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Mit einer raschen Wendung wurde das blaffe Gesicht ihr zugedreht.
„Ich fühle mich nicht einmal angegriffen," und dabei preßte sie die eine Hand an die Schläfen, „ich kann viel aushalten!"
„Ach, ne Fräulein, daß Sie nun gar nich verstehn wollen — und ich bin doch ’ne Frau, mit der sich sprechen läßt und die denkt, leben und leben laffen. Mein seliger Kubaitz is auch so gewesen! Un was mich nich brennt, das blas' ich nich — und irgend wo einmischen? aber gewiß nich! Denn wer in Angst und Nöthen is, der denkt ganz anders, wie Einer, der seinen Arnheim dastehn hat und man bloß das Wort beim Rumdrehen sich merken muß und denn rausnehmen kann. Na, und 'nen Arnheim seh ich ja nun auch nich hier in der Wohnung, die ich Ihnen ver- miethet habe."
„Ich versteh' Sie nicht — Frau!"
Nun schlug die Röthe in das Gesicht der Wirthin, sie holte zwei Mal mit pustendem Ton Athems und hatte mit einem Ruck das Geldtäschchen hervorgezogen.
„Na, Fräulein," damit ließ sie das Zwanzigmarkstück im Lichtschein blitzen, „diese Sprache kennen Sie doch gewiß, -wenn Ihnen mein Berlinsch zu fremdmänlig is!"
„Was soll denn das?" hochmüthig klang es, ungeduldig.
Die dicken, rothen Finger trommelten auf der Tischfläche.
„Sehen Sie, Fräulein von Arabin, als er vorhin klingelte, der Doetor, und ich ihm aufmachte, ja, was sollte ich mir denn dabei denken? Nichts, als daß er nun auch mal 'n menschenfreundliches Herz hat und nachsehen wollte — und denn, als er sich so nebenher erkundigte, ob die Miethe ordentlich bezahlt wäre — und was sonst — lieber Gott, Geschäft is nu mal Geschäft, na, da mußte ich nun doch wohl meinen, daß er wegen seinem Geld käme. Und ich habe gesagt, was wahr is — ganz gewiß!"
(Fortsetzung folgt.)
Eine russische Verbrecherhöhle.
Die Sadowaja und der Sabalkanski Prospeet in Petersburg bilden da, wo sie zusammentreffen, einen Platz, den Heumarkt. In dessen Nähe liegt der berüchtigte Wjäsems- kidom, der Schlupfwinkel der Verbrecher und jeder Art lichtscheuen Gesindels. Ein Petersburger Correspondent der „Köln. Ztg." hat jüngst der Verbrecherhöhle eilten Besuch abgestattet und darüber in einem längeren Aufsatz berichtet, dem wir das Nachfolgende entnehmen.
Das Wjäsemskidom besteht aus einem größeren Gebäude an dem Prospeet und mehreren kleineren Häusern im Hofe, die eine Art Stadtviertel bilden. Hier haben begeisterte Nihilisten, die freiwillig „unter das Volk"' gegangen sind, Rekruten der That geworben; hier haben Generalstöchter das Evangelium ihrer gutgemeinten phantastischen Reformlehren gepredigt- von hier sind Einbrecherbanden auf Arbeit ausgezogen- Verdorbenen, Gesunkenen und Versunkenen, gefallenen Engeln und Gewohnheitssünderinnen, Unglücklichen, die keine helfende Hand fanden, Schwerverwundeten im Kampfe ums Dasein, von denen die Samariter des rothen Kreuzes nichts wußten, Trunkeitbolden und brotlosen Provinzlern, die sich im Leben der Millionenstadt nicht zurechtfinden konnten, allen hat das Wjäsemskidom bereitwillig seine Thore geöffnet. Unheimliche Dinge erzählt man sich. Polizisten und Gorodowois, die in das Haus und seine Schlupf winkel eindrangen, find verschwunden, spurlos, ohne Lärm, auf Nimmerwiedersehen. Als eine Volkszählung abgehaltm wurde, weigerte sich der Zählungsausschuß, das Haus zu betreten. Schließlich rückte ein Offizier und ein Zug Soldaten an und vollzog die Zählung der Hunderte von Insassen des Hauses. Dabei sprangen halbnackte Weiber mit be
täubendem Gekreisch auf die Soldaten ein und versetzten ihnen Püffe. Es ist nicht angängig, das Haus plötzlich zu säubern, da Hunderte dort zusammengepferchter Insassen gänzlich obdachlos werden würden. Man fürchtet vielleicht auch, daß sich anstatt dieser einen Verbrecherhöhle dann viele andere bilden würden, die noch schwerer zu überwachen wären. So besteht Knn dies seltsame Haus in ziemlicher Ungestörtheit weiter und liefert manchen Stoff über die Arbeit der Gerichte.
Will man dem Hause einen Besuch abstatten, so muß man sich maskiren. Denn ein Mensch mit Kragen und Manschetten, mit Weste und heilen Beinkleidern würde im Wjäsemskidom ein solches Aufsehen erregen, daß er bald von allen Insassen umringt, seiner schönen Habe beraubt und wahrscheinlich mit den geringen ihm verbleibenden sterblichen Resten hinausbefördert werten würde, falls ihm nicht noch Schlimmeres zustößt. Indessen die Verkleidung gelingt auch,- sie gelingt so gut, daß der Jswoschtschik das Geld im Voraus verlangt, ein untrügliches Zeichen, daß er an die Zahlungsfähigkeit nicht glaubt. In der Nähe des Hauses wird gehalten. Während der Jswoschtschik noch mit einem Gorödowoi verhandelt, wahrscheinlich um anzugeben, woher der neue Strolch gekommen sei, ziehen wir ins Wjäsemskidom ein, Kopf und Rücken gebückt und auf dem Gesicht das hoffnungslose, zu allem fähige Nit>chewo. Zunächst der Hof. In einem Winkel hat sich ein Theeverkäufer ausgestellt. Die Theeblätter zieht er aus der einen Tasche seines schmierigen Pelzes hervor, den Zucker aus der andern. Eine Kopeke kostet ein Glas dieses trüben grünlichen Getränkes, aber das Glas muß man mitbringen. Kinder und elende Gestalten umlagern den vielbeneideten Mann, der Thee trinken kann/ soviel er will. Er füllt das Getränk in die ihm vor- gehaltenen zerbrochenen Gläser, Tellerscherben und Schalen - ein rothbackiger Bengel läßt sich den Thee sogar in eine Cigarettenschachtel gießen und zieht stolz davon. Plötzlich entsteht Streit, der Theemanu ist umringt und von einem Angriff bedroht- man will seinen Samowar haben, den er gestohlen hätte. Der Kerl ist auf Alles vorbereitet, er packt seinen Samowar und wirst ihn einem der Schreier an den Kopf, daß der ganze Haufe pustend und brüllend auseinanderfährt, und weg ist er, hinaus auf die Straße.
Es ist ein jämmerliches Volk, das sich nun um den zerbrochenen Blechsamowar zankt- die meisten in überaus dürftiger Kleidung, doch auch einige handfeste kernige Gestalten unter ihnen, die in dem Staube, Schmutz und Elend vortrefflich zu gedeihen scheinen. Die Stuben der Häuser sind meist an feste Abnehmer dauernd vermiethet, schön für einen Rubel monatlicher Miethe giebt es Zimmer. Die festen Abnehmer nehmen beliebig viele Astermiether auf, um die man sich nicht bekümmern kann, obwohl die Criminal- polizei auch die Agenten in dem Hanse unterhält, die natürlich Niemand der Insassen kennt. In den Häusern giebt es mehrere hundert Zimmer- manchmal sind die Zimmer so voll, daß mehr als zwanzig Personen in einem Raume bei einander hocken- das macht mehr als zweitausend Einwohner. Man findet auch ordentliche „Arbeiter", die Morgens an ihr Tagewerk gehen und Abends zurückkehren- sie benutzen das Haus als billigstes Quartier in der Mitte der Hauptstadt. Von einem handfesten Dwornik begleitet, treten wir die Wanderung durch die Häuser an. „Im Winter", sagt er, „ist es besser hier. Der Geruch ist nicht so schlimm".
Er mag recht haben, dafür kann in den Zimmern der Geruch int Sommer kaum schlimmer sein, als jetzt. Durch eine lange, an der Seite offene Gallerie pfeift der Wind und häuft den Schnee vor den Thüren auf. Die Gestalten des Elends huschen über den Flur, tiefäugige Weiber rufen ihre Waare aus, alte Zwiebacke und Brotschnitten, lärmende Trunkenbolde fluchen und fingen Lieder, von denen wir glücklicherweise nicht Alles verstehen. Wir öffnen eine Zimmer- thür. Rauch, Tabakqualm, Branntweindunst und Wolken von Seifenwasserdämpfen strömen uns entgegen.


