Ausgabe 
24.3.1898
 
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Donnerstag dm 24. März

in

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MN-- s gilt der Mann nicht mehr allein In dieser Welt voll Streberhaft,

Du brauchst heut' selber nichts zu sein,

Wenn Du nur einen Vetter hast,

Der etwas ist! SB. Herbert.

Der Amtmann von Rapshagen.

Criminal-Roman von F. Arnefeld.

(Fortsetzung.)

Amtsrath Wenzel war in dem großen Wohnzimmer, das in der zunehmenden Dämmerung einen öden, be­ängstigenden Eindruck machte, allein zurückgeblieben, denn auch der alte Göbener war nicht zu ihm zurückgekehrt, und überlegte, ob er nicht sogleich anspannen lassen und fort­fahren sollte, denn eigentlich hatte er auf Rapshagen, wo es ihm von Minute zu Minute, unheimlicher ward, nichts mehr zu suchen. Da öffnete sich die Thür und herein stürzte mit hochrothem Gesicht, bestaubt und keuchend Doctor Stephan Holten.

Beim Anblick des Amtsrathes fuhr er betroffen zurück und auch dieser bewahrte nicht ohne Mühe seine gelassene Haltung.

Sie hier, Herr Amtsrath!" stammelte der Doctor, ohne sich bei einer Begrüßung aufzuhalten.Es ist also nicht ein toller Jrrthum meiner Hausleute?"

Leider nein," erwiderte Wenzel mit aufrichtiger Theil- nahme.Ihre Schwester ist tobt, ist im Paddenteich ertrunken."

In dem Bemühen, ihren Papagei, der sich dorthin verflogen hatte, herauszuholen?" fragte Holten und der Amtsrath neigte stumm bejahend den Kopf.

Auch der Doctor schwieg einen Augenblick wie betäubt vom Uebermaß des Schmerzes, dann fuhr er auf:Wo ist sie? Wo ist der Amtmann Göbener, daß er mir Rechenschaft giebt, daß"

Als habe er sein Stichwort empfangen, so trat in diesem Augenblick der alte Göbener ins Zimmer und rief:

Da bist Du ja, Stephan, wie bist Du hergekommen? Ich habe keinen Wagen auf den Hof fahren hören?"

Mit finster zusammengezogenen Brauen und einem Gesichte, in welchem weit mehr Zorn und Wuth als Schmerz und Trauer ausgeprägt war, antwortete Stephan:

Wie ich hierher gekommen bin, ist gleichgiltig, ich bin j hier und frage Sie, Herr Amtmann Göbener, was haben i Sie mit meiner Schwester angefangen?"

Göbener wich einen Schritt zurück, als ob er einen : Irrsinnigen vor sich habe und sagte mitleidig:

Du weißt nicht recht, was Du sprichst, mein armer $ Stephan, aber ich kann Dir das nicht Übelnehmen. Mein i unglücklicher Adolf rast auch an der Leiche seiner geliebten \ Braut"

Braut?" unterbrach ihn der Doctor mit einem un- j gläubigen Lächeln.

Ja, ja, sie war seine Braut, ich seh'S jetzt ein, ich | hätte nicht darauf bestehen sollen, daß cs auch vor Dir geheim gehalten wurde- aber ich hatte meine guten Gründe!"

Die haben Sie für Alles, was Sie thun, Herr Amt­mann Göbener," erwiderte Holten sehr scharf und dieser wimmerte:

Du solltest nicht so mit mir umgehen, Stephan! Wenn Du wüßtest, was ich seit heute Mittag, wo wir da- arme Mädchen aus dem Teich gezogen haben, ausgestanden habe, Du hättest Mitleid. Anna ist mir ja so lieb gewesen wie meine eigenen Kinder"

Ein schneidendes Lachen unterbrach ihn:

So lieb, daß Sie ihrem einzigen Bruder den Verkehr mit ihr unmöglich machten!" schrie er.So lieb, daß ihm aus ihrer sogenannten Verlobung mit Ihrem Sohn ein Geheimniß gemacht wurde, daß Sie das arme Mädchen dem einzigen Menschen entfremdeten, der es wirklich gut mit ihr meinte, daß Sie sie ausnutzten und nie zufrieden waren, so sehr sie in Ihren Diensten sich mühte und plagte. Damit sie keine Klage gegen mich ausstoßen konnte, durste ich Ihre Schwelle nicht überschreiten, durfte Anna niemals zu mir nach der Stadt kommen! Jetzt, wo ein jäher Tod sie ereilt hat, ruft man mich herbei und will mir das Märchen von dem ertrunkenen Papagei erzählen, aber ich glaube nicht"

Eine Hand legte sich fest auf seine Schulter:Still, junger Mann, sprechen Sie in Ihrer Erregung nicht Worte aus, die Sie später gereuen würden," mahnte der Amtsrath; Göbener aber erhob abwehrend die Hände und sagte im Tone des gekränkten, aber verzeihenden Biedermannes:

Lassen Sie ihn, Herr Amtsrath, er weiß nicht was er in seinem Schmerz redet und ich trage es ihm nicht nach.