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ein Lebensgefühl ging durch sein strömendes Blut, wie er es noch nie empfunden hatte.
Längst durchwanderte er unter dieser Empfindung den Garten, am liebsten hätte er weite Felder und einen nahe winkenden Wald durchstreift. Jndeß, ein seltsames Bangen hielt ihn, nicht über den Bannkreis des geliebten Mädchens fortzueilen.
Da knirschten flüchtige Tritte, rauschten Frauenkleider im eiligen Gehen — Hilde. Sie flog förmlich auf Heinrich zu, bot ihm beide Hände und suchte nach Worten, wobei etn reines Empfinden ihr blassen Züge vergeistigte. Wortlos blickte er auf sie.
„Was müssen Sie leiden," stammelte Hilde, „wie mag hier jedes Wort und jeder Sinn Sie kränken! Hätte ich geahnt, nur eine Idee gehabt, woher Sie kommen, es wäre Alles, Alles anders gewesen."
Ueberwältigt brach sie ab, sie rang nach Athem. Heinrich ließ die schmale Hand nicht los, in der das aufgewühlte Blut klopfte und die erregten Nerven zuckten.
„Bitte, Fräulein Hilde. Sie sind ja außer sich! Setzen Sie sich wenigstens."
„Wir sind des Morgens zeitig wach, nur muß Papa dann noch ruhen. Ich leiste ihm meist Gesellschaft, lese oder plaudere ihm vor, ehe er aufsteht. Heute nahm er mich bei der Hand und erzählte mir, daß Sie im Hause meiner Mutter gelebt hätten."
„Fräulein Hilde!"
Hatte er so laut aufgeschrieen? — der Ton gellte ihm noch in den Ohren. Sie sahen sich Beide an, lange Zeit. Etwas langsamer fuhr sie fort: „Nennen Sie es indiscret von ihm? Nein, nein, er meinte es gut. Ich soll keine Ansprüche an ihre Mittheilsamkeit stellen — ich müsse Rücksicht nehmen auf Ihre Lage."
Sie verstummte. Nun es gesagt wär, schien die Hoch- fluth zurück zu ebben, fahle Blässe und heftiges Frösteln verriethen es. Heinrich ließ ihre Hand nicht los, deren feine Finger in einer kindlich leidenschaftlichen Weise durch seine geschlungen waren.
Der sehr einsichtsvolle Vater hatte vorgesorgt durch eine Schutzwehr. Daß Ines sogar hier einen Verbündeten fand! Mochte sie! Ihm galt das aufgewühlte Gemüth, die zerrissene Seele neben ihm mehr. Sanft sah er sie an, daß es war, als kose eine weiche Hand über ihre Stirn und Schläfe hin.
„Sie sind verbittert gegen Ihre Mutter?" fragte er.
Voll blickte sie zu ihm auf.
„Sehr!"
„Sagen Sie es mir."
„Es ist nur — wir sprachen schon einmal von dem Sehnen, das kein Leben auslöscht, und nach seiner Mutter sehnt man sich doch. Dann hören zu müssen, begreifen zu lernen — Sie wissen es ja. Wie ich mich geschämt habe zuerst und mein Leben darum so eigen ist, wie man seine Verzweiflung verbarg und vor dem Papa das stete Abbitten empfand, das ist unmöglich zu schildern."
„Nun ist sie tobt, ich wußte es noch nicht. Vielleicht habe ich gelacht, als sie starb — freilich, zu lustig war ich sicher nicht in meinem Leben. Nun kränkt mich auch dies.
„Doch, was rede ich von mir! Sie und Ihr Kummer sind augenblicklich maßgebend. Ich habe Papa ausgelacht über seine Meinung, Sie brauchten meine Theilnahme nicht- sicher und erst recht, sagte ich ihm. Tante Wulffen würde die Reise nicht vorbereitet und Sie sie nicht unternommen haben außer in zwingender Noth. Wenn jene Familie das Geld braucht, so wird wohl Einer dafür sorgen müssen, und das wäre zuerst ich. Isis nicht genug, daß wir unglücklich waren, sollen Jene es gleichfalls werden?
Papa wurde ganz roth und schalt, daß ich mit fliegenden Fahnen in ein anderes Lager ziehe,- deswegen lachte ich ihn natürlich aus, denn bei ihm bleibe ich immer. Bor einer
anderen Macht einmal die Flagge hissen, heißt noch nicht Ueberläufer sein, nicht wahr?"
„Nein," sagte Wulffen steif und hölzern.
Hilde schlang ihre beiden gefalteten Hände um die Knie, zusammengesunken saß sie da.
„Was das Traurigste dabei ist, ich kann Ihnen mit allem guten Willen nur wenig helfen. Und ich möchte so gern."
„Sie verkennen die Sachlage, Fräulein Hilde, weil Sie die Persönlichkeiten nicht begreifen würden, um die es sich handelt. Herr wie Fräulein Erder pflegen nicht viel Federlesen zu machen, mithin existiren Gram, Kummer und Gedankenpein kaum für sie. Sonst hätten Beide uns wohl allerseits erspart, was nun nicht mehr zu ändern ist. Sie brauchen eben nicht mit zu leiden."
„Aber — das ist ja schrecklich."
„Wieso?" fragte er.
„Sieht die Familie nicht, daß Sie leiden?"
„Nein, davon verstehen sie nichts,- in ihrer Gegenwart leidet man auch nicht, da ist man vergnügt, fidel, nichts weiter."
Ein tief nachdenklicher Ausdruck breitete sich über des Mädchens Gesicht, ihre kluge Stirn schien plötzlich über die weibliche Anmuth zu triumphiren.
„Das verstehe ich nicht. Trotzdem Sie, Herr Wulffen, jenen Beiden keinen tiefen Kummer verursacht hätten, wenn Sie sich weigerten, uns aufzusuchen, unternahmen Sie das dennoch?"
„Ich fühle mich zu sehr gebunden, um nicht eine Bedingung zu erfüllen," antwortete Heinrich stockend.
„Oh, um Ihrer Kunst willen, die Sie mit den Künstlern verbindet, helfen Sie? Nun verstehe ich."
Wie erlöst athmete sie auf, und dann erhob sie sich.
„Ich muß nun gehen, der Kaffee wird pünktlich getrunken."
Indem sie das Haus betraten, kam Tauchlitz die Treppe von seinem Schlafzimmer herunter. Er sah mir sich zufrieden aus,- nicht im gemeinen Sinne eines guten Handstreichs, sondern im besseren einer wohlüberdachten That. Seine freie, schöne Stirn war klar, die großen, tiefblauen Augen ruhig,- um den schmallippigen Mund spielte ein Lächeln.
Zur Mittagszeit begab man sich zu Hollmanns, Hilde, diesmal in schwarzer Seide mit einer kostbaren Spitze am Halsausschnitt, sah fremdartig aus- der würdige Anzug bildete einen Gegensatz zu seiner zarten Trägerin,deren Gesichtsausdruck Wulffen heute quälte.
Irmgard hatte bereits Gäste. Ihre Veranstaltungen standen stets im schreienden Gegensatz zu Hilde und zu ihrem harmonisch abgeschlossenen, allein innerlich belebten Wesen. Doch so wie heute hatte Wulffen dieses Uebel noch nicht empfunden. Eine gräßliche Zerrissenheit empfand er unter den nichtigen Eindrücken der paar Stunden, die an Disharmonie ihres Gleichen suchten. Arme Hilde!
Endlich gab Tauchlitz das Zeichen zum Aufbruch. Er schien verstimmt zu sein, fertigte er doch sogar Wiedebach kurz ab, indem er mit Hilde und Wulffen eilig ging.
„Wir machen noch einen Spaziergang, Hilde. DaS üppige Essen verursacht mir Kopfweh."
Die Beiden waren es zufrieden und obwohl das sonntäglich zahlreiche Publikum auf Weg und Steg eigentlich störend sein mußte, kam Tauchlitz heiterer zu Hause an, als man vermuthet harte.
Während er sich auf seinem Zimmer bequemer anzog, blieben Hilde und Heinrich noch draußen.
„Nun endlich komme ich dazu, von Ihren Werken zu sprechen, Fräulein Hilde. Bet solchem Innenleben kann man sich freilich an äußerster Einsamkeit genügen lassen."
Hilde streifte sein Gestcht flüchtig und scheu mit ihrem Blick. Wollte er ihr einen Vorwurf machen? „In den Arbeiten liegt doch nur das enge kleine Leben meiner Gedanken, sie ind deren Niederschlag, weiter nichts- das wirkliche Leben, eine Bestimmung in ihm würde viel mehr sein. Sie haben sie."


