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„Sie — von einem Bureau zum andern wandernd, nach Beschäftigung suchend —"
„Ich habe die Kinder sehr gern, Herr Doctor."
„Oh!" Und er sah sie an, vornehm, selbstbewußt, jungfräulich herb — und die Wesen alle, die er unter der Bezeichnung „das Fräulein" in den Familien kannte, bleich, unbeachtet/ mit den Kindern kommend und gehend, ihren Launen und denen der Hausfrau unterworfen, französisch und englisch wie ein Papagei schwatzend, verblühend in den Hinterräumen, geblendet im Sommer von der grauweißen Wandfläche des gegenüberstehenden Hausflügels, die Augen anstrengend im Winter im Halblicht.
„Sie haben kein besonderes Talent, Fräulein von Arabin, auf welches Sie Hoffnungen bauen könnten?"
„Keins! In unserer Landfräulein-Erziehung kommt dergleichen nicht zum Durchbruch."
Ec murmelte etwas, aus dem es wie Wunsch und Hoffnung dienen zu können klang.
„Ich habe schon als Kind nicht gern fragen mögen — vielleicht eine dumme Angewohnheit. An dem Tage, als der Vater erkrankte, stürzte ich mit dem Wunsche, einen Arzt zu finden, an der Wirthin vorbei, hinaus auf die volksreiche Straße, immer weiter, entlang- an den Häusern, bis ich Ihr Schild las. Viele Anderen wären vielleicht näher gewesen — ich mochte nicht fragen!"
Sie wischte mit der Linken über die Augen und reichte ihm die Rechte. „Gedankt habe ich Ihnen noch nicht — aber wenn es Ihnen angenehm zu wissen ist, daß Sie der letzte wohlthuende Eindruck für einen Menschen waren, der nicht anders konnte, als an Form und Aeußerem hängen, so sei das gesagt."
„Ich danke Ihnen, gnädiges Fräulein!"
Seine Pulse klopften heftig, fein Athem ging rasch, es war ihm, als dränge ihn ein gewaltiges Gefühl, sich vorzubeugen, nach ihr, die so schutzlos und verlassen auf der Welt stand und sich so trotzig wehrte gegen jede Hilfsbereitschaft, die Arme auszubreiten, sie an sich zu ziehen und sie nimmer zu lassen — „da ist Deine Heimath, da sollst Du Dein Haupt betten, Du scheuer Vogel — nicht in den Kampf mit Arbeit und Roth, nicht in die häßliche Welt sollst Du hinaus, ich will Dich schützen und schirmen und ich will erzwingen, daß Du es duldest durch meine Liebe" —
Da ging die Thür auf, ein breiter Lichtschein fiel herein und in demselben tauchte die runde Gestalt der Wirthin auf.
„Ich soll wohl die Lampe bringen?"
„Ach ja —" sagte die tiefe Stimme Fräulein von Arabins — „verzeihen Sie, Herr Doctor!"
„Bitte — bitte!"
Frau Kubaitz kam mit trippelnden Schritten und setzte die Lampe in die Mitte des Tisches, fuhr mit der Hand glättend über die Decke und meinte: „Na, wenn man sich was erzählt, geht die Zeit hin, und denn kann man nich an Alles denken —"
Mit dem Lichtschein, dem Eintritt der Frau Kubaitz, dem Lautwerden ihrer Worte, war Bruno Hallsberg wieder in die Wirklichkeit zurückgerufen. Er gab sich einen Ruck, die „andere Stimme" sprach jetzt in ihm: Unvernünftig darfst Du nicht sein, Bruno — bedenke doch, ein junger Mann mit noch nicht ausreichender Praxis — die Anforderungen des Lebens — keine Uebereilungen, denen die bittere Reue auf dem Fuße folgt — verständig, aber ganz verständig, wenn ich bitten darf!
Und nachdem Frau Kubaitz den Thürgriff eingedreht hatte, erhob er sich, machte eine Verbeugung und sagte: „Mein gnädiges Fräulein, so erübrigt mir denn nur noch, Ihnen das Beste zu wünschen," — ein leichtes Räuspern. „Was mich betrifft, war mir's angenehm, Sie so gefaßt und zielbewußt zu sehen — warum sollte nicht auch Ihr Schicksal sich auf das Günstigste wenden —"
„Wollen Sie nicht," zuckte es spöttisch um ihre Mund
winkel, „hinzufügen, daß ich's verdiene — verdiene, obwohl Sie die Tiefen und Untiefen meines Characters nicht kennen.
Ohne Phrasen — schwerlich sehen wir uns im Leben wieder, Herr Doctor, Ihr Erscheinen in dieser Hinterwohnung hat doch etwas Wohlthuendes gehabt — und da ich Sie für einen ehrlichen Menschen halte, spreche ich das aus."
Wieder lag ihre schmale Hand in seinen Fingern, ein Grüßen, noch ein paar Schritte neben ihr nach der Thür, dann war er draußen. Frau Kubaitz prallte zurück und half sich mit einem halben Lächeln und der Frage: „Der Herr Doctor gehn nun doch schon? — ach —! Hier ist der Hut, Herr Doctor! Ja, Sie haben es gewiß eilig, wer auf sein Geschäft sieht und es zu was bringen will, der muß das ja auch wohl."
Er drehte den Schirm in den Händen. „Frau Kubaitz, Sie haben gewiß viel Mühe in diesen Tagen gehabt — ja, wer so allein steht, wie Fräulein von Arabin — hm! sorgen Sie nur immer gut für sie."
Bei dem Händedruck, den er bei diesen Worten der Wirthin spendete, blieb ein Geldstück zwischen ihren Fingern zurück. Dann eilte er hastig die Treppen hinab. Unter der nächsten Laterne — jetzt flackerten die Gaslicher über die Straße und beleuchteten die Spuren von einem kurzen Regenschauer — zündete er sich mit vieler Mühe eine Cigarre an. Indem er auf die Pferdebahn wartete, dachte er an das eben Durchlebte.
Bah, wenn der Augenblick ihn wirklich hingerissen hätte, was dann? Nur keine Illusionen! Sie würde mit einem erstaunten „mein Herr" jedenfalls schön abgewinkt haben! Dumme Idee, alberne Behauptung, daß die ausflammende Liebe auch plötzlich die Gegenliebe erwecken soll! Dieser Aristokratin, mag sie noch so ironisch über Ahnenthum und Vorurtheile sprechen, wird es ungleich leichter werden, sich hier und da einzusügen, und auf den Prinzen aus dem (Märchen zu warten, als freiwillig ihre Hand in die Rechte eines bürgerlichen Mannes zu legen und mit der Vergangenheit für immer zu brechen. Ja, wahrhaftig diese Frau Kubaitz ist wirklich etwas wie 'ne Art Schutzengel geworden, und in unserer Zeit haben die keine Flügel mehr, sondern können ganz gut in einer Haube, einem Wollrock und blauer Schürze figuriren.
Da kam die Pferdebahn — und er sprang mit einem Satz hinauf. —
„Ne, so was!" sagte die Wittwe Kubaitz und drehte das neue Zwanzigmarkstück in ihren Fingern hin und her, als müsse sie sich von der Echtheit desselben überzeugen — „so was — da seh' nur mal Einer! Man guckt den Leutchen immer nur vor den Kopf — hm! Na, ja, ich kenne doch die Welt! Das braucht mir Keiner vorzumachen, daß die sich zum ersten Male gesehen haben, wie das mit der Lungenentzündung kam — mir nich! Und hat wahrhaftig gethan, wie eine Prinzessin!"
Dann richtete sie sich kerzengerade in die Höhe, griff nach einem Zeitungsblatt, das gebracht war und schritt Fräulein von Arabins Thüre zu.
Als sie eintrat, stand die schlanke Gestalt am Fenster.
„Ja, ja!" nickte die Kubaitz und ein Lächeln glitt um ihre vollen Lippen. „Und hier wäre die Abendzeitung."
„Danke!"
„O bitte, ich gebe sie Ihnen gerne!"
„Ja — ich danke!"
Frau Kubaitz kam bis in die Mitte des Zimmers.
„Wenn das gnädige Fräulein sonst noch was will?—" „Ach nein —"
„Ich meinte man — und dann, weil der Herr Doctor es auch meinte —"
Nun stand die kleine Person bereits am Tische und glättete mit der Handfläche gewohnheitsgemäß die Decke.
„Na ja, ich sollte ein bischen Acht geben —" „Ich bin nicht krank."
„Ne — so war es auch nicht gemeint, anders, aus Vorsorge, gnädiges Fräulein!"


