Ausgabe 
25.1.1898
 
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ernsten, nachdenklichen Miene dasitzen. Ich habe das schon vorhin bei Tisch bemerkt."

Otto erröthete theils unter der Wirkung der schmeichel­haften Wahrnehmung, daß sich die Tochter des Kammer­gerichtsraths im Stillen mit ihm beschäftigt hatte, theils aus wirklicher Verlegenheit.

Ich .... das Examen, gnädiges Fräulein," stammelte er befangen.

Glauben Sie ihm nicht, gnädiges Fräulein," fiel Wattenfeld mit seinem boshaften Lächeln ein.Das Examen ist es nicht, das ihm Kopfschmerzen verursacht. Der College quält sich wahrscheinlich im Stillen mit der Frage, wo er heute Nacht sein geehrtes, müdes Haupt betten fall."

Es war kein besonders freundlicher Blick, den die Tochter des Haases auf den Sprechenden richtete. Von allen jungen Herren, die im Hause ihres Vaters verkehrten, war ihr keiner so unsympathisch wie Referendar Wattenfeld. Sie hatte in der Nähe des ewig Ironischen, der in seinem Aussehen und in seinem Wesen, obgleich erst sechsundzwanzig Jahre zählte, nichts Jugendliches mehr hatte, immer ein instinctives Gefühl des Unbehagens. Der gelblich-graue Teint seines Gesichtes, die tiefliegenden, kleinen, spöttischen Augen, der bereits ziemlich kahle Schädel machten ihn im Verein mit der schlotterigen, hageren Gestalt zu einer nichts weniger als angenehmen Erscheinung.

Der College besitzt nämlich zwei Zimmer," erklärte Wattenfeld auf den fragenden Blick des Fräuleins,eins in der Nähe des Kammergerichts, das andere bei seinen Eltern auf dem Gesundbrunnen und nun entspinnt sich jeden Abend ein heftiger Kampf in seiner Brust zwischen der An­hänglichkeit an das alte und seiner Neigung für das neue Zimmer, das natürlich für ihn viel bequemer zu erreichen ist."

Kennen das gnädige Fräulein den Gesundbrunnen?" fiel hier Herr von Markwald ein, der jede Gelegenheit, sich in das Gespräch zu mischen und sich geistreich zu zeigen, wahrnahm. Die Gefragte verneinte.

Nicht?" fuhr der Geck mit affectirtem Humor fort. Da können das gnädige Fräulein, von Glück sagen. Mir ist die Bekanntschaft nicht erspart geblieben. Ich denke noch mit Schrecken an meine Expedition nach dem hohen Norden. Ich sage Ihnen, gnädiges Fräulein, eine so gottverlassene Gegend giebt es in ganz Berlin nicht mehr."

Sie vergessen, daß Herrn Kösters Eltern in dem Stadttheil wohnen," entgegnete Fräulein Göring in einem deutlich zurechtweisenden Ton,mithin dürfte der Gesund­brunnen für Herrn Köster nicht so ganz reizlos und gott­verlassen sein."

Die Herren Wattenfeld und Markwald blickten ein wenig vor sich hin, während Assessor Schilling der jungen Dame höflich zustimmte:Gewiß, gnädiges Fräulein haben ganz recht. Wo Dir's gut geht, da ist dein Vaterland, heißt ein altes Sprichwort. Ich möchte dasselbe umdrehen und sagen: Wo man sein Heim hat, da fühlt man sich wohl."

Fräulein Göring bedachte den Sprechenden mit einem lobenden Kopfnicken und wandte sich dann wieder an Otto mit der Frage:Besitzen Sie noch Ihre beiden Eltern, Herr Köster?"

Jawohl, gnädiges Fräulein," beeilte sich dieser zu er­widern,Vater und Mutter."

Da können Sie sich glücklich schätzen, da beneide ich Sie, Herr Köster," rief das junge Mädchen und eine warme Empfindung röthete ihr die Wangen.Es ist zwar schon eine lange Zeit her, daß ich nicht mehr das Glück habe, eine Mutter zu haben. Aber ick erinnere mich noch sehr gut, ein wie köstliches Gefühl es ist, sich täglich, stündlich von der nie rastenden Mutterliebe umgeben zu sehen."

Otto hatte sich den ganzen Abend über in einer ganz scheußlichen Stimmung befunden. Die verwünschten Geld­sorgen drückten ihn nieder. Der Geldmann, dessen Gefällig­keit er und Markwald neuerdings in Anspruch genommen, war kürzlich nur mit der größten Mühe dazu zu bewegen

gewesen, noch einmal zu prolongiren, aber er hatte mit aller Entschiedenheit erklärt, daß es das letzte Mal und daß in drei Monaten die fälligen Wechsel bezahlt werden müßten. Bis zum Assessorexamen aber waren noch beinahe vier Monate. Die unablässigen Seelenkämpfe hatten ihn schon ganz mürbe gemacht und ihn in eine elegische Gemüths- stimmung versetzt. Die freundlichen und herzlichen Worte des jungen Mädchens berührten eine verwandte Saite in seinem Innern. Das, was seine Mutter bereits für ihn gethan und wahrscheinlich in nächster Zukunft für ihn thun würde, leuchtete wie ein Blitz in seinem Bewußtsein auf und in einer wirklichen Gefühlsaufwallung, die er sich sonst im Kreise der Herren Markwald und Wattenfeld schon fast ab­gewöhnt hatte, entgegnete er:Ja, es ist wahr, gnädigstes Fräulein, die edelste und zugleich stärkste unter allen mensch­lichen Empfindungen ist die Mutterliebe. Ich speciell habe meiner Mutter unendlich viel zu verdanken."

Ottos und Constanzes Blicke hingen eine Secunde lang ineinander und ihre Seelen begegneten sich in demselben Gefühl.

Herr von Markwald und Wattenfeld verbissen mit Mühe ein spöttisches Lächeln......

Eine Stunde später waren bereits die Gäste aufge­brochen. Obwohl schon Mitternacht vorüber war, machte Constanze noch keine Miene, ihr Schlafzimmer aufzusuchen. Sie saß allein im Musikzimmer, stützte den Kopf auf und sah ^gedankenvoll in die Flammen der auf dem Sophatisch stehenden Lampe. Schritte, die über den weichen Teppich glitten, weckten sie aus Ihrem Sinnen. Ihr Vater stand vor ihr. Seine freundlichen Augen blickten sie fragend an. Constanzens Gedanken kleideten sich unwillkürlich in Worte.

Kannst Du mir nicht sagen, Papa, was die Eltern des Referendars Köster eigentlich für Leute sind?"

Der Kammergerichtsrath sah seine Tochter erstaunt an, und ein flüchtiges, kaum sichtbares Lächeln huschte über seine milden und edel geformten Züge. .

Das weiß ich wirklich nicht, Kind," antwortete er, aber wenn es Dich interessirt, kann ich mich ja danach er­kundigen."

O . . . ich . . . danke, Papa," stammelte sie, in dem Gefühl, daß sie schon zu viel von ihren geheimsten Gedanken verrathen habe.Es war so eine Idee von mir . . . es schoß mir so im Augenblick durch den Kopf."

Nun . . . nun," sagte der Kammergerichtsrath zu seiner Tochter gütig, sie gleichsam vor sich selbst entschuldigend, warum solltest Du Dich für die Familienverhältnisse unserer Gäste nicht interessiren? Ueber den jungen Köster weiß ich im Augenblick nichts Näheres, ich weiß nur, daß er ein sehr begabter junger Mann ist und daß er im Amte einen bei unseren jungen Herren seltenen Eifer an den Tag legt. Und da heute bei uns im amtlichen Leben nicht mehr vor­nehme Geburt und Privatbeziehungen den Ausschlag geben, sondern allein die persönliche Tüchtigkeit, so läßt sich mit ziemlicher Sicherheit ihm eine schöne Carrisre prophezeien."

So? Wirklich, Papa?" trat es dem jungen Mädchen unwillkürlich über die Lippen, während ihre Augen auf­leuchteten und sie von Neuem über und über erglühte.

XI.

In Carl Kösters glücklicher, kleiner Häuslichkeit kehrte die Sorge ein. Die Firma C. W. Dalchow hatte erkannt, daß mit den Hängelampen, die ihr früherer Werkmeister fabricirte, ein Geschäft zu machen sei. Flugs warf sie sich ohne alle Scrupel auf den Artikel, den Carl zu seiner Specialität erkoren hatte. In großen Massen stellte die große Fabrik eine Nachahmung der Köster-Lampen her, die kaum von dem Originalfabrikat zu unterscheiden war, und da die reiche Firma die Rohmaterialien in ganz andern Quantitäten bezog als Carl, so war sie auch in die Lage versetzt, üen kleinen Fabrikanten 7m Preise erheblich unter­bieten zu können. Um zehn Procent billiger als Carl Köster