Roman von Clara Bücker.
(Fortjetzung.)
zu werden, das sah er deutlich. Der Gedanke jedoch packte ihn. Ja wohl, du kleine, weiße, schwermüthige Stirn, zu denken verstehst du.
Das sprach Heinrich in das Licht der Lampe hinein, denn über ihre Zeichnung fort sah und fühlte er Hilde.
Das dritte und letzte Bild — mehr hatte sie ihm nicht gegönnt? — war noch in Oel gemalt. Es zeigte einen Christus an erhöhter Straße unter einem Baume.
Kommet her zu mir Alle, die Ihr mühselig und beladen seid, stand darunter. Nun wartete er auf seine Mühseligen, die eine Hand um einen Ast gelegt. Sein Gesicht zeigte
Ein feiner Sinn hatte Hilde die drei Blätter wählen lassen als Stationen verschiedener Jahre, sich steigernden Könnens, und unter sich verbunden wie ein Ring.' Denn das Paar auf der ersten Landschaft — irrte es ringend und suchend nach Erkenntniß weiter, bis die Schlange es fand, bis sie endlich Christus erreichten?
Wie kam das zarte Mädchen in ihrem stillen Dasein zu solch gewaltigen Wahrheiten? Wirklich nur durch die Augen, durch den tiefen Blick für das Leben?
Des Mädchens Kopf lag an des Mannes Schulter, Hingebung sprach ihr zarter Leib in jeder Linie, Kraft, sie zu stützen, nnd das Bewußtsein, er dürfe es, Niemand sonst, bekundete die Haltung seiner nervigen Glieder. Um Beider Leib wand sich die Schlange, deren züngelnder Kopf vor der Majestät, der sie nahten, erstarrte. Das Schönste waren aber die Gesichter der zwei Heranwallenden- durch die ernste, finstere Leidenschaft des Mannes brach der Strahl höherer Gotreserkenntniß, wie es aus dem liebcsweichen Gesicht der Frau unirdisch leuchtete: Wir kommen mit unserem Jammer, mit unserer Sünde. Siehst Du nicht auch auf uns, Herr, wir folgen Dir dennoch.
einen gefaßten, muthigen, über der Welt stehenden Ausdruck, vollständig gegen das Herkommen, seine Augen schimmerten so goldig warm, daß es ein Labsal schien, hineinzutauchen. Ein leuchtend rother Rock umwallte ihn- über ihm im kahlen Baume zwischen den ersten sich losringenden Blättern blühten die weißen Kerzen der Kastanie.
Von links her kamen die Gerufenen gezogen, doch überall anfgehalten- ein vergrämtes Weib von ihren Kindern, em Verbrecher vom Henker, ein Priester vom Sterbenden, ein wüster Mann von seinen Cumpanen, ein Liebespaar am Wasser vom grinsenden Fährmann, dem Tode. Hier zog ein Trupp in die Wirthshäuser und Schauspiele, viel Vornehme eilten in eine Kirche, kurz, es gelangte keine von den trefflich und characteristisch gemalten Gestalten zum Heilande, bis auf das Menschenpaar von rechts her, das, sich umschlungen haltend, zu ihm kam.
Heinrich mußte das Gemälde auf den Tisch legen, seine Hände zitterten zu sehr, die Aufregung schüttelte ihn
Das nächste, ein Original, war mit dem Stift ausgeführt, vor zwei Jahren ungefähr. Es stellte einen Jüngling in einsamer Gegend dar. Rechts im Hintergründe lag die von ihm verlassene Stadt, deren Münsterthürme, Schloßkuppeln, Sternwarten, electrische Drähte gut gegen die graue Luft abgesetzt waren- links vom Meere her sprachen Leuchtthurm und Panzergeschwader das Weitere vom Wissen und Können der Menschen. Dennoch floh er sie, irrte abgehetzt umher, eine verlöschende Fackel in der Hand, Sehnsucht in der gereckten Haltung des geschmeidigen Körpers, Sehnsucht im mageren, verinnerlichten Gesicht, die am . zwingendsten in die tiefen, aufwärtssuchenden Augen gelegt Ärmlich, war. Darunter stand: Noch sucht er die Wahrheit.
Hier ließ sich viel an Hildes Selbstvertrauen aussetzen- Alles war dem Gedanken nach groß, ja gewaltig angelegt, um während der Ausführung als kleinliche Strichelei empfunden
Mutterlieb', du heilig Amt,
Vom Herrn der Ewigkeit verliehen, Die Seele, die vom Himmel stammt, Dem Himmel wieder zu erziehen!
O Mutterlieb', du strenge Pflicht, Der Ewigkeit gehört dein Walten! Die Rechenschaft, vergiß sie nicht, Laß deinen Ester nicht erkalten!
O. v. Redwitz.
Gedankenvoll schritt er auf dem Teppich das Zimmer ab. Dann, dem impulsiven Antrieb folgsam, versenkte er sich wieder in ihre Bilder, um auf solche Weise ihre Arbeit mitzuleisten, mitzufühlen.
Zeitig am Morgen erwachte er ohne eine Spur von Ermüdung. Vielmehr hallte ein Jauchzen durch seine Seele,


