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Mehrmals war es schon zu recht heftigen Auftritten zwischen Vater und Sohn gekommen. Der Alte hatte Adolf gedroht, seine Hand gänzlich von ihm abzuziehen, wenn er an der Betteldirne festhalte, wogegen Adolf mit einer ihm sonst gar nicht eigenen Festigkeit erklärt hatte, er würde nicht von Anna lassen und warten, bis er ihr eine bescheidene Existenz bieten könne. Göbener hatte sogar gedroht, Anna aus dem Hause zu werfen und Adolf verboten, zum Besuch nach Rapshagen zu kommen. Es war jedoch bei den Worten geblieben.
Das junge Mädchen machte sich im Haushalte viel zu nützlich, als daß der Amtmann sich ohne weiteres ihrer Dienste hätte berauben wollen, auch mußte er wohl Gründe haben, es mit seinem Sohn nicht zum offenen Bruch kommen zu lassen.
Die Frau Amtmann hatte wieder den Muth gefunden, sich auf die Seite des Sohnes zu stellen und wurde dabet sogar von den beiden Töchtern unterstützt.
Gemeinsam hatten sie den Alten bestürmt, Adolf die Einwilligung zu seiner Verheirathung mit Anna zu geben und nun war das Gewünschte und doch kaum Erhoffte wirklich geschehen.
Nach einem Besuch, den Amtmann Göbener in Fuchsberg, dem Gute seines ältesten Schwiegersohnes, abgestattet, hatte er seinem Sohne, den er bei seiner Rückkehr wieder in Rapshagen gefunden, zu dessen grenzenloser Ueberraschung erklärt, daß er nicht länger gegen bte Heirath sein wolle.
Wetterte und tobte er dabei auch, daß der Junge eine grenzenlose Dummheit begehe und er selbst ein Schwachkopf sei, daß er sie zulaffe, so lag eine solche Art der Gewährung nun einmal in seiner Natur und brauchte nicht weiter ins Gewicht zu fallen.
II.
„Na, Alte, was sagst Du nun?" fragte Göbener, in das große, dreifenstrige Zimmer tretend, in welchem seine Frau in einem bequemen, mit Kissen bedeckten Korbstuhl an einem Nähtisch saß, der so gestellt war, daß sie von ihrem Platz aus den ganzen Wirthschaftshof überschauen konnte. „Iw habe soeben dem Jungen gesagt, daß er meinetwegen die Anna heirathen kann!"
„Daniel!" rief die hagere, blasse Frau, deren feines ergebenes Gesicht Spuren ehemaliger Schönheit aufwies und von vielen still und geduldig getragenen Leiden erzählte. „Ist das wirklich wahr? O wie gut ist das von Dir! Wie danke ich Dir!"
Sie warf die Näharbeit, die sie in den Händen gehabt, auf den Tisch, sprang mit beinahe jugendlicher Leichtigkeit von ihrem Sitze empor, umfaßte mit beiden Armen seinen Hals und legte ihre Wange an sein von harten grauen Bartstoppeln bedecktes Gesicht.
Er ließ einen Ton hören, der zwischen Lachen und Knurren die Mitte hielt und brummte, während er sich wieder von ihr losmachte:
„Sieh mal einer an. Wirst wohl gar noch zärtlich, Liese. Ist lange nicht dagewesen."
Die blasse Frau lächelte so glücklich.
„Ist auch lange nicht dagewesen, daß Du mich so freudig überrascht hast. Also Du hast nichts mehr dagegen?"
„Ach, dagegen hab' ich genug", erwiderte der Amtmann brummig, aber doch mit einer gewissen Gutmüthigkeit. „Aber was will ich beim machen? Ihr laßt mir ja keine Ruhe. Minna unb sogar ihr Mann, der doch sonst ganz vernünftige Ansichten hat, haben mir auch wieder zugesetzt. Ich Habs zugegeben, mag er sehen, wie er fährt."
„O, gewiß sehr gut!" rief Frau Göbener, die wieder auf ihrem Stuhl Platz genommen und nach dem Wäschestück, das sie ausbefferte, gegriffen hatte. „Die Anna ist ein Schatz."
„Na dazu wollen wir sie erst machen", murmelte halblaut der Alte, der an das andere Fenster getreten war.
Jetzt riß er es auf und rief einem Knecht, der im Vorübergehen mit einer am Brunnen stehenden Magd scherzte, zu:
„Warte, Kerl, ich werde Dir Beine machen! Ist der Eimer noch nicht bald voll!" herrschte er die Magd an.
Beide entfernten sich eilig. Göbener schaute ihnen, einen Fluch und das Scheltwort „Faules Volk" zwischen den Zähnen hervorstoß-md, nach und wandte sich dann wieder seiner Frau zu, ohne jedoch die Augen vom Hofe zu lassen:
„Aber eins sage ich Dir, und davon gehe ich nicht ab, geheirathet wird fürs erste noch nicht"
„Ach, sie sind ja auch Beide noch so jung", antwortete Frau Göbener.
„Jung hin, jung her! Darauf käm's nicht an. Ich und Du waren auch nicht älter, als die Beiden jetzt sind, als wir zusammenkamen. Da aber liegt der Hase im Pfeffer. Wir hatten was und konnten was, die aber —"
„Sie sind doch alle Beide —" begann sie, aber er ließ sie nicht weiter sprechen.
„Er muß erst eine feste Anstellung und für Frau und Kinder was zu beißen haben, denn Zuschuß geb' ich nicht."
„Aber Daniel —"
Wieder fiel er ihr ins Wort.
„Rede keine Silbe, davon bringst Du mich nicht ab. Er hat genug gekostet und Anna kann auch noch bei Dir bleiben und Dir helfen."
„Das thut sie gewiß sehr gern", sagte Frau Göbener, ihr Mann vernahm aber nicht viel von der Antwort. Sein scharfes Auge hatte jetzt eine alte Frau entdeckt, die, mit einem Korbe am Arm, sich, wie es ihm schien, heimlich und eilfertig aus dem Hofthor schleichen wollte. Erst nachdem er sie angerufen und gedroht hatte, Bettlergesindel mit Hunden vom Hofe hetzen zu lassen, nahm er das Gespräch mit der Frage wieder auf:
„Was hast Du dagegen zu reden?"
„Nichts", beeilte sich die Frau zu versichern. „Ich sagte nur, daß Anna gewiß sehr gern noch bei mir bleibt und mir kann ja nichts lieber sein als sie noch recht lange zu behalten. Ich habe es, seit sie hier bei uns ist, so gut, wie nie zuvor", fügte sie mit einem Aufleuchten der matten blauen Augen hin.
Göbeners Gesicht verfinsterte sich.
„Du solltest ihr doch nicht zu viel überlassen. Man weiß nie, was Alles in die Quiste gehen k m», wenn man nicht auspaßt. Selbst ist der Mann, das war immer mein Grundsatz."
„Anna ist so umsichtig, so sparsam und fleißig", lobte Frau Göbener.
„Vor sich gebracht hat ihr Vater bei ihrem Wirth- schaften aber doch nichts", versetzte Göbener hämisch, „und ich muß es Dir sagen, Liese, es gefällt mir nicht und taugt nichts, daß Du hier am Hellen Morgen mit dem Nähzeug in der Stube sitzest. Bist doch schon lange nicht mehr krank."
Frau Göbener ließ den Kopf sinken wie ein gescholtenes Kind.
„Ich kann hier aus dem Fenster den ganzen Hof übersetzen", entgegnete sie kleinlaut.
„Was das nützt, das merke ich, so lange ich hier stehe", erwiderte, mit einem bösen Blick seiner tief unter breiten Lidern liegenden gelbgrauen Augen, der Amtmann. „Und wenn selbst, wo bleibt die Aufsicht über die Küche und die Speisekammer, die Molkenkammer und das Feder Vieh, was für die Frau doch die Hauptsache ist? Und wie solls werden, wenn Anna wirklich heirathet? Denkst Du, ich solle Dir für schweres Geld eine Wirthschaftsmamsell ins Hans nehmen, die mich betrügt und bestiehlt?"
„O nein, nein!" versicherte die Frau eifrig, „das wirst Du mcht nöthig haben, ich werde dann wieder Alles allein besorgen können."
Sie machte eine Bewegung, als wolle sie ausstehen und sogleich an die Arbeit gehen. Der Amtmann ließ das ihm eigene unangenehme Lachen hören und sagte:


