Ausgabe 
25.1.1898
 
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halber, unbewußter als besonders jene Erscheinungen des fin de sidcle, welche ein geistreicher Franzose mit dem Namen Demi-Vierges bezeichnet hat. Die Japanerin schmückt sich, um sich und den Anderen zu gefallen, aber mit derselben Harmlosigkeit entkleidet sie sich auch dieses Schmuckes und zeigt sich, wie die Natur sie geschaffen hat. Badet sie, so thut sie es offen und findet jedes Kleidungsstück vollständig für überflüssig; ist sie zu Hause, so wird sie, der heißen Sommer­zeit entsprechend, die langen Kimonos abwerfen und vielleicht nur einen Lendenschurz anbehalten- sie macht kein Geheimniß aus ihren Schönheitsmittelchen, aus Puder und Schminken, aus Pomaden und dergleichen- die Häuser, vornehmlich in den Landstädten und Dörfern, sind weit geöffnet, die Holz- und Papierwände sind zur Seite geschoben, um der Luft möglichst freien Durchzug zu gestatten, und das ganze Haus­wesen, bis zu den hintersten Räumlichkeiten, liegt dem Auge des Spaziergängers offen da. Kein Wunder, daß der Reisende, vielleicht ohne es zu wollen, in die ganze weibliche Intimität der japanischen Haushaltung eindringen kann und dort alles tausendmal unbehindert sieht, was ihm im Abend­lande immer streng verborgen bleibt. Er lernt die Japanerin nicht nur im Theater, im Theehause und auf Festlichkeiten kennen- er sieht sie bei ihren häuslichen Verrichtungen, bei der Toilette, ja selbst im Bade, und es kann ihm in den volksthümlichen Badeorten Japans, wie z. B. in Jkao, selbst begegnen, daß er bei seinem eigenen Bade von einigen reizenden Nymphen überrascht wird, die, ohne sich in ihrer Naivetät das geringste dabei zu denken, das Bad mit ihm theilen. Mit Ausnahme der Hauptstadt baden beide Ge­schlechter in ganz Japan gemeinsam in öffentlichen Bädern, und eben der Umstand, daß sie von frühester Jugend daran ebenso gewöhnt sind, wie es vor ihnen ihre Väter und Groß­väter waren, läßt ihnen das Befremden der Europäer darüber ganz unverständlich erscheinen.

Der Schnitt der japanischen Damenkleider ist bei Hoch und Niedrig, bei Armfund Reich, bei Jung und Alt, im ganzen Lande der gleiche, und überall sind auch die Kleidungsstücke dieselben. Die kleinen drei- bis fünfjährigen Püppchen, die mit ihren rasirten Schädeln auf den Veranden, vor den Häusern oder auf der Straße ihren fröhlichen Schabernack treiben, sind geradeso gekleidet wie ihre Großmama. Der einzige Unterschied liegt in der Gattung und Farbe der Stoffe. Wie die Aristokratin der vornehmsten Fürstenfamilie zottelt auch das Mädchen aus dem Volke auf plumpen, schweren Holzsandalen' einher, und ebenso wenig wie die letztere trägt auch die erstere jemals eine Kopfbedeckung, es sei denn im Winter bei kaltem Wetter. Dann wird bei Ausgängen eine Art Kapuze über den Kopf gezogen.

Beginnt die Japanerin der mittleren und oberen Stände ihre Toilette, so wird sie zuerst den Aumodschi, ein weißes Tuch von der Form und Breite unserer Handtücher, aber von der doppelten Länge, um die Hüften winden und dann einen ziemlich knapp sitzenden Bademantel aus zartem, hell­farbigem Seidenkrepp mit weiten Aermeln, den sogenannten Dschiban, anziehen. Dieses reizende, den ganzen Körper bis zu den Füßen leicht verhüllende Kleidungsstück vertritt bei den Töchtern Nipons unsere Hemden. Im Winter wird darüber noch ein zweites wollenes Unterkleid, Schitagi ge­nannt, getragen, im Sommer ober folgt auf den Dschiban gleich der Kimono, das äußere Kleid. Alle drei, Dschiban, Schitagi und Kimono, sind ganz von demselben Zuschnitt und paffen so genau in- und aufeinander wie die bekannten japanischen Schachteln. Der Kimono ist aber stets aus viel kostbarerem Stoff als die Unterkleider, und auf ihn wird von der Japanerin viel mehr Sorgfalt verwendet- denn an der Farbe, an dem Stoff und an der Ausschmückung des­selben erkennt man die gesellschaftliche Stellung, ja selbst das Alter der Trägerin. Zu Hause werden einfache Kimonos aus gewöhnlichen Stoffen getragen, für Ausgänge und Fest­

lichkeiten solche aus Seide oder Seidenkrepp, und für be­sondere Feierlichkeiten dienen Kimonos aus den kostbarsten, schwersten Brokatstoffen, in so herrlichen Mustern, mit so zarten und dabei reichen Stickereien, wie sie in Europa höchstens für die Prunkgewänder von Kirchenfürsten Ver­wendung finden. Wer in den achtziger Jahren das Glück gehabt hat, einer Festlichkeit bei Hofe beizuwohnen, wie etwa den berühmten Chrysanthemumfesten in den kaiserlichen Gärten, dem wird dasselbe wie ein Feenmärchen in der Erinnerung schweben. Inmitten des entzückendsten Blumen­flors, wo Zehntausende der herrlichsten Chrysanthemen in allen erdenklichen Farben im Sonnenlichte prangten, wogten Hunderte japanischer Damen, selbst blumengleich, auf und nieder, und ihre lang wallenden Kleider wetteiferten mit den Blumen an Farbenreichthum- nur verging jener der letzteren mit den kalten Wintertagen, während die Gewänder der japanischen Aristokratie für die Ewigkeit gewebt zu sein scheinen. Von Generation zu Generation wurden diese Ge­wänder fortererbt bis auf den heutigen Tag, wo eine kalte, herzlose Verordnung der japanischen Regierung sie fort becretirt hat, um sie durch die reizlosen Trachten der Euro­päerin zu ersetzen. Die Prachtkimonos, in Farbe und Zeich­nung wahre Gedichte, wanderten zn den Händlern und durch diese in die Museen und Privatsammlungen Europas, wo sie heute das Entzücken aller Kunstfreunde erregen. Jede vor­nehme Japanerin besaß eine ganze Auswahl solcher Prunk­gewänder für jede Jahreszeit. Standen die Pfirsich- und Kirschbäume in Blüthe, dann trug sie einen Kimono, über und über mit den gleichen Blüthen gestickt- kam die Zeit der Chrysanthemen, dann vertauschte sie dieses Gewand mit einem anderen, welches in zartester Seidenstickerei nur Chrysan­themen zeigte und so wechselten die Gewänder der Frauen, dieser menschlichen Blüthen, je nach den Blüthezeiten in der japanischen Flora. Aber nur bei Gesellschaften und festlichen Anlässen wurden und werden vielfach heute noch diese Ge­wänder getragen. Im gewöhnlichen Leben und auf der Straße sind die Kimonos der Damen viel einfacher, leichter, ruhiger in der Farbe, ohne Blumen und Stickereien. Die einzige Ausschmückung, welche diese Straßenkimonos zeigen, sind die auf dem Nacken und den Aermeln in weißer Farbe aufgestickten Wappen der Trägerin.

(Schluß folgt.)

GenrenrnNtziges.

Der Apfel. Die Frucht gewährt mehr Nahrungsstoff als die Kartoffel, die doch als Hauptnahrungsartikel gilt. Welch ein Wehruf geht durch das Land, wenn die Kartoffel­ernte zu mißrathen droht, und wie wenig spricht man darüber, wenn die Aepfel keine gute Ernte in Aussicht stellen, was eben bezeugt, wie wenig man diese Frucht zu schätzen weiß. Sie ist nicht nur nahrhafter als die Kartoffel, sondern ent­hält auch milde und angenehme Säuren, die auf den Körper wohlthätig wirken. Ein Apfeleffer wird an Verdauungsbe­schwerden ober an Halskrankheiten selten leiben. Der Apfel besitzt auch stärkenbe Eigenschaften unb enthält mehr Phosphor, als irgenb eine andere Pflanze. Deshalb ist er für Leute, welche in geistig aufgeregtem Zustande leben, besonders geeignet. Er regt das Gehirn und die Leber an. Er ist eine Hausfrucht, reichhaltig, schön unb fräftigenb, und heimelt uns mit seinen rothen Wangen wie keine andere Frucht an. Mit Ausnahme der Erdbeeren in ihrer Zeit könnten wir eben alle anderen Früchte entbehren. Und doch geht die Erdbeer- zeit vorüber, während der Apfel bei richtiger Aufbewahrung das ganze Jahr ausdauert, um uns durch seine eigenthürn- lichen, fäfteberbeffernben unb onregenben Eigenschaften zu erfreuen. Die Rolle, welche der Apfel spielt, kann durch keine andere Frucht ausgefüllt werden.

Stbactien: A. Ech*tzda. Druck und Berlag der Brühl'schen UuiversttätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.