersehnten und doch so gefürchteten Ein­blick in sein Herz. Es war Gewißheit er liebt sie. Ein Beben ging durch ihren Körper, die Zähne schlugen ihr im Froste aufeinander.

Ina!"

Sie war keines Wortes fähig, doch ihr Schweigen und der thränenverschleierte Blick, mit dem sie zu ihm aufsah, verriethen Gebhardt mehr denn Worte.

Er beugte sich zu ihr nieder.That ich recht?" Da nickte sie ihm durch Thränen lächelnd zu und er verstand dies schmerzlich selige Lächeln nur zu gut.

Ina, meine Ina, mein Mädchen!"

Gute Nacht, Herr Gebhardt! Ich danke Ihnen! | Wir sind zur Stelle!" Ohne einen Händedruck, oder ein > weiteres Wort, ohne sich umzuwenden, glitt sie durch die - Eisenpforte und verschwand gleich darauf den Blicken des ! Zurückbleibenden.

*

Die schöne Teßa war übler Laune- verschiedene Ursachen lagen dem zu Grunde. Bor Allem war da die Schneiderin, diese Person! Sie hatte es gewagt, Teßa, eine ihrer besten Kundinnen, schnöde mit der neuen Besuchstoilette, die Teßa doch nothwendtg bei ihren Brautvisiten, die der Bräutigam ohnehin so unverantwortlich lange hinausgeschoben, tragen mußte, im Stiche zu lassen. Dann hatte Lores Jungfer, die auch das Fräulein bedienen mußte, sie durch ihre Frech­heit und Langsamkeit geärgert, nebenbei hatte Teßa schlecht geschlafen und zu dem Allem kam noch, daß Franz, das sanfte Lamm", sich am gestrigen Abend zum reißenden Wolf aufgeworfen und ihr--Teßa war starr über eine

solche Infamie-- eine entsetzliche Scene gemacht

hatte und das Alles nur, weil sie und Lore einigezu­treffende" Bemerkungen über dasverflossene Fräulein Braut", jeneZigeunerin" fallen gelassen. Frau Lore hatte sich beim Aufzug des ungeahnten Unwetters in ihre Privat­gemächer zurückgezogen, über das Haupt der Schwester aber hatte sich das Gewitter entladen. Was nützte es Teßa, daß sie in eine Ohnmacht und darauf in einen Weinkrampf ver­fiel? Franz, dieserrücksichtslose, brutale" Mensch, war nicht einmal Zeuge davon gewesen und ihm allein galt doch die Comödie. Als sie sich herabgelassen, wieder zum Leben zurückzukehren, da hatte sie nur die spöttischen Gesichter des Schwagers und der Jungfer gesehen, von dem Urheber ihres Anfalles" aber war keine Spur mehr zu entdecken gewesen.

Wen konnte es wundern, wenn sie also heute Migräne und eine üble Laune hatte? Keinen! Sicher nicht! Das Unglück bei der Sache war nur, daß sich Niemand weiter um sie kümmerte, an dem sie ihren Groll auslassen konnte.

Der Schwager ging wie alltäglich seinen Geschäften nach und Frau Lore, die sich in der Frühe nach der Schwester Befinden erkundigt, sonst aber sichtlich die Uebellaunige mied, war in die Stadt gefahren und hatte gar noch obendrein die Jungfer mitgenommen, da es Einkäufe zu machen galt. So war Teßa denn sich selbst und nichts weniger denn an­genehmen Gedanken überlassen.

Der Postbote brachte ihr nicht, wie sie heimlich gehofft, einen reumüthigen Abbittebrief des Verlobten,- sie blieb in einer peinlichen Ungewißheit.