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Meine Knechte und Mägde können ja, wenn mein Wort nicht gelten sollte, bezeugen, daß wir den Papagei mit auS dem Teich gefischt haben."
„Wo ist das Thier?" suhr ihn der Doctor an.
Göbener machte eine wegwerfende Bewegung.
„Weiß nicht. Ich habe dem Knechte geboten, mir die Unglückscreatur aus den Augen zu bringen, konnte sie nicht mehr sehen, er wird das Thier irgendwo eingegraben haben."
Doctor Holten antwortete nicht darauf, sondern fragte: „Und wo ist meine Schwester?"
„Wir haben sie in der Wäschekammer niedergelegt," erwiderte der Amtmann. „Adolf ist bei ihr- der arme Junge kann sich gar nicht von ihr trennen."
„Ja, ja, er hat sie so sehr geliebt," versetzte der Doctor und streifte dabei den Amtsrath mit einem Blick, vor welchem dieser unwillkärlich die Augen niederschlug „Jetzt aber soll er sie mir überlassen."
Er stürmte zur Tgür hinaus. Der Amtsrath hielt den alten Göbener, der ihm folgen wollte, zurück. „Lassen Sie ihn, sein Schmerz muß austoben!" sagte er und nahm wieder Platz. Es schien ihm, als dürfe er Rapshagen nicht verlassen, so lange Doctor Holten dort weilte.
XVI.
„Stephan!" stammelte Adolf, „so müssen wir uns Wiedersehen!" Er wollte seine Hand ergreifen, der Doctor entzog sie ihm und sagte mit bitterem Hohn:
„So müssen wir.uns Wiedersehen, mein lieber Schwager. An der Leiche meiner armen Schwester, die, wie ich soeben erfahre/ Deine Braut gewesen sein soll."
„Sie war es," antwortete Adolf, vermochte jedoch Stephan nicht in die Augen zu sehen, und dieser fragte:
„Und Carola Münter? Meinst Du Deine häufigen Besuche in Waldhof sind unbemerkt geblieben?"
Adolf wollte antworten, Doctor Holten gebot ihm durch eine herrische Geberde Schweigen.
„Darüber wirft Du mir später Rechenschaft geben- jetzt laß mich allein mit den armen Ueberresten Derjenigen, die Ihr mir entrissen habt!"
Er deutete nach der Thür- Adolf entfernte sich gleich einem Schuldigen, der seinen Richter gefunden hat.
Doctor Holten trat zu der Todten und schaute lange in das bleiche Gesicht, als wolle er von den bläulichen Lippen das Geheimniß ihrer letzten Stunden ablesen, dann ergriff er ihre Hand und sagte halblaut:
„Eine innere Stimme sagt mir, daß es bei Deinem Tode nicht so zugegangen ist, wie man mich glauben machen will. Hast Du das Leben nicht mehr ertragen und freiwillig den Tod gesucht? Ist ein Verbrechen an Dir begangen worden? Ich will, ich muß es ergründen, und wehe Deinen Mördern, sie sollen an mir einen unerbittlichen Rächer finden, das gelobe ich in Deine erkaltete Hand."
Noch ein paar Minuten verweilte er stumm und thränen- los neben der Leiche, dann breitete er das Tuch über sie und verließ das Gemach.
Beine Miene hatte sich verändert- Schmerz, Haß und Wuth waren verschwunden, an ihre Stelle war der Ausdruck eiserner Willenskraft getreten, hart waren die Linien seines Gesichts, hart blickte das braune Auge, jede Aehnlichkeit mit der Schwester war wie weggewischt.
Amtsrath Wenzel, der im Hausflur stehend mit Adolf Göbener eine kurze, aber schwerwiegende Auseinandersetzung gehabt hatte, glaubte einen ganz Anderen vor sich zu sehen, als den Doctor Holten, welchen er bisher gekannt hatte. Aber der Mann interesstrte ihn und es war zudem nicht seine Art, sich kleinlich von Dingen beeinflussen zu lassen, die er sür hinter sich liegend hielt. Ec trat an ihn heran und sagte:
„Ich höre, Sie haben kein Fuhrwerk bei sich, Herr Doctor. Darf ich Ihnen anbieten, mit mir zu fahren?
Ich mache keinen allzu großen Umweg, wenn ich Tie bis in die Nähe von Greifswald bringe."
Doctor Holten zögerte nur ganze kurze Zeit, dann antwortete er:
„Ich nehme Ihr Anerbieten an, Herr Amtsrath. Ein Gutsbesitzer, der soeben von Greifswald fortfuhr, hat mich Verzweifelten, der ich mich zu Faß aufgemacht, den größten Theil des Weges mitgenommen, und ich möchte den Herrn Amtmann Göbener weder um ein Fuhrwerk bitten, noch die Nacht in seinem Hause zubringen.
„Ich gehe," fuhr er, zu dem hinzugekommenen Amtmann gewendet, fort, „aber morgen komme ich wieder. Die Leiche meiner armen Schwester soll nicht ins Grab gelegt werden, ohne vorher untersucht worden zu sein."
„Das ist auch mein Wunsch und ich werde Dir dankbar sein, wenn Du die dafür erforderlichen Schritte thust," antwortete völlig gelassen der alte Göbener.
Der Wagen des Amtsraths wurde von Jochen vorgefahren- Wenzel schwang sich auf und ergriff Zügel und Peitsche, Doctor Holten nahm neben ihm Platz und das leichte Gefährt rollte vom Hof.
Eine Zeitlang fuhren sie schweigend durch die Aue, von Blüthenduft durchwürzte Luft dahin- der letzte Schimmer des Tages war noch nicht ganz verschwunden, aber schon stand der Mond am Himmel und mehr und mehr behauptete sein silberner Schein die Herrschaft. Kein Windhauch war zu spüren, ein tiefer, süßer Friede herrschte in der Natur, aber in des Doctors Brust stürmte eS heftig. Seine Gedanken errarhend, sagte der Amtsrath:
„Ich bin sonst kein Lobrcdner des Amtmanns Göbener, aber ich muß gestehen, bet dieser traurigen Veranlassung hat er sich musterhaft benommen."
Der Doctor antwortete nur durch eine abwehrende Bewegung.
„Ich fürchte, Sie thun ihm bitteres Unrecht, Herr Doctor."
Stephan Holten stieß einen tiefen Seufzer aus.
„Vielleicht thue ich es- aber ich vermag nicht an Göbeners Darstellung zu glauben, und kann, will ebenso wenig annehmen, daß meine liebe, fromme Schwester absichtlich den Tod gesucht hat."
„Herr Doctor!" fuhr der Amtsrath auf. „Was bringt Sie auf eine solche Vermuthung?"
„Ist sie gänzlich grundlos?" fragte Stephan und sah i ihm fest in's Gesicht.
Amtsrath Wenzel senkte die Augen, erhob sie aber sogleich wieder und begegnere frei und klar Holtens Blicken.
„Herr Doctor, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß Adolf Göbener mit Ihrer Schwester verlobt war, andernfalls
„Genug, Herr Amtsrath," unterbrach ihn Doctor Holten. „ES bedarf keiner Versicherung, ich habe das von vornherein nicht anders angenommen. Adolf Göbeners Schuld wird dadurch nur schwerer."
Der Amtsrath holte tiefe Athem - er gedachte jetzt mehr der lebenden Carola als der todten Anna- aber milde sagte er: .
„Richten wir nicht, Herr Doctor! Das menschliche Herz ist so räthselhaft und widerspruchsvoll."
„Doch nicht immer, Herr Amtsrath, es giebt noch Herzen, welche die Treue zu halten wissen," erwiderte Doctor Holten warm, aber schnell einlenkend, fügte er hinzu: „Ich muß die Wahrheit ergründen- wollen Sie mir dazu behilflich sein, Herr Amtsrath?"
„Zwar will es mich bedünken, die Vorgänge sind uns der Wahrheit gemäß dargestellt, aber trotzdem will ich Ihnen das Versprechen geben, Herr Doctor. Auch mir muß daran liegen, daß das Dunkel, wenn wirklich ein solches herrsch:, aufgeklärt wird."
„Ich danke Ihnen," entgegnete Holten und ergriff die Hand, welche ihm der Amtsrath reichte, „und nochmals Dank


